Unterstützung für arbeitende Kinder – die Fundación Wiphala

Sonntag, 29. Oktober 2017 von Jakob Dybowski

Das Projekt wo ich hier mithelfe heißt „Fundacion Communidad Educativa de Wiphala.“ Bennant nach Boliviens zweiter Nationalflagge der „Wiphala.“

Die Fundacion (das Eckhaus) mit der Wiphala im Vordergrund

Schon seit 15 Jahren unterstützt das Projekt hier arbeitende Kinder und Jugendliche, keine Straßenkinder. Sie sind Schuhputzer, Busbegleiter, Verkäufer oder gehen anderen Hilfsarbeiten nach. In der Funcacion können sie für einen geringen Betrag ein warmes Mittagessen kaufen. Hier bekommen sie auch Hilfe bei den Hausaufgaben und können den Nachmittag mit  sportlichen oder kreativen Aktivitäten verbringen. Tanzen, Fußball und Basketball stehen genauso auf dem Programm wie Backen, Basteln, Nähen, Metallarbeiten oder gemeinsame Ausflüge. Mein Eindruck ist, dass für viele Kinder Wiphala ein Ort ist wo sie sich ausleben können und auch gerne hinkommen.

Luftballons – begehrte Spielobjekte

Und nicht alle haben es leicht zu hause. Zwar gehen eigentlich alle Kinder zur Schule doch trotzdem müssen sie oft noch arbeiten oder ihren Eltern helfen, damit das Geld zum Leben reicht. Das ist in Bolivien übrigens schon ab zehn Jahren legal.  Für einige von ihnen die aus familiären Gründen nicht mehr zu hause leben können gibt’s hier außerdem ein Wohnheim. Die etwas älteren werden von der Fundacion in Beruf, Ausbildung und Studium unterstützt. Manche der Mamas sind in der Strickgruppe dabei, die sich auch regelmäßig trifft. Sie verkaufen ihre Produkte dann in Weltläden in Deutschland. Ich habe mir das Stricken beibringen lassen und es ist tatsächlich nicht ganz so schwer und macht sogar Spaß. Dabei kann man sich nämlich gemütlich unterhalten und ich lerne ein bisschen „Aymara,“ die indigene Sprache der Region. Die Mütter sind sehr allesamt sehr freundlich und lebhaft. Generell finde ich es schön, dass hier in Wiphala so viele Generationen zusammenkommen und sich austauschen.

So werden Mützen gestrickt

Mein Tag beginnt hier so gegen 8 mit dem Aufstehen und kurzem Frühstück. Aber erst um 11 Uhr muss ich in der Fundacion sein. So kann ich, bevor ich ins Projekt gehe noch kurz einkaufen, Wäsche zu waschen oder einfach mal auszuschlafen. Genial! Weit laufen muss ich auch nicht. Kaum losgegangen bin ich eigentlich schon da. Wenn ich dann morgens ankomme, beginne ich meistens mit eher organisatorische Tätigkeiten. Ich hab z.B. schon die Dusche und einige Schränke repariert, die Spiele wieder geordnet, Bücher einsortiert, in der Küche mitgeholfen und das Fenster wieder in Ordnung gebracht, damit keine Katzen mehr von der Straße reinkommen. Ein paar Mal wurde nämlich schon die Küche durch die Katze verwüstet, was „Denise“ der Köchin verständlicherweise nicht so gut gefallen hat. Ich bin dann immer so ein bisschen für alles da was gerade anfällt oder gemacht werden muss. Ehrlich gesagt eigentlich ziemlich gemütlich, da vormittags auch noch keine Kinder da sind.

Die kommen erst gegen halb eins. Dann geht’s ab! Bis es um halb zwei Mittagessen gibt werden Tische gewischt, Böden gefegt und das Bad gereinigt. Zumindestens theoretisch 😉 in der Praxis haben die Kids natürlich viel mehr Lust Fußball, Fangen oder Basketball zu spielen. Alles aber nicht aufräumen. Es fiel mir anfangs schwer mich in so einer Situation durchzusetzen. Mittlerweile habe ich aber ein paar Tricks und Überzeugungstaktiken drauf. Ich würde sagen, dass ich dadurch mittlerweile etwas mehr über Motivation gelernt habe. Meistens schaffen wir es mittlerweile also sauberzumachen und auch ein bisschen zu spielen bis es um 13:30 Uhr Essen gibt. Dann kommen alle unterschiedlichen Gruppen der Fundacion zusammen. Die Kleinen, die Jugendlichen, die aus dem Wohnheim, die die schon studieren und auch die älteren Damen aus der Strickgruppe. Meist läuft nebenbei Musik und es werden lebhafte Unterhaltungen geführt. Die Lieblingskonversation ist – na klar – welches Fußballteam aus La Paz denn nun besser ist. Die Tiger oder die Löwen! Nachmittags bin ich dann meistens bei den „kleinen“ und helfe bei den Hausaufgaben, spiele Spiele, lese Geschichten vor und was man sonst noch so macht in einer Nachmittagsbetreuung.

Aufgabe: Im Team die Rutsche erklimmen! – Gar nicht so einfach

„Jako – Tako, kannst du mir helfen ? Jako – Tako können wir was spielen ?“ fragen sie dann. Den Spitznamen hab ich mir übrigens nicht ausgesucht. Den bekommt man hier von ganz alleine. Von den älteren werde ich immer „Joven Jakob“ gerufen, was so viel heißt wie „Junger Jakob.“ Dabei fühle ich mich eigentlich ziemlich alt wenn ich den ganzen Tag von kleinen Kindern umrundet werde. Naja, es kommt auf die Perspektive an.

Bei den Bolivianern hier finde ich es erstaunlich, dass irgendwie viele einen englischen Namen tragen. Trotzdem werden Rose, Andy, Kimberly, Henry & Co. doch eher spanisch ausgesprochen, was ziemlich ungewohnt klingt. Witzig ist außerdem, dass hier so gut wie jedes Wort verniedlicht wird. Selbst zum Fluchen wird das spanische Wort für Sch**ße zu „Miercoles“abgewandelt. Auf deutsch heißt das dann: Mittwoch!!! 😀

Origamistunde bei den „Niños“

Es ist schwer alle meine Eindrücke hier in Worte zu fassen. Doch wie schon gesagt gefällt es mir im Projekt einfach unglaublich gut. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich mich mit meinen Kollegen blendend verstehe. Insgesamt arbeiten hier sieben „Edukatoren“ darunter auch mein Mentor „Devid.“ Sollte ich doch mal Schwierigkeiten haben munterter mich mit guten Ratschlägen und Humor wieder auf! Wirklich sehr liebenswerte, freundlich und offenherzige Menschen hier. Außerdem habe den Eindruck das ich wirklich helfen kann und das Leben der Kinder ein Stück interessanter mache. Ich kann mich engagieren, meine Ideen mit einbringen und habe das Gefühl gebraucht zu werden.

So das wars jetzt erstmal von mir so weit. Wer mehr über meine kulturellen und kulinarischen Erfahrungen wissen will sollte auf jeden Fall bald nochmal vorbei schauen. Stay Tuned!
Bis Bald euer Jakob.

 

Motor aus für die Umwelt – Tag des Fußgängers

Samstag, 28. Oktober 2017 von Jakob Dybowski

Und wo lang jetzt ? Geradeaus – einfach geradeaus. Ok, ist auch nicht so schwer zu erraten. Wir fahren jetzt schon bestimmt über eine Stunde in die selbe Richtung. Auf der selben Straße! Und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht. Langsam frage ich mich wie lang diese Straße eigentlich geradeaus gehen will. Egal. Wenigstens können wir uns so nicht verfahren;) Also: Weiterstrampeln! Links und rechts fliegen die Häuser nur so vorbei, während wir mit Vollgas über den Asphalt radeln. Die Sonne bruzelt wärmend von oben, ein kühler Fahrtwind weht mir ins Gesicht und kein Auto ist zu sehen. Ab und zu kreuzen Fußgängern oder andere Radfahrern die Fahrbahn. Ansonsten gehört die Straße uns. Freiheit!!

Hier ist normalerweise IMMER Stau.

Aber ich fang mal ein bisschen weiter vorne an. Schon fast zwei Monate bin ich jetzt hier. Wow! Eigentlich schon unglaublich lange. Mittlerweile habe ich mich auch gut an die neuen Umstände gewöhnt. Also keine Kopfschmerzen mehr, die Kälte kommt mir nicht mehr schlimm vor, mein Spanisch wird besser und die Hunde sind zu angenehmen Zeitgenossen geworden. Alles in Allem geht es mir super! Ich hatte ebenfalls Zeit genug, die neue Umgebung ein bisschen näher kennenzulernen. So habe ich zusammen mit einigen Jungs aus meinem Projekt z.B. schon eine Fahrradtour gemacht. Zweimal im Jahr gibt es in Bolivien nämlich den Tag des Fußgängers. Von 10 -17 Uhr dürfen an diesem Tag überall keine Autos fahren. Die sonst so verstopften Straßen sind dann voller Spaziergänger, Jogger oder Fahrradfahrer. Fast jeder ist an diesem Tag unterwegs. Auch ein riesiges Straßenfest findet statt. Mit diesem Tag soll auf die steigende Umweltverschmutzung durch Abgase hingewiesen werden. Warum gibt es das eigentlich nicht in Deutschland? Wer doch mal ne gute Idee! Ein weiterer Vorteil ist außerdem, dass die Menschen animiert werden sich mal wieder sportlich zu betätigen und nicht nur „faul“ mit dem Bus zu fahren. Und genau das haben wir gemacht!

Wir bei der Fahrradtour

25Km bis in den Nachbarort Viacha und wieder zurück. 20Km davon auf der selben Straße, immer geradeaus. Das „Altiplano,“ die Hochebene auf der auch El Alto liegt, ist flach und einfach riesig. Erschöpft und glücklich falle ich an diesem Tag ins Bett aber noch eine Woche später merke ich in den Beinen was ich gemacht habe. Vielleicht ist es gut, dass ich normalerweise auch den Bus nehmen kann 😉

Bis Bald euer Jakob

 

Ein Jahr in El Alto – das ist ja wohl die Höhe!

Samstag, 02. September 2017 von Jakob Dybowski

„Eigentlich bin ich noch gar nicht aufgeregt“ behaupte ich immer großspurig, wenn mich jemand zu meiner anstehenden Reise ausgefragt. „Es ist ja auch noch ein bisschen Zeit.“ Doch schneller als gedacht fliegen die Tage der Vorbereitung dahin. Und plötzlich ist es so weit. Ich kann gerade noch einmal winken, da werde ich auch schon in den Sitz gedrückt. Dramatisch heulen die Turbinen auf, das Flugzeug ruckelt über die Startbahn, die Nase geht hoch – wir fliegen. Auf geht’s nach Bolivien!!! Nun gibt es kein zurück mehr. Tschüss Deutschland! Während des Fluges versuche ich mich zu entspannen und ein bisschen zu schlafen, aber meine Gedanken halten mich wach. Langsam ist sie da, die Aufregung! Und mit ihr auch die Zweifel. Schon komisch wenn man weiß, dass man ein Jahr lang nicht zurückkommen wird. Und wenn es mir in Bolivien nicht gefällt?  Werde ich mit mich mit meiner Gastfamilie verstehen? Wie komme ich mit meinem Anfängerspanisch zurecht, wo doch dort kaum einer Englisch sprechen soll? Und vermisse ich meine Familie und Freunde nicht jetzt schon ?

Der erste Blick auf El Alto

Gute 24 Stunden Reisezeit und zweimal Umsteigen später passiere ich in El Alto zum letzten Mal eine Passkontrolle. Es ist fünf Uhr morgens. Hier geht gerade die Sonne über den Bergen auf aber ich bin hundemüde und kann mich nicht länger auf den Beinen halten.

Lautes Hundegebell reißt mich einige Stunden später wieder aus dem Schlaf. Mein Kopf pocht und schmerzt. Irgendwie will er das mit der dünnen Luft auf 4000m Höhe in El Alto noch nicht so richtig wahrhaben. Ich stehe erst mal auf… so zu mindestens der Plan. In wirklichkeit sitze ich nach Sauerstoff ringend wieder auf meiner Bettdecke. Ok langsam… Und man ist das kalt hier. Praktisch kein Haus in El Alto hat eine Heizung. In null Komma nix bin ich also angezogen, da ich es ohne Pullover schlecht aushalten kann. Im Wohnzimmer erwartet mich aber jetzt schon meine Gasfamilie. Man bin ich neugierig herauszufinden wie es hier so ist…

So bin ich also in Bolivien angekommen… Und mein erster Eindruck ist fantastisch. Genau so fantastisch wie der Ausblick den ich hier jeden Morgen aus dem Wohnzimmer habe. Man kann kilometerweit über den Talkessel von La Paz bis zum Bergmassiv des Illimani gucken. Schon cool!

Bis zum Horizont… La Paz von oben

Neben meinen sehr lieben Gasteltern leben hier noch drei Schwestern und ein Bruder, allesamt schon erwachsen. Für Sie sind deutsche Gäste nichts neues mehr denn ich bin schon der fünfte Freiwillige der bei ihnen einzieht. Dementsprechend hat hier auch jeder viel Geduld mit meinem doch sehr abgehackten Spanisch. Da ist es schon ein Glück, dass ich in einer Gastfamilie wohne. So habe ich keine andere Wahl und mein Spanisch muss besser werden. Außerdem lernt man so sicher auch mehr von der bolivianischen Anden-Kultur kennen. Aber dazu wann anders mehr.

Zusammen mit einem Teil meiner Gastfamilie

Im Hof des Hauses wohnen neun Hunde. Ich kenne immer noch nicht alle Namen. Sicher ist nur, dass sie gerne bellen und das auch nachts. Daran muss ich mich erst mal ein bisschen gewöhnen 😉 Hoffentlich kann ich mich mit ihnen verständigen wenn ich die Namen drauf habe.

Am Sonntag war ich zusammen mit meinem Gastbruder, Víctor, auf dem Markt. Der ersetzt hier in El Alto praktisch die Geschäfte. Gemüsestände reihen sich an Obststände. Eine Straße weiter, Klamottenstände, so weit das Auge reicht. Auch Schuhe, Hygieneartikel, Fahrräder und vieles mehr kann man hier kaufen. Kein Wunder das es von Menschen nur so wimmelt. Ich verlasse den Markt mit einem neuen Sonnenhut und einer wärmenden Winterjacke – beides Sachen, die ich vergessen hatte einzupacken. Perfekt ausgerüstet für das sonnige aber sehr kalte Klima machen mir jetzt nur noch die endlosen Kopfschmerzen zu schaffen. Hier in Bolivien trinkt man Mate aus Coca-Blättern dagegen. Dieselben aus denen auch Kokain gemacht wird. Als Tee sind sie aber ungefährlich und ich bin erstaunt. Es hilft. Eine Woche später habe ich nur noch beim Treppensteigen oder Fußballspielen mit den Jungs aus dem Projekt etwas Kopfschmerzen. Es geht langsam voran.

„La Feria“ – so heißt hier der Markt

Über das Projekt berichte ich später mal genauer. Dann habe ich mich dort auch sicher etwas besser eingefunden.

Ihr werdet definitiv bald nochmal von mir hören. Bis dahin alles Gute und schöne Grüße von hier oben!