Ein Jahr in El Alto – das ist ja wohl die Höhe!

Samstag, 02. September 2017 von Jakob Dybowski

„Eigentlich bin ich noch gar nicht aufgeregt“ behaupte ich immer großspurig, wenn mich jemand zu meiner anstehenden Reise ausgefragt. „Es ist ja auch noch ein bisschen Zeit.“ Doch schneller als gedacht fliegen die Tage der Vorbereitung dahin. Und plötzlich ist es so weit. Ich kann gerade noch einmal winken, da werde ich auch schon in den Sitz gedrückt. Dramatisch heulen die Turbinen auf, das Flugzeug ruckelt über die Startbahn, die Nase geht hoch – wir fliegen. Auf geht’s nach Bolivien!!! Nun gibt es kein zurück mehr. Tschüss Deutschland! Während des Fluges versuche ich mich zu entspannen und ein bisschen zu schlafen, aber meine Gedanken halten mich wach. Langsam ist sie da, die Aufregung! Und mit ihr auch die Zweifel. Schon komisch wenn man weiß, dass man ein Jahr lang nicht zurückkommen wird. Und wenn es mir in Bolivien nicht gefällt?  Werde ich mit mich mit meiner Gastfamilie verstehen? Wie komme ich mit meinem Anfängerspanisch zurecht, wo doch dort kaum einer Englisch sprechen soll? Und vermisse ich meine Familie und Freunde nicht jetzt schon ?

Der erste Blick auf El Alto

Gute 24 Stunden Reisezeit und zweimal Umsteigen später passiere ich in El Alto zum letzten Mal eine Passkontrolle. Es ist fünf Uhr morgens. Hier geht gerade die Sonne über den Bergen auf aber ich bin hundemüde und kann mich nicht länger auf den Beinen halten.

Lautes Hundegebell reißt mich einige Stunden später wieder aus dem Schlaf. Mein Kopf pocht und schmerzt. Irgendwie will er das mit der dünnen Luft auf 4000m Höhe in El Alto noch nicht so richtig wahrhaben. Ich stehe erst mal auf… so zu mindestens der Plan. In wirklichkeit sitze ich nach Sauerstoff ringend wieder auf meiner Bettdecke. Ok langsam… Und man ist das kalt hier. Praktisch kein Haus in El Alto hat eine Heizung. In null Komma nix bin ich also angezogen, da ich es ohne Pullover schlecht aushalten kann. Im Wohnzimmer erwartet mich aber jetzt schon meine Gasfamilie. Man bin ich neugierig herauszufinden wie es hier so ist…

So bin ich also in Bolivien angekommen… Und mein erster Eindruck ist fantastisch. Genau so fantastisch wie der Ausblick den ich hier jeden Morgen aus dem Wohnzimmer habe. Man kann kilometerweit über den Talkessel von La Paz bis zum Bergmassiv des Illimani gucken. Schon cool!

Bis zum Horizont… La Paz von oben

Neben meinen sehr lieben Gasteltern leben hier noch drei Schwestern und ein Bruder, allesamt schon erwachsen. Für Sie sind deutsche Gäste nichts neues mehr denn ich bin schon der fünfte Freiwillige der bei ihnen einzieht. Dementsprechend hat hier auch jeder viel Geduld mit meinem doch sehr abgehackten Spanisch. Da ist es schon ein Glück, dass ich in einer Gastfamilie wohne. So habe ich keine andere Wahl und mein Spanisch muss besser werden. Außerdem lernt man so sicher auch mehr von der bolivianischen Anden-Kultur kennen. Aber dazu wann anders mehr.

Zusammen mit einem Teil meiner Gastfamilie

Im Hof des Hauses wohnen neun Hunde. Ich kenne immer noch nicht alle Namen. Sicher ist nur, dass sie gerne bellen und das auch nachts. Daran muss ich mich erst mal ein bisschen gewöhnen 😉 Hoffentlich kann ich mich mit ihnen verständigen wenn ich die Namen drauf habe.

Am Sonntag war ich zusammen mit meinem Gastbruder, Víctor, auf dem Markt. Der ersetzt hier in El Alto praktisch die Geschäfte. Gemüsestände reihen sich an Obststände. Eine Straße weiter, Klamottenstände, so weit das Auge reicht. Auch Schuhe, Hygieneartikel, Fahrräder und vieles mehr kann man hier kaufen. Kein Wunder das es von Menschen nur so wimmelt. Ich verlasse den Markt mit einem neuen Sonnenhut und einer wärmenden Winterjacke – beides Sachen, die ich vergessen hatte einzupacken. Perfekt ausgerüstet für das sonnige aber sehr kalte Klima machen mir jetzt nur noch die endlosen Kopfschmerzen zu schaffen. Hier in Bolivien trinkt man Mate aus Coca-Blättern dagegen. Dieselben aus denen auch Kokain gemacht wird. Als Tee sind sie aber ungefährlich und ich bin erstaunt. Es hilft. Eine Woche später habe ich nur noch beim Treppensteigen oder Fußballspielen mit den Jungs aus dem Projekt etwas Kopfschmerzen. Es geht langsam voran.

„La Feria“ – so heißt hier der Markt

Über das Projekt berichte ich später mal genauer. Dann habe ich mich dort auch sicher etwas besser eingefunden.

Ihr werdet definitiv bald nochmal von mir hören. Bis dahin alles Gute und schöne Grüße von hier oben!