Winter in Nicaragua

Freitag, 16. Dezember 2016 von Mafalda Sondermann

Gibt es den überhaupt? Dieses Jahr auf jeden Fall! Zumindest fühlt es sich so an, während ich mir einen Schal umbinde, um mich nicht zu erkälten. In einem Land, in dem es theoretisch das ganze Jahr lang heiß ist, scheinen 20°C eben schon ziemlich frisch. Für mich ist das eine willkommene Abkühlung. Denn so kann ich die vielen Feste, die hier im Dezember gefeiert werden, umso mehr genießen.

Reise (aus Juigalpa) nach Jerusalem

Reise (aus Juigalpa) nach Jerusalem

Im Centro „Jesús Amigo“ war letzte Woche die Abschiedsfeier am Jahresende. Hier hört das Schuljahr im Dezember auf, sodass die Kinder jetzt bis ins neue Jahr Ferien haben. Vorher haben wir aber noch ein großes Fest mit Musik, Tanz und Spielen veranstaltet. Die Lehrerinnen und ich haben das Centro mit Luftballons geschmückt und alles vorbereitet, sodass es für den besonderen Tag auch besonders ausgesehen hat.

Als die Party dann losging gab es die erste Überraschung. Denn auf einmal waren zwanzig Kinder mehr da als sich angemeldet hatten. Aber die Direktorin hat das ganz gelassen gesehen und einfach ein paar Süßigkeitentüten mehr gepackt, während wir mit den Spielen begonnen haben. Für eine besonders gute Stimmung hat die „Reise nach Jerusalem“ gesorgt (siehe Bild).

Süßigkeitenregen

Süßigkeitenregen

Auch eine Piñata durfte natürlich nicht fehlen. Die gibt es in allen Farben und Formen: Tiere, Figuren, Autos oder eben Gemüse. Auch Letzteres sieht allerdings nur von außen gesund aus. Weil gefüllt haben wir die „Karotte“ mit Bonbons, Schokokugeln und vielen anderen Süßigkeiten. Mir hat es schon Spaß gemacht bloß zuzuschauen, während die Kinder um die Piñata getanzt sind und versucht haben, sie mithilfe eines Stockes zum Platzen zu bringen (siehe Bild). Am Ende war zum Glück genug für alle da, sodass die Kinder mit Süßigkeiten in den Taschen nach Hause gegangen sind.

Auch ich habe jetzt Ferien und verbringe viel Zeit mit meiner neuen Gastfamilie. Ich bin vor einigen Wochen zu meiner Mentorin gezogen, weil ich in der anderen Familie Schwierigkeiten hatte, mit dem Essen gesund zu werden. Jetzt geht es mir aber schon viel besser und hier fühle ich mich wirklich wohl. Mit meinen vier neu gewonnenen Schwestern helfe ich viel in der Kirche. Denn auch dort ist im Dezember viel los. Dabei scheint Weihnachten gar nicht der größte Festtag zu sein. Denn am 08.12. wird „La Purísima“ zu Ehren der Jungfrau Maria gefeiert und schon in den Nächten davor sind Raketen zu hören, die hier immer ein Zeichen für wichtige Feiern sind. Außerdem werden in vielen Häusern Altäre mit Marienstatuen aufgebaut. Davor werden besondere Lieder gesungen, von denen ich jetzt schon einige auswendig kann. Auch dort gibt es am Ende wieder Päckchen mit Süßigkeiten.

Wie man merkt, an Süßem fehlt es mir hier im Advent nicht. Zwar vermisse ich Omas Weihnachtsplätzchen, aber dafür lerne ich viele andere Traditionen kennen. So mache ich jeden Tag spannende neue Erfahrungen und fühle mich in Nicaragua immer mehr zuhause.

 

Fußball an jedem Ort

Samstag, 15. Oktober 2016 von Mafalda Sondermann

Wer mich kennt, weiß: Ich bin verrückt nach Fußball. Eigentlich kann ich mich nicht mehr an die Zeit meines Lebens erinnern, in der ich kein Fußball gespielt habe. Deshalb ist es mir umso schwerer gefallen, für ein Jahr in eine Stadt zu gehen, in der es keine Frauenfußballmannschaft gibt. Denn hier in Nicaragua sind organisierte Sportvereine für Amateure eher selten. Das könnte unter anderem daran liegen, dass es die meiste Zeit viel zu heiß ist, um durch die Sonne zu rennen. Außerdem ist der Nationalsport Baseball, wovon ich ja nicht wirklich viel verstehe.

Trotz allem gibt es hier in Juigalpa in fast allen Stadtvierteln eine Art Bolzplatz. Dieser ist meistens gepflastert und hat zusätzlich noch Basketballkörbe. Auch direkt neben dem Centro ist so ein Platz. Jedem Mittwoch wollen die Kinder also ganz besonders schnell ihre Hausaufgaben erledigen. Denn dann gehen wir danach noch für einige Zeit nach draußen. Ich habe fast schon das Gefühl, dass ich mich noch mehr darüber freue als die Mädels und Jungs. Doch die fragen auch immer begeistert, ob ich denn dieses Mal wieder mitspiele. So habe ich schon die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass einige der flinken Kinder mich ganz schön austricksen können!

Fußball am Centro

Fußball am Centro

Doch einmal jede Woche den Ball am Fuß zu haben reicht mir natürlich immer noch nicht. Deshalb treffe ich mich jeden Sonntag mit einer Gruppe von Studenten zum Kicken. Meistens spielen am Bolzplatz der Uni noch andere Fußballbegeisterte und so wird oft ein richtiges Turnier daraus. Ein bisschen komisch fühlt es sich schon an, dabei die einzige Frau zu sein. Aber wenn man dann anfängt zu kicken, spielt das eigentlich keine Rolle mehr.

Wenn ich ganz großes Glück habe, spiele ich sogar Fußball am Strand. Das ist allerdings wirklich eine Ausnahme, denn bis dort sind es ja einige Stunden Busfahrt. Aber letzten Sonntag hatten ein paar Freunde einen Ausflug ans Meer geplant und so ging es in aller Frühe los. Dabei durfte der Fußball natürlich auch nicht fehlen. Das war schon ein tolles Gefühl, die Tore in den Sand zu malen und über den heißen, dunklen Vulkansand zu rennen. Als es zu warm wurde, konnte man sich ja einfach im Meer abkühlen.

Fußball am Strand

Fußball am Strand

Also weiß ich jetzt: Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als wird in Nicaragua kein Fußball gespielt, wer danach sucht, wird nicht enttäuscht.

 

Alltägliche Abenteuer

Donnerstag, 15. September 2016 von Mafalda Sondermann

Es ist 05:30 Uhr, ich höre draußen die ersten Taxis hupen, spüre mit der Sonne auch die Hitze des Tages wiederkommen und merke, dass das Mückennetz in der Nacht auf mich gefallen ist. Das alles fühlt sich überhaupt nicht ungewohnt an, denn so beginnt für mich seit sechs Wochen fast jeder Tag.

Ich habe also meinen Alltag hier gefunden. Dazu gehört eben auch das frühe Aufstehen – aus freiem Willen, sollte ich vielleicht ergänzen. Denn so kann ich vor dem Frühstück noch Joggen gehen und ein bisschen Sport machen. Das wäre zu jeder anderen Tageszeit unvorstellbar und würde auf der Straße zusammen mit meinen blonden Haaren einige Blicke auf mich lenken. Außerdem ist es einfach wunderschön, über das Tal zu schauen und den Sonnenaufgang hinter den Bergen zu beobachten.

So komme ich morgens schon gut gelaunt im Centro an. Meistens tatsächlich als Erste, aber ich bin wahrscheinlich auch die deutsche Pünktlichkeit in Person. Bei der Arbeit finde ich mich immer besser zurecht. Das heißt, ich kann die meisten Kinder mit ihrem Namen ansprechen und weiß, wie der normale Tag abläuft: Erst die Hausaufgaben, dann die Übungen und dann nach Hause. Das ändert sich nicht, egal wie kreativ die Ausreden sind. Ich beherrsche das 1×1 wahrscheinlich im Moment besser als je zuvor. Denn schriftlich dividieren funktioniert auf jeder Sprache gleich und so helfe ich vor allem bei den Mathe Übungen.

Davon abgesehen habe ich in den letzten Wochen im Centro viel Zeit mit Zeichnen verbracht. Denn fast alle hatten die Aufgabe, die Nationalsymbole Nicaraguas (siehe Bild) oder sogar aller Länder Mittelamerikas zu malen. Nachdem ich es unzählige Male nachschauen musste, weiß ich jetzt auch, wie man „Sacuanjoche“ schreibt, den Namen der Nationalblume von Nicaragua. Ich verstehe immer noch nicht, warum jemand gerade mich nach Hilfe beim Zeichnen fragt, weil ich ja nicht unbedingt die größte Künstlerin bin. Aber für die Kinder gebe ich natürlich mein Bestes. Eigentlich fühlt es sich für mich im Centro gar nicht wie Arbeit an, denn es macht so viel Spaß.

Wie schreibt man "Sacuanjoche"?

Wie schreibt man "Sacuanjoche"?

Trotzdem freue ich mich, dass ich diese Woche drei Tage frei habe, weil heute Nationalfeiertag ist. Am 15. September wird in Nicaragua der Unabhängigkeitstag gefeiert. Deshalb ist die ganze Stadt mit Flaggen und typischen Symbolen geschmückt (siehe Bild). Gestern gab es schon einen großen Umzug mit traditioneller Kleidung, Musik und Tänzen. Heute ist dagegen eher ein ruhiger Tag, von den laut knallenden Feuerwerken jede halbe Stunde mal abgesehen. Ein guter Zeitpunkt, um mich mit Freunden zum Fußball spielen zu treffen. Denn wer mich kennt, weiß, auf dem Fußballplatz fühle ich mich wie zuhause.

Miniatur-Nicaragua

Miniatur-Nicaragua: Wer findet die Sacuanjoche?

So habe ich mich sehr gut in Juigalpa eingelebt und bin ich immer beschäftigt. Vieles ist schon zu Gewohntem geworden und trotzdem gibt es jeden Tag noch etwas Neues zu entdecken. Morgen fahre ich über das Wochenende nach Granada und besuche Lea, die Freiwillige dort. Ich kann es kaum erwarten, eine andere Seite des wunderschönen Nicaraguas kennenzulernen!

 

Stadt, Land, Fluss

Sonntag, 21. August 2016 von Mafalda Sondermann

Es ist unglaublich, dass ich jetzt schon länger als zwei Wochen hier bin! Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich gestern erst in Nicaragua angekommen. Andererseits habe ich in dieser kurzen Zeit schon so viel erlebt.

Meine Gastfamilie hier in Juigalpa wohnt ziemlich zentral in der Nähe der Innenstadt. Das ist praktisch, denn so kann man einfach zu vielen Geschäften laufen. Gestern war ich zum ersten Mal alleine beim Supermarkt. Das war irgendwie aufregend, denn ich kenne mich noch nicht so richtig aus und verstehe auf Spanisch auch nicht alles. Aber ich habe mich nicht verlaufen und bin samt Schokokeksen gut zuhause angekommen, würde es also einen Erfolg nennen.

Sonst bin ich bis jetzt ohne Begleitung nur zum Centro „Jesús Amigo“ gelaufen. Obwohl das nur fünfzehn Minuten dauert, kommt man bei über 30°C und Sonnenschein ordentlich ins Schwitzen. Da freue ich mich jedes Mal, wenn ich mich erstmal auf einen kleinen Stuhl neben die Kinder setzen kann. Im Moment unterstütze ich jeweils eine der drei Lehrerinnen in ihren Klassen. Das heißt, ich helfe den Kindern bei ihren Hausaufgaben oder denke mir zusätzliche Übungen für sie aus. Oft erinnert es mich daran, Nachhilfe zu geben, eben nur mit ganz vielen Schülern auf einmal. Dabei fühlt es sich noch etwas ungewohnt an, „Profe“ (Abkürzung für Lehrerin) gerufen zu werden, aber irgendwie macht es mich auch stolz.

Ein bisschen anstrengend ist die Arbeit natürlich auch. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, am Wochenende mal eine Pause zu bekommen und so auch den Lärm der Stadt für einige Zeit hinter mir zu lassen. Dabei hatte ich Glück, dass die ehemalige Freiwillige Caro, die gerade zu Besuch war, mich bei Ausflügen mit Freunden mitgenommen hat. Auf diese Weise konnte ich schon viel von Nicaragua sehen und nette Leute kennenlernen.

Die Landschaft ist wirklich wunderschön. Es hat mich überrascht, wie grün es hier trotz der hohen Temperaturen ist. Die Bäume tanken wohl in der Regenzeit Wasser. Wenn es nämlich regnet, dann auch richtig. Erst jetzt verstehe ich, was der Ausdruck „es regnet wie aus Eimern“ eigentlich bedeutet. Denn dann fließt das Wasser an den Seiten der Straßen wie in Bächen bergab. Das eine oder andere Mal bin ich auch schon komplett durchnässt worden.

Hitze heißt nicht gleich Wüste

Hitze heißt nicht gleich Wüste

Zum Beispiel beim Trip zum Wasserfall „El Corozo“. Ich kann gar nicht mit Worten beschreiben, wie atemberaubend die Natur dort war. Man steht eben nicht jeden Tag auf einem Felsen direkt vor einem rauschenden Wasserfall!

Wer könnte da wegschauen?

Wer könnte da wegschauen?

Vor dieser Kulisse hat das Picknick umso besser geschmeckt. Vor allem, weil es gleich noch eine neue Erfahrung war, denn ich durfte Nacatamal probieren. Das ist ein typisches Essen in Nicaragua: Teig aus Maismehl mit einer Füllung aus Reis, Fleisch, Tomaten und vielem mehr. Wie so oft hier hoffe ich, es auch in Zukunft nochmal essen zu werden. Es war nämlich nicht nur besonders, sondern auch lecker.

Das Picknick kann beginnen

Das Picknick kann beginnen

Irgendwann wollten wir uns auf den Rückweg machen, aber der Regen war schneller. Also haben wir uns eine Mitfahrgelegenheit gesucht, auf dem Land ist die Auswahl natürlich nicht so groß. Aber nach einer abenteuerlich rasanten Fahrt auf der Ladefläche eines Trucks haben wir doch die Stadt erreicht, pitschnass, aber glücklich.

Es hat sich schon angefühlt, als wäre ich nach Hause gekommen. Meine neue Heimat Juigalpa, Nicaragua am Rió Mayales – damit könnte man beim nächsten Stadt, Land, Fluss-Spiel bestimmt punkten.

 

Über den Wolken

Freitag, 05. August 2016 von Mafalda Sondermann

„Mafalda, was machst du denn eigentlich nach dem Abitur?“ „Ich gehe für ein Jahr nach Nicaragua und arbeite dort als Freiwillige in einer Kindertagesstätte.“ Schon lange habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich diese Antwort in den letzten Monaten gegeben habe. Trotzdem ist mir auch beim zehnten und beim zwanzigsten Mal noch ein Lächeln über das Gesicht gehuscht, so groß war die Vorfreude.

Mit jedem Seminar beim Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ und missio im Aachen ist sie noch gestiegen, denn dort ging es den ganzen Tag um unseren Freiwilligendienst. Wo gehen wir hin, was müssen wir vorbereiten und wie verhalten wir uns in so fremden Ländern? Am Ende waren dann tatsächlich alle Fragen beantwortet, zumindest die, bei denen es möglich ist (mir konnte dann doch niemand so richtig sagen, wie ich es 12 Monate lang bei über 30 Grad aushalten soll). Trotzdem schien die Ausreise noch weit entfernt und der Abschied von den Freiwilligen, die in andere Richtungen aufbrechen und mit denen ich meine Träume und Aufregung geteilt hatte, noch gar nicht wirklich real.

Doch plötzlich ist es nicht mehr nur mein Plan für die Zukunft, nach Nicaragua zu gehen, weit entfernt und gar nicht greifbar. Auf einmal sitze ich schon im Flieger irgendwo über dem Atlantik (um genau zu sein, kurz vor Kanada) und bin auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause für ein ganzes Jahr.

Die letzten Tage sind wie im Fluge vergangen. Beim Packen sind mir natürlich immer wieder Dinge eingefallen, die ich unbedingt noch besorgen musste, zum Beispiel ein kleines Spanischwörterbuch, das ich dann letztendlich doch in Deutschland vergessen habe. Schon war es Zeit, Abschied zu nehmen: noch einmal die Großeltern und Tanten besuchen, das letzte Fußballtraining, Frühstück mit den Freundinnen und dann stehe ich am Flughafen und umarme meine Familie ein letztes Mal. Mit geteilten Gefühlen gehe ich durch die Sicherheitskontrolle: traurig, meine Lieben so lange nicht zu sehen, aufgeregt, ob bei der langen Reise auch alles gut geht und voller Vorfreude auf das, was ich in den nächsten Monaten erleben werde.

Da ist er, der Zeitpunkt, von dem ich so lange geträumt habe. Ich breche auf in ein fremdes Land, um dort eine andere Kultur und neue Menschen kennenzulernen. Ich kann es wirklich kaum erwarten.

Tschüss Houston - hallo Managua
Tschüss Houston – hallo Managua