Auf Osterhasenjagd

Sonntag, 23. April 2017 von Danica Helmlinger

Bald ist Ostern, und da darf doch eine Sache eigentlich nicht fehlen! – dachte ich mir und habe deshalb für die Jugendlichen, die in meinem Projekt wohnen, dieses Jahr den Osterhasen gespielt.
Doña Martha, eine der Krankenschwestern, war gleich Feuer und Flamme, als es darum ging, kreative und barrierefreie Verstecke zu finden, und auch wenn wir einen zweiten Anlauf starten mussten (bei dem wir dann die Vorhänge zugezogen haben, dass auch wirklich keiner mehr aus dem Fenster schaut ;)), hat es an Ideen nicht gefehlt. Kein Wunder also, dass die Jugendlichen ganz schön gründlich suchen mussten, bis wirklich alle Süßigkeiten gefunden wurden!
Aber dank den „kalt, wärmer, nein, wieder kälter!“ Hinweisen, war auch das kein Problem.
Hier also ein paar Fotos von den fleißigen Suchern:

Nachdem das Suchen beendet war, backten wir zusammen noch einen Kuchen, dessen Rezept Doña Martha mitbrachte. Diese backt und kocht übrigens ziemlich gerne, weswegen sie mir, zusammen mit Doña Janet, einer anderen Krankenschwester, beigebracht hat Tucumanas (mit Gemüse und Fleisch oder Ei gefüllte Teigtaschen) und Pasteles de Queso (mit Käse gefüllte Teigtaschen) herzustellen. Aber davon mehr in einem anderen Blogeintrag 🙂

 

5 Dinge, ….

Freitag, 24. März 2017 von Danica Helmlinger

In diesem Eintrag möchte ich euch einen besseren Einblick in die bolivianische Kultur geben und an der einen oder anderen Stelle auch ein paar Denkanstöße über Themen geben, die mir hier täglich begegnen. Hier also eine Liste der Dinge, die man sich von Bolivianern abschauen sollte :).

1. Dankbarkeit: Vor dem Essen wird hier bei vielen Christen ein Dankgebet gesprochen, soweit, so bekannt. Doch hier ist es nach dem Essen üblich, sich bei jedem, mit dem man gegessen hat, zu bedanken. Das ist für mich mehr als ein einfaches „gracias“. So wird einem immer wieder bewusst, dass das, was man hat, alles andere als selbstverständlich ist und wie sehr man das Essen in der Gemeinschaft genossen hat. Vor meinem Freiwilligendienst habe ich mir darüber recht selten Gedanken gemacht, und ich glaube, dass man in Deutschland allgemein viele Sachen nicht genug wertschätzt.

2. Kochen: Auch wenn die bolivianische Küche allgemein als sehr fleischhaltig bezeichnet werden kann, hat sie auch für Vegetarier wie mich einiges zu bieten. Da wären zum Beispiel Salteñas, das sind mit Gemüse oder Fleisch gefüllte Teigtaschen oder Umitas, in Maisblätter eingewickelte Kuchen mit Käse und Rosinen. Oder, mein bolivianisches Lieblingsgericht bisher, Erdnusssuppe. Im Allgemeinen ist das Essen hier deftiger, reicher an Kohlenhydraten (um zu sättigen) und wird mit Llajwa, einer scharfen Soße, gewürzt.

3. Familie: Die Familienstrukturen in Bolivien und Deutschland sind derart unterschiedlich, dass man damit wohl ein ganzes Buch füllen könnte, doch ich fasse mich etwas kürzer. Während eine deutsche Durchschnittsfamilie 1,3 Kinder zur Welt bringt (wie auch immer man sich das vorstellen soll), sind Familien mit bis zu 10 Kindern hier wirklich keine Seltenheit. Natürlich gibt es auch in Bolivien Einzelkinder oder kinderlose Paare, aber die Mehrheit der Familien, vorallem in den Dörfern, hat wesentlich mehr Kinder. Das kann dann auch zu Verwirrung führen und wenn ich erzähle, dass ich nur eine Schwester habe, werde ich oft überrascht angeschaut und gefragt, warum deutsche Familien so klein sind oder wie viele Kinder pro Familie in Deutschland gesetzlich erlaubt sind. Die Familie spielt hier einfach eine viel größere Rolle, oft hat man auch zu seinen Cousinen und Geschwistern eine enge freundschaftliche Bindung. Die alten oder kranken Familienmitglieder werden meist zuhause gepflegt. Wenn man in der Familie gerade gebraucht wird, hat das höchste Priorität. Die meisten meiner Ende 20-jährigen Kolleginnen wohnen immer noch mit ihrer Familie zusammen. Das ist in Bolivien ganz normal, denn egal wie alt man ist, die eigenen Eltern werden das ja auch immer bleiben. Diese Einstellung finde ich besser als das „Nesthocker“, dass den meisten Deutschen wohl in den Kopf kommen würde, wenn sie so etwas hören.

4. kein unnötiger Stress: Ich gehöre leider zu den Menschen, die bei Verabredungen meistens spät dran sind und doch pünktlich sein wollen. Die Lösung: hektisch seinen Haustürschlüssel und den Geldbeutel suchen und dann losrennen, um die Bahn noch zu erwischen. Mittlerweile kommt mir das alles etwas albern vor, denn mal ehrlich, auf eine halbe Stunde früher oder später kommt es
doch meistens wirklich nicht an, oder? Da gefällt mir die „hora boliviana“ (dt.: bolivianische Uhrzeit) wesentlich besser. Wenn man spät dran ist, dann ist das eben so, hier muss man sich dafür auch nicht entschuldigen, da es etwas ganz normales ist, derjenige wird ja schon einen Grund haben, dass er nicht pünktlich gekommen ist. Es mag etwas befremdlich klingen, wenn man sich für 7 Uhr verabredet und der erste eine Viertelstunde später eintrudelt und dann noch weitere 15 Minuten auf den Rest wartet, aber es ist wesentlich entspannter, nicht unter Zeitdruck zu stehen und zu wissen, dass die Welt nicht untergeht und keiner enttäuscht ist, wenn man es nicht rechtzeitig schafft.

5. Großzügigkeit: Alleine etwas zu essen, ohne den Menschen um einen herum etwas anzubieten, gilt hier als grob unhöflich. Auch wenn es nur ein Stück Brot ist, es ist ganz normal, den anderen Menschen im Wartezimmer oder seinen Freunden, mit denen man gerade unterwegs ist, etwas anzubieten. Und es ist auch erwünscht, das Angebotene dann auch wirklich anzunehmen. Mir gefällt diese Eigenheit sehr gut und ich bin immer wieder positiv überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit und wie ohne zu Murren geteilt wird. Auch Bettlern gegenüber ist die Bevölkerung hier, gerade bei alten Menschen, die keine Altersvorsorge haben, meist viel großzügiger.Getrennte Rechnungen zu bekommen ist sehr unüblich, entweder man lädt die andere Person ein, oder es wird zusammengelegt. In Sachen teilen und Großzügigkeit können wir noch einiges von Bolivianern lernen!

 

Tanzen für die Inklusion

Mittwoch, 01. März 2017 von Danica Helmlinger

Wie bereits in meinem letzten Blogeintrag angedeutet, möchte ich heute über etwas ganz Besonderes schreiben: Das erste integrative Tanz- und Theaterfestival in Sucre, veranstaltet vom ETI, dem Projekt, in dem ich arbeite.

Das Fest zu veranstalten hatte zwei Hauptzwecke. Zum einen sollten mit dem Gewinn aus den Eintrittskarten für jeden Residenzbewohner Weihnachtsgeschenke besorgt werden können. Weihnachtsgeschenke meint hier allerdings nicht neue Sneakers, Kleider oder gar ein Handy sondern Lebensmittel wie Reis, Zucker, Tee, Speiseöl, Kekse und Schokolade, vor allem letzteres war etwas ganz besonderes für die Beschenkten, da es eben alles andere als alltäglich ist.
Die Mehrheit der Bewohner kommt nämlich vom Land, was hier in Bolivien meistens bedeutet, dort zu leben, wo es weder einen Arzt noch gefestigte Straßen gibt. Der nächste Nachbar lebt häufig auch kilometerweit entfernt. Die Familien der meisten Residenzbewohner sind folglich auch sehr arm und leben von ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Mit dem Lebensmittelkorb, den jeder als Geschenk zum Abschied vor den großen Ferien aus dem Erlös des Festes bekam, sollte den Residenzbewohnern und ihren Familien ein schönes Fest ermöglicht werden.

Das andere Ziel war es, den Menschen in Sucre, von denen ein Großteil vielleicht auch noch nie Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung hatte, zu zeigen, dass diese Menschen genau so wie jeder andere Talente haben, z.B. gut singen oder mitreißend tanzen können, und dass diese Talente so gut sind, dass es sich lohnt, dafür ein Festival zu veranstalten. Und ich kann nur betonen, dass es sich wirklich gelohnt hat! Mit welcher Energie und Kreativität die Kinder und Jugendlichen dabei waren, welchen Mut jeder einzelne hatte, vor einer großen, fremden Menschenmenge zu reden, zu singen oder zu tanzen, das war einfach großartig! Ich war so stolz auf jeden einzelnen Teilnehmer :).
Schon etwa zwei Monate vorher liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Was wird alles aufgeführt? Wo wird das Fest stattfinden? Wer ist für was zuständig? Das waren nur einige der vielen Fragen, die in diesem Zusammenhang aufgetaucht sind.
Jeder Einzelne war nun gefragt. Lehrerin Marcelina, der ich morgens bei der Arbeit mit den Erwachsenen und mittags bei der Hausaufgabenbetreuung helfe, 4 Lehramtsstudenten, die im ETI aushelfen und ich haben uns überlegt, was die Kinder der Hausaufgabenhilfe aufführen könnten. Es fielen Vorschläge wie ein Theaterstück oder einen Tanz, doch schließlich fiel die Entscheidung auf eine Modenschau von Berufen mit recycelten Kostümen. Als goldener Abschluss sollte ein Gruppentanz folgen.
Mit den Erwachsenen, die morgens ins Projekt kommen um verschiedene Handwerklichkeiten wie Schmuckherstellung zu lernen, nähten wir die verschiedenen Kostüme: Ein Feuerwehrmannanzug aus Safttüten und ein Sportleroutfit aus alten Plakaten sind nur ein kleines Beispiel. Jeder der Mitarbeiter im ETI hat mitgeholfen, Plastiktüten oder altes Papier zu sammeln und die Lehrerin Eliana, die für die Nähwerkstatt zuständig ist, hat aus Windelpackungen sogar ein recyceltes Brautkleid genäht!

 

Ich fand es sehr schön zu sehen, wie jeder mit Herzblut auf diese Veranstaltung hingearbeitet hat. Mit einigen Jugendlichen haben wir noch einen afrobolivianischen Tanz eingeübt, bei dem auch ich mittanzen sollte. Jeden Nachmittag haben wir uns dafür auf dem Sportplatz getroffen und getanzt, wobei ich mit dem bolivianischen Rythmusgefühl und der Leidenschaft fürs Tanzen nicht wirklich mithalten konnte 😀

Eine Woche davor bin ich mit ein paar Jugendlichen aus der Residenz losgezogen, um Eintrittskarten zu verkaufen und Passanten zu der Veranstaltung einzuladen, und dann war es auch schon soweit!

Am Mittag schmückten wir die Bühne, brachten die Kostüme und Requisitien an ihren Platz und dann hieß es auch schon umziehen! Wir hatten alle ziemliches Lampenfieber und die Stimmung hinter der Bühne war angespannt. Doch als es dann tatsächlich losging, lockerte sich die Lage. Ein Auftritt folgte dem anderen und schließlich hieß es auch für mich: „auf die Bühne!“. Zwar lief nicht alles wie geplant, eine der Tänzerinnen aus unserer Gruppe konnte nicht zur Veranstaltung kommen, allerdings waren wir danach ziemlich erleichtert und konnten den Rest des Festivals in vollen Zügen genießen.

 

 

Die Kindergartenkinder führten mit ihren Erzieherinnen einen Ententanz auf, eine Schulklasse spielte das Weihnachtsevangelium der Geburt Jesu nach und schließlich folgten die Chuntunquis, ein Tanz, der die Freude der Hirten bei der Nachricht über die Geburt des Gottessohnes immitiert und der in der im Departamento Chuquisaca, dem „Bundesland“ in dem ich lebe, in der Vorweihnachtszeit getanzt wird.
Tatsächlich habe auch ich ein bisschen von den Residenzbewohnern gelernt, wie man Chuntunquis tanzt und ich finde es ist eine sehr schöne und frohe Art, der Geburt Jesu zu gedenken. Ein Residenzbewohner, durch einen Unfall im Rollstuhl, hielt eine Rede in der auch sehr persönliche Gedanken miteinfloßen. Über die neue Situation, das Gefühl des Gefangenseins und der Hilflosigkeit, aber auch über die Stärke und die Hoffnung, die er erfahren durfte.
Als Gäste waren die Ballettschule Sucre und zwei Clowns regionaler Berühmtheit eingeladen, was vor allem den Kindern im Publikum großen Spaß bereitet hat.
Auch wenn die Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hat, hat es sich total gelohnt! Ich hoffe, dass die Zuschauer dadurch aufmerksamer und offener für das Thema Inklusion geworden sind.
Dem ETI, seien es die Kinder, Lehrer oder Therapeutinnen, wird dieses Fest sicher noch lange in guter Erinnerung bleiben 🙂

 

 

Besser spät als nie ;-)

Donnerstag, 26. Januar 2017 von Danica Helmlinger

Zum neuen Jahr habe ich es mir zum Vorsatz gemacht, von nun an öfters Blogeinträge zu verfassen und euch über meinen Freiwilligendienst und mein Leben hier in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, zu berichten. Hier nun also nach 5 Monaten mein erster Blogeintrag 😉 :

Meine Einsatzstelle ist das ETI, kurz für Escuela Taller de Integración (dt.: Schule und Werkstatt für Integration), ein Zentrum für Menschen mit und ohne Behinderungen  unterschiedlicher Altersklassen. Hierzu gehören eine Nähwerkstatt, zwei integrative Kindergärten, Physiotherapie, ein Wohnheim und die terapía ocupacional, ein Angebot für erwachsene Menschen mit Behinderung. Außerdem gehört auch die Schule Cristina Aitken de Guitierrez dazu, die in enger Verbindung mit den anderen Angeboten des Zentrums steht.

Die Frauen und Männer in der Nähwerkstatt nehmen Aufträge an und schneidern beispielsweise Schuluniformen. Je nach Auftrag sind unterschiedlich viele Menschen dort beschäftigt. Die Näherei soll vor allem alleinerziehenden Müttern eine gute Existenz ermöglichen.

In den Kindergärten lernen die Kinder durch Spiele ihre motorischen Fähigkeiten zu verbessern, Grundkenntnisse wie die Farben oder Zahlen und Sozialkompetenzen zu entwickeln. Diese sind besonders wichtig, um die Kinder für die Behinderungen ihrer Mitmenschen zu sensibilisieren. So ist es für die Kleinen selbstverständlich, ihrem blinden Freund die Hand zu reichen und ihm so den Weg zu zeigen.

Zwei Physiotherapeutinnen behandeln Personen unterschiedlichen Alters, die teilweise den Kindergarten besuchen, im Wohnheim leben oder auch externe Patienten sind. Das ETI ermöglicht diese Hilfe auch Menschen, die sich eine derartige Therapie in anderen Praxen nicht leisten könnten.

Ein weiterer und sehr wichtiger Bestandteil des ETI ist die Residenz, in der zurzeit 16 Menschen im Alter von 14-50 Jahren leben. Einige von ihnen besuchen die oben genannte Schule oder die Universität. Andere arbeiten in der Näherei oder nehmen nur an den Therapien teil.

In der terapía ocupacional lernen verschiedene Menschen alltägliche Kenntnisse wie Lebensmittel zuzubereiten oder den Wert verschiedener Geldmünzen zu erkennen, aber auch andere Tätigkeiten wie stricken oder Schmuck herzustellen, der zu Gunsten dieser Teilnehmer an verschiedenen Anlässen verkauft wird.

Mein Arbeitsbereich erstreckt sich von eben genannter terapía ocupacional über die mittägliche Hausaufgabenbetreuung der Kinder. Da ich im Projekt zu Mittag esse, bietet sich auch die Gelegenheit, viel mit den Residenzbewohnern zu reden und ihnen bei unterschiedlichsten Aufgaben zur Hilfe zu stehen. In der Klausurenphase der drei Studenten im Wohnheim habe ich beispielsweise auch diesen bei der Bewältigung des Lernstoffes geholfen. Ich begleite die Bewohner  auch zu Arztbesuchen oder bei kleinen Einkäufen.

Besonders Spaß macht es mir, mit den Kindern auf dem Sportplatz Fußball zu spielen oder andere Spiele zu veranstalten, so dass sie sich nach dem Schultag austoben können, um wieder mit neuer Konzentration ihre Hausaufgaben zu erledigen. Sehen zu dürfen, wie jeder einzelne sich weiterentwickelt und es mit dem Einmaleins immer besser klappt, ist eine sehr, sehr schöne Erfahrung. Auch das Gefühl, langsam ein Teil des ETI zu werden und einen festen Platz zu haben, erfreut mich ungemein.

Dazu gehört auch meine Teilnahme an einigen Festen, die vom ETI veranstaltet wurden, unter anderem ein großes Theater- und Tanzfest, von dem ich euch bald näher berichten werde. Bis dahin wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr 2017 und wie man hier in Bolivien sagt ¡Qué les vaya bien! (Machts gut!).