Perspektiven

Sonntag, 23. Juli 2017 von Konstantin

Alle Kinder im Heim haben ihre ganz eigene, mehr oder wenige schöne Geschichte hinter sich. Während einige unter den extrem armen Verhältnissen ihrer Eltern zu leiden hatten, wurden andere Kinder von ihren Eltern geschlagen und missbraucht.

Das langfristige Ziel für alle Kinder im Heim: Sie wieder in ein geordnetes Umfeld unterzubringen, am Besten innerhalb der Familie, bspw. Bei den Großeltern, dem Onkel, der Tante, optimalerweise wieder bei den leiblichen Eltern. Das Equipo Técnico (bestehend aus einer Psychologin und zwei Sozialarbeiterinnen) hat die Aufgabe, für die Kids ein geeignetes Lebensumfeld im Rahmen der Familie zu suchen.

Durch die ganz speziellen Vorgeschichten und die unterschiedlichen Situationen, hat jedes Kind eine andere Perspektive für seine weitere Kindheit und die Zukunft:

Das ist Denzel. Er und seine Brüder, Matias und Joseph, leben bereits seit vier Jahren im Heim. Zwischendurch sind sie einmal für ein paar Monate zu ihrer Mutter zurückgekehrt, weil dies aber nicht funktioniert hat, wohnen sie jetzt wieder im Heim.

 

Deivison (auf dem Foto) und seine zwei Brüder, Jaime und Cristian, warten schon seit knapp einem Jahr darauf, zusammen mit ihrer Schwester wieder zu ihrer Mutter ziehen zu können. Auf Grund einiger Vorkommnisse, wurde das Datum, an dem sie wieder nachhause können, immer weiter nach hinten geschoben.

 

Ihn kennt ihr schon alle: Emiliano, den jüngsten Heimbewohner. Er und auch seine Brüder Deiker und Diego wurden in wichtigen frühkindlichen Phasen von ihrer Mutter stark vernachlässigt. Emiliano verbrachte im Alter von anderthalb Jahren bereits einen Monat auf der Intensivstation, da er stark unterernährt war. Wahrscheinlich werden die drei nie wieder bei ihrer leiblichen Mutter leben können.

 

Einen schöneren Ausgang hatte es für Miguel (auf dem Foto) und seinen Bruder Kevin: Die beiden leben jetzt bei ihrem Onkel, der Leiter eines Hotels an der Küste ist. Dort haben sie auch die Möglichkeit, wieder normale Schulen zu besuchen. Zu ihrem leiblichen Vater dürfen sie leider immer noch nicht zurück, da er sein Alkoholproblem immer noch nicht im Griff hat.

 

Auf dem letzten Bild könnt ihr, zusammen mit ein paar Jungs, die Heimleiterin Teresita sehen. Sie ist sozusagen eine Art „Mama“ dieser ganzen Geschichten, gleichzeitig auch eine Perspektivengeberin: Sie arbeitet intensiv mit den Sozialarbeiterinnen zusammen, um das Beste für die Jungs herauszuholen und zu ermöglichen. Gleichzeitig arbeitet sie, zusammen mit Padre Martin, dem Pater der Stiftung, immer an neuen Projekten, um noch mehr vernachlässigten Kindern in Santo Domingo zu helfen. Zur Zeit arbeiten sie an einer Art „Frauenhaus“, wo Kinder und junge Mütter in Not hingebracht werden können, wenn es in ihrem Umfeld gerade nicht sicher ist.

Teresita versucht Perspektive für unsere Heimkids zu schaffen: Nämlich entweder, dass sie irgendwann wieder in einem geordneten familiären Umfeld leben können, oder dass sie, wenn sie 18 werden und das Heim verlassen, auf eigenen Beinen stehen und das Schlimme, was ihnen widerfahren ist, hinter sich lassen können.

Meine Perspektive ist erst einmal Folgende: Nächsten Samstag geht es für mich zurück nach Deutschland. Ein Jahr voller spannender Eindrücke, Erfahrungen, Höhen und Tiefen geht zu Ende. Insgesamt kann ich einfach nur sagen: Danke! An Ecuador, an Santo Domingo, an die Fundación Calasanz, an das Casa Hogar de Jesús, natürlich an euch, die ihr meinen Blog gelesen habt, und allen voran, den ganzen netten Menschen die ich hier kennengelernt habe und demnächst vermissen werde.

Danke!

 

Endlich Sommerferien! – „Vacaciones“ im Kinderheim

Montag, 22. Mai 2017 von Konstantin

Mit Jesús, Matias, Luis und Juan-Carlos beim Fútbol Americano zocken, und das in der prallen Morgensonne

„Schreib‘ mal wieder einen Blog!“

Das habe ich jetzt in letzter Zeit immer häufiger gesagt bekommen. Mittlerweile ist das schon leichter gesagt als getan: Nach fast zehn Monaten hier in Ecuador, im Casa Hogar de Jesús, ist das meiste Alltag geworden. „Worüber soll ich eigentlich erzählen? Ist doch alles wie immer…“.

Dennoch versuche ich es mal: Es ist immer noch jeden Tag heiß (25° plus). Es regnet immer noch mindestens einmal pro Tag. Ich bin immer noch dabei, mein Spanisch Stückchen für Stückchen zu verbessern.

Wobei, eigentlich ist ja doch einiges passiert: Schon während meiner Reise mit Alexander und Felix begannen hier die zweimonatigen Schulferien. Als ich von der Reise wiederkam, wurde ich direkt voll ins Programm mit eingebunden: Ich hatte viele neue Aufgaben, die mir wirklich Spaß gemacht haben, an oberster Stelle: Jeden Tag eine Stunde Sport mit jeweils unterschiedlichen Gruppen, in denen ich anbieten konnte was ich wollte. Zum Lieblingsspiel der Kids in meinen Sportstunden entwickelte sich schnell: „Fútbol Americano“, also American Football. Dies habe ich häufig mit den Kids in einer leicht umgeänderten Version gespielt. Es kam glaube ich deshalb so gut an, da dies durchaus ein Spiel ist, in dem man mit viel Körpereinsatz und Präsens spielen darf, aber dennoch alles im Rahmen der Fairness und der Verhältnismäßigkeit bleiben muss. So funktionierte das Spiel meistens sogar gut in den unausgeglichenen Gruppen, d.h. die Gruppen, in denen sowohl Zehnjährige, aber auch Fünfzehnjährige teilgenommen haben.

Des Weiteren habe ich die älteren Kids in der Gartenarbeit und in der Küche unterstützt: Die Jugendlichen bekamen die Möglichkeit, jeden Vormittag im großen Garten und in der Küche des Heimes zu arbeiten, um so einerseits handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen, aber auch um sich ein Taschengeld für die Zeit zu verdienen, wenn sie das Heim wieder verlassen.

Juan, beim Arbeiten mit dem Küchenteam

Josue, beim Abholzen eines kaputten Pfefferbaums

Der Wiederbeginn der Schule gestaltete sich unerwartet stressig: Zwei Tage vor Schulbeginn wurde mir gesagt, dass ich die Schulmaterialien für die Kinder vorbereiten solle. Dabei dachte ich, dass das wohl locker gehen wird, die paar Bleistifte und Hefte zusammenzusuchen. Dabei hatte ich aber nicht damit gerechnet, dass jedes Kind für das Schuljahr eine „listisima“, also eine riieeesige Liste mit Schulartikeln benötigt. Auf Nachfrage, wieso denn ein Kind von sieben Jahren so einen Berg an Materialien braucht, wurde mir geantwortet, dass der Staat diese Materiallisten voraussetze. Alle Materialien einer Liste zusammen kosten schnell mal zwischen 60-100 $. Da habe ich mich schon gefragt, ob man so etwas von einer finanziell schwachen Familie verlangen kann, die monatlich vielleicht 400 $ für Alles hat.

Von mir, mit voller Freude, aufgeräumter Materialraum

Mit dem Wiederbeginn der Schule hat sich auch mein Arbeitsplan zum erneuten Male vollkommen verändert: Einerseits habe ich wieder begonnen, den Kids aus den Nivelierungsklassen des Heimes Englischunterricht zu geben.  Der Unterricht an sich läuft irgendwie besser, als vor den Ferien: Vor den Ferien dachte ich immer, dass ich den Druck hätte, wirklich allen gleichviel beizubringen. Dadurch wurde es häufig, gerade bei den älteren Jungs, stressig. Auch, da ich lediglich 1,5 Jahre älter bin als einige von ihnen. Dementsprechend hatte ich mir für nach den Ferien vorgenommen: Entspannter sein, und: wer kein Bock hat, hat kein Bock, nicht mein Problem. Auch wenn diese Einstellung natürlich meinerseits egoistisch klingt, funktioniert es damit besser: Da ich so weniger in einer strengen Position dastehe, und dadurch auch den Kids mehr Respekt an sich entgegenbringe, bringen die meisten auch mir mehr Respekt entgegen, was sich dadurch äußert, dass eigentlich alle, zumindest bis zu einem gewissen Maße, gut im Unterricht mitmachen.

Auch mein Sportprogramm führe ich zu einem kleinen Teil fort: Zweimal die Woche habe ich jetzt Sportunterricht mit den Jungs, die ausschließlich im Heim unterrichtet werden. Interessant ist, dass viele der in Deutschland klassischen Sportkinderspiele völlig unbekannt sind. Mittlerweile spiele ich mit den Kids Spiele wie Pommesfangen (ganz einfaches Fangenspiel), oder auch Feuer Wasser Blitz., und sogar Popcornfangen.

Eine Sache, die noch interessant ist zu erzählen: Nach zehnjähriger Präsidentschaft unter Rafael Correa, fanden in den letzten Monaten die Wahlen für seinen Nachfolger statt. Kopf an Kopf standen sich: Guillermo Lasso, neoliberaler Kandidat, möchte Steuern senken und eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Auf der anderen Seite: Lenín Moreno, aus der gleichen Partei wie der bisherige Präsident, möchte Sozialprogramme fortführen und ausweiten, genauso die Erdölförderung weiter ausbauen und das dadurch erwirtschaftete Geld für Sozialausgaben verwenden. Er selber nennt die Politik seiner Partei: „Lateinamerikanischer Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

Menschenmenge bei Kundgebung für Präsidentschaftskandidaten Lenín Moreno

Die Wahl gestaltete sich als Kopf- an Kopfrennen: Während die ersten Medien schon einen Wahlsieg des Neoliberalen Lasso verkündeten, gewann am Ende doch ganz knapp der „Sozialist“ Lenín Moreno.

Auch in meinem Kollegen- und Bekanntenkreis gab es sowohl Befürworter des Einen, als auch des Anderen.

Ich selber bin erst zu kurz hier und auch zu uninformiert, um mir ein abschließendes Urteil erlauben zu dürfen, dennoch denke ich, dass mit der Wahl Leníns definitiv das deutlich kleinere Übel gewählt wurde.

Generell aber hat mich erfreut zu sehen, wie diskussions- und politikfreudig hier viele Menschen im Hinblick auf die Wahlen waren. Das äußerte sich durch Straßenkundgebungen, Fahnen an Haus und Auto, usw. Außerdem wurde meistens nicht die Konfrontation gescheuht, wenn jemand sagte, dass er anderer Meinung ist.

Den neuen Präsidenten habe ich übrigens schonmal live bei einer Wahlkampfveranstaltung in Cuenca gesehen:

Lenín Moreno, auf Wahlkampfbühne. Hielt an dieser Stelle eine sehr beeindruckende Rede

Soooo, Word sagt mir, ich habe schon an dieser Stelle 804 Wörter, weswegen ich schnellstmöglich ein „Tschüß“ finden sollte.

Viele Grüße und Tschüß,

euer Konni

 

ein kleines bisschen Freiheit, ein kleines bisschen Abenteuer

Freitag, 31. März 2017 von Konstantin

Ende Februar ging es endlich los: einen Monat Rundreise durch Ecuador, zusammen mit meinem Bruder Alexander und unserem Kumpel Felix. Das Gepäck sollte möglichst gering ausfallen: Ein großer Rucksack pro Person, mehr nicht. Klamotten für ein paar Tage, mehr nicht. Ein Paar Wanderschuhe, ein Paar Straßenschuhe, mehr nicht. Kamera, Regenjacke, gutes Buch, das war’s dann aber auch. Unsere Reiseplanung war eindeutig: Erstmal müssen Alexander und Felix hier landen, dann kann man weiter gucken. Fest stand lediglich: Geschlafen wird in möglichst günstigen Mehrbettzimmern in Hostals, sich von A nach B bewegt mit dem Bus UND: gegessen wird, wat auf den Tisch kütt.

Reisen ist Freiheit, Reisen ist Abenteuer. Jeden Tag aufs Neue kann ich entscheiden: Wo schlafe ich? Was mache ich morgen? Wo fahre ich morgen noch hin?

Reisen ist aber auch ein unfassbares Privileg: Mit dem deutschen Reisepass kann man in so viele Länder visafrei einreisen, wie mit keinem anderen Reisepass. Privileg 1. Viel wichtiger aber: Bezahlbarkeit. An dieser Stelle mal die Kosten für eine Ecuadorreise überschlagen (in Ecuador zahlt man mit dem US-Dollar): 700 Dollar Flug von Deutschland nach Ecuador, 10 Dollar pro Nacht für ein Hostal, 7,50 Dollar Kosten fürs Essen pro Tag, 2,50 Dollar für den Bus in die nächste Stadt. Somit ist man schnell bei 1300 US-Dollar. 1300 US-Dollar sind gute drei durchschnittliche Monatsgehälter hier in Ecuador. Des Weiteren hat der Durchschnittsecuadorianer, der nicht bei Behörden arbeitet, nur 15 Tage Urlaub im Jahr.

Nutzt die unfassbaren Möglichkeiten, die wir metaphorisch durch unseren Reisepass in die Wiege gelegt bekommen haben. Traut euch hinaus: Auch abseits von Europa und Nordamerika gibt es unfassbar viel zu entdecken! Auch in Teilen der Welt, in denen nicht Englisch gesprochen wird, kann man unfassbar viel entdecken! Durch eine Reise in ein nicht typisches Touristenland unterstützt ihr sogar noch die lokale Wirtschaft.

Dennoch muss man sich immer im Hinterkopf behalten: Es ist ein unfassbares Privileg, die finanziellen Möglichkeiten zu haben, andere Teile der Welt zu sehen. Dementsprechend sollte man, egal wo man ist, dem Fremden und Unbekannten immer mit absolutem Respekt begegnen und sich Gedanken machen, wie man vielleicht gerade in seiner Reisegruppe auf Einheimische wirken könnte.

Und selbst wenn es z.B. nach Mallorca geht: Auch dort ist man fremd. Auch dort kann es als respektlos gelten, kein Wort der Sprache zu können. Auch dort kann es als respektlos gelten, rumzugröhlen und Bierdosen rumzuwerfen, auch wenn es auf Grund der Masse an Touristen vielleicht nicht auffällt.

Dennoch denke ich, dass wir die Privilegien, die wir nun einmal haben, gut z.B. bei schönen Reisen nutzen können, als den puren Materialismus zu unterstützen.

Ecuador ist ein wunderschönes, unfassbar vielfältiges Land. Kein Land ist so vielfältig wie Ecuador. Hier kann man in drei Stunden Busfahrt im absoluten Andenhochland sein, aber genauso in drei Stunden Busfahrt an einem traumhaften Strand. Anstatt jetzt noch weiter zu schreiben, dachte ich, lasse ich einfach die Bilder für mich sprechen:

Los ging’s in der Hauptstadt Quito: Ausblick über die 60km lange Stadt

 

Quilotoa Lagune – Ausmaß und Schönheit praktisch nicht fotografierbar – höchster Punkt unserer Wanderung lag auf 4930m über dem Meerespiegel – wortwörtlich „über den Wolken“

 

Wanderung beim Touristenort Baños

 

Fahrradtour auf einer der Andenstraßen

 

Cascada del Diablo „Teufelswasserfall“

 

in Latacunga ins Karnevalgeschehen involviert worden – Karneval bedeutet hier nicht laute Musik und Alkohol, sondern Mehl, Ei und Sahneschlacht – zusätlich wurden wir von einer Schülergruppe in einen See geworfen

 

irgendwann viel später beim Chimborazo – Ecuadors höchstem Vulkan – 6310m und schneebedeckt – leider auch fast die ganze Zeit wolkenverhangen zu dieser Jahreszeit

 

eine Schlucht in der Nähe eines Wasserfalles in der Nähe des Chimborazos

 

ein verdammt knuffiger Blaufußtölpel – gesehen auf der Isla de la Plata, eine Insel die als eine einzelne Galapagosinsel beworben wird…. Naja 😀

 

Die Surfcrew – sogenannte Bodyboards (Surfbretter für Leute die nicht surfen können) ausgeliehen und in den Hammerwellen des Örtchens Canoas gesurft

 

für die ein oder andere Tür ist einmeterirgendwasneunziggroßfelix dann doch zu groß

 

Nächster Stopp: Santo Domingo, die Stadt in der ich arbeite – Felix und Alexander natürlich eingeladen in „mi casa“ (unteres Stockwerk ist die Wohnung von mir und meiner Mitfreiwilligen)

 

hier ging’s zu einem der für Santo Domingo typischen Flußschwimmbäder – auf Grund der aktuellen Regenzeit und der deswegen sehr starken Strömung in den Flüssen hatten wirr diesen fast für uns alleine

 

Am Ende ging es für uns ins Casa Hogar de Jesús – auf dem Foto zu sehen: die jüngsten Bewohner des Heimes: Emiliano, Patricio, Luis Fernando, Antonio und Santiago zusammen mit ihrer Erzieherin Karla

Abschließend möchte ich sagen: Danke Alexander, Felix, und allen netten Leuten die wir auf der Reise getroffen haben!

Auch danke an euch, wenn ihr bis hier gelesen habt!

Sein wir mutig für Neues und mindestens genauso respektvoll vor Allem, was uns in dieser schönen Welt begegnen kann!

(ihhh drei Sätze mit Ausrufezeichen hintereinander)

Viele Grüße und bastante pasaje (ordentlich Fahrtkosten)

wünscht euch

Konni

 

Merry Christmas, Profe!

Freitag, 27. Januar 2017 von Konstantin

D (Mehr dazu weiter unten)

Ausblick aus meinem Strandhostal 😀 (Mehr dazu weiter unten)

Wieder einmal ist viel Zeit nach meinem letzten Blogeintrag vergangen. An den Blogeinträgen sieht man die Zeit durch die Finger rieseln: Mein letzter Blogeintrag ist praktisch schon wieder zwei Monate her, dabei fühlt es sich an, als wäre der Eintrag fast noch „frisch“.

Dennoch ist seit dem letzten Eintrag viel passiert: Weihnachten, komplette Veränderung meines Arbeitsplans, zwei Kurzurlaube, Silvester, und so weiter.

An mich selber habe ich eigentlich immer den Anspruch, einen kurzen, knackigen Blogeintrag zu schreiben, der nicht schon nach dem ersten Absatz langweilig wird. Dies verbietet mir schon fast, die ganzen oben genannten Ereignisse hier jetzt herunter zu berichten. Aber vielleicht muss ich dann jetzt auch einmal über meinen Schatten springen (mir, einem eingefleischten Deutsch-LKler fällt dies gar nicht so leicht).

Deswegen beginnen wir direkt einmal mit dem Titel: Merry Christmas, Profe! Warum fröhliche Weihnachten auf Englisch? Warum das Wort Lehrer (Profesor -> Profe) auf Spanisch? Riiiichtig, ab Dezember habe ich begonnen, Englischunterricht zu geben, zweimal die Woche, in den sogenannten Nivelationsklassen. In den Klassen werden Bewohner und ehemalige Bewohner des Jungenheims Casa Hogar de Jesús und des Mädchenheims Valle Feliz unterrichtet. Die Klassen haben den Zweck, dass die Kids, die häufig eine längere Zeit nicht die Möglichkeit hatten, eine normale Schule zu besuchen, auf ein Level zu bringen, dass sie wieder in eine normale Unterrichtsklasse einsteigen können. D.h., dass zum Beispiel in einer Nivelationsklasse ein Sechzehnjähriger zusammen mit einem Neunjährigen unterrichtet wird, da sie sich ungefähr auf dem gleichen schulischen Level befinden. Im Prinzip steht hinter diesen Klassen ein super Konzept, was aber in vielen Situationen gar nicht so leicht umzusetzen ist: Viele Kinder haben lange Zeit ihres Lebens weder eine richtige Erziehung, noch eine Form von Schulbildung erfahren. So treten im Unterricht Probleme auf, die man aus seiner eigenen Schullaufbahn gar nicht kannte: Einige Kinder sind beispielsweise direkt komplett demotiviert, sobald sie einen kleinen Fehler machen. Dies ist ja eigentlich kein großes Problem, für einige Kids aber nun mal schon. Des Weiteren habe ich ja schon erwähnt, dass teilweise Neunjährige mit Sechzehnjährigen unterrichtet werden. In so einer Situation denkt sich der Sechzehnjährige natürlich auch: „Mein Zug ist schon abgefahren, ich werde sowieso nicht mehr viel lernen, ich werde eh in einem handwerklichen Beruf arbeiten“, usw. Auch ein Problem, besonders für die ehemaligen Bewohner der Heime, die jetzt wieder bei ihrer Familie wohnen, aber immer noch in die Nivelationsklassen gehen, ist mangelnde Förderung am Nachmittag: Die Schule geht von sieben bis ein Uhr, danach sollten am Nachmittag die Hausaufgaben erledigt werden. Die Kids aus den Kinderheimen haben dafür am Nachmittag ihre Erzieher, die sie hierbei unterstützen. Die Kids, die wieder bei ihren Familien wohnen, wären zwar auch auf Hausaufgabenunterstützung angewiesen, bekommen diese aber häufig nicht, da die Familie häufig selber nicht viel mehr Bildung erfahren hat.

Dennoch war ich sehr zufrieden über die Ergebnisse der ersten Klassenarbeit in Englisch. Sie war zwar noch nicht „extrem“ anspruchsvoll, aber dennoch auch nicht zu einfach.

Ein anderes cooles Resultat aus dem Englischunterricht kam vom sechsjähriges Isaiás: Er geht in eine Nivelationsklasse da er einerseits noch nicht lesen und schreiben kann, aber andererseits auch enorme Probleme bei der Aussprache vom Spanischen, also seiner Muttersprache hat. Da er weder lesen noch schreiben kann, war er natürlich auch im Englischunterricht nicht gerade präsent. Aber dann ist er irgendwann nachmittags im Heim zu mir gekommen: „Good Morning!“ und hat dann auf Englisch bis 15 gezählt. Das hat mich extrem gefreut, da ich selber ihm eigentlich gar nicht so viel zugetraut hätte, eben weil er noch nicht lesen und schreiben kann.

Seit neuestem gebe ich jetzt am Wochenende auch noch Basketballunterricht. Hier treten, wie eigentlich zu erwarten war, viele Phänomene seitens der Kinder auf, die ich auch schon aus dem Englischunterricht kenne: Sehr schnelle Demotivation bei Fehlern, oder generell keine Motivation, teilweise auch das Nichtanerkennen von Regeln.

Dazu möchte ich aber im Allgemeinen auch noch einmal sagen: Es sind Kids, die aus schweren Familiensituationen kommen. Es sind Kids, die schon sehr viel Leid in ihrem Leben erfahren haben. Es sind Kids, die teilweise wenig Erziehung bekommen haben. Dennoch: Die meisten von ihnen sind sehr herzlich und aufgeschlossen, und ich sehe für mich in der Arbeit mit diesen Kids die große Chance, mit einer Art von Kindern zu arbeiten, die ich wahrscheinlich in Deutschland so nicht vorfinden werde.

Übrigens: Soviel Zeit für die ganzen neuen Projekte habe ich dadurch, dass das Sozialarbeiterprojekt „Erradicación de trabajo infantil“, bei dem ich vorher immer mitgearbeitet habe, von der Regierung vorläufig erst einmal auf Eis gelegt wurde, d.h. die Förderungsmittel gestrichen wurden. Dies resultiert auch daraus, dass im Februar die Präsidentschaftswahlen anstehen, und noch nicht feststeht, ob der zukünftige Präsident sich auch so intensiv in soziale Projekte investieren wird.

Die Weihnachtszeit und das Weihnachtsfest verliefen für mich eher ein wenig unspektakulär: Bei täglichen Temperaturen zwischen 25-30 Grad kommt man, an Temperaturen um null Grad gewohnt, einfach nicht so richtig in Weihnachtsstimmung. Nichtsdestotrotz haben wir mit den Kids im Heim ein schönes Weihnachtsfest gefeiert: Wir waren zusammen in der Messe, haben viel und lecker gegessen. Meine Mitfreiwillige Bernadette und ich haben noch mit eine der coolsten Aufgaben bekommen: Spender aus Deutschland haben für alle Kids einen neuen Satz Klamotten, d.h. Jeans, T-Shirt und Schuhe bezahlt. Wir durften diese an die Kids austeilen. Ich kann mich nicht darin erinnern, mich selbst einmal so über neue Klamotten gefreut zu haben. Zitat vom Vierjährigen Santiago: „Das sind ganz neue Klamotten, nur für mich?“

Übrigens war ich seit dem letzten Blogeintrag auch noch zweimal im Kurzurlaub, also jeweils ein Wochenende. Das erste Ziel war das Küstenstädtchen Canoa, das zwar sehr stark vom Erdbeben betroffen war, aber jetzt schon wieder zum Großteil aufgebaut wurde. Dort habe ich einfach mal zwei Tage nur am Strand die Zeit vergehen lassen, und habe natürlich trotz 50er Sonnencreme einen starken Sonnenbrand bekommen.

Zweites Ziel war Mindo, ein Städtchen zwischen Santo Domingo und Quito. Eigentlich auch ein sehr schönes Reiseziel, aber leider bin ich direkt nach der Ankunft krank geworden und war so dann doch wieder froh, nach den eigentlich sehr schönen Anblicken der Naturlandschaften wieder nach Santo Domingo zurück zu kehren.

Soooo, das soll es dann jetzt auch gewesen sein von meinem literarisch nicht ganz einwandfrei geschriebenen Bericht. Nach diesem Bericht wird die Zeit zu rasen beginnen: Im Februar habe ich zuerst eine Woche Seminar, dann kommen mein Bruder Alexander und unser Kumpel Felix und wir machen drei Wochen Ecuador (wie man jetzt heutzutage sagt) Roadtrip. Dann beginnen hier auch schon die zweimonatigen Schulferien, und dann ist auch schon Mai.

In der Hoffnung, dass ihr hier trotz der rennenden Zeit noch viel von mir lesen könnt, wünsche ich euch ganz viele Grüße aus Ecuador y bastante gasolina (ordentlich Benzin),

euer Konni

 

Was ist arm, was ist reich?

Sonntag, 27. November 2016 von Konstantin

Ich, nach Mithilfe im Viertel "El Ebano"

Armut: Was ist das? Bedeutet Armut, in einem Rohbau mit Wellblechdach zu wohnen? Bedeutet Armut, immer auf jeden Cent achten zu müssen? Oder kann Armut vielleicht auch etwas ganz Anderes bedeuten: Z.B. Armut an Höflichkeit? Armut, sich keine Zeit für Dinge zu nehmen?

In Deutschland hatte man die Frage „Was ist arm, was ist reich?“ schnell beantwortet: Deutschland ist ein reiches Land; Ecuador ein armes. Ich zuhause, im Haushalt mit eigenem Reihenhaus und zwei Autos bin reich, die in Ecuador mit Wellblechdach und keinem eigenen Auto arm.

Jetzt, nach fast vier Monaten im „armen“ Ecuador, denke ich ganz anders darüber. Über diese Zeit habe ich mich an einige dieser „anderen Reichtümer“ Ecuadors schon gewöhnt: Jeder morgen beginnt mit einem fröhlichen „Buenos días“ (Guten Morgen), und das zwar nicht nur in den Raum hereingebrüllt, sondern von jedem Arbeitskollegen einzeln. Wenn ich im Restaurant sitze, und mein Mittagessen schon vor mir steht, wird mir von anderen Leuten die ins Restaurant hereinkommen ein „Buenas tardes“ (Guter Nachmittag) und „Buen provecho!“ (Guten Appetit) gewünscht.

Was ich damit sagen möchte: Wir machen uns es häufig zu leicht. Wir versuchen immer, Alles in unsere Muster und Schubladen einzuordnen. Wir sortieren in „arm und reich“, und das eigentlich immer nur gemessen an der Wirtschaftsleistung. Und so schnellt passiert es dann: Deutschland, ein sehr wirtschaftsstarkes Land ist automatisch ein „reiches, entwickeltes Land“. Ecuador, ein Land das eindeutig nicht so wirtschaftsstark wie Deutschland ist, ist automatisch ein „armes, (3. Welt)-Entwicklungsland“. Dabei ist Deutschland genauso ein Entwicklungsland wie Ecuador: Wir müssen lernen, langfristig, nachhaltig und vor allem verantwortungsbewusst mit unser enormen Wirtschaftsleistung umzugehen. Genauso können sich viele Deutsche (eingeschlossen mir selbst) aber auch noch in der Hinsicht entwickeln, zufriedener zu sein mit dem was sie haben und nicht in jeder Kleinigkeit ein Problem zu sehen.

Natürlich sind alle diese Dinge leicht gesagt und auch ein wenig über einen Kamm geschert, aber ich möchte euch dennoch erzählen, wie ich zu diesem Gedankengang gekommen bin: in meinem Kurzurlaub in Baños habe ich in einem sogenannten Dorm übernachtet: Ein Mehrbettzimmer in einem Hostel, dass man sich mit anderen, fremden Reisenden teilt. Meine Zimmergenossen waren allesamt ebenfalls Europäer: eine Deutsche, eine Niederländerin und ein Tscheche. Da ich natürlich meistens als Letzter aufgestanden bin, habe ich jedem meiner Zimmergenossen, wenn ich sie dann irgendwo gesehen habe, einen guten Morgen gewünscht. Da wurde ich das erste Mal schräg angeguckt, und mehr als ein genervtes „Morg’n“, kam nicht zurück. Als ich dann aber einmal den Anderen einen guten Appetit gewünscht habe, als sie zum Frühstück gingen, wurde ich komplett schräg angeguckt.
Dies hat mich dann einfach dazu angeregt, die oben lesbare Thematik mal anders zu bedenken.

So jetzt aber genug herumphilosophiert, noch ein ganz schneller Exkurs aus meiner Mitarbeit im Sozialarbeiterprojekt „Ausrottung von Kinderarbeit und Straßenbetteln“: Ich habe das Gefühl, im Rahmen dieses Projektes lerne ich andauernd wichtige Leute kennen. Letzten Monat lernte ich den Militärgeneral Santo Domingos kennen, da wir bei ihm waren, um einen Ausflug für die Kids des Projektes zu besprechen.
Letzten Donnerstag lernte ich dann noch weitere „Lokalprominenzen“ kennen: Der offizielle Schirmherr des Projektes, Padre Martin, hatte eine Art Pressekonferenz, um über die Arbeit gegen das Straßenbetteln zu berichten. Wir waren als Zuschauer mit bei der Konferenz dabei. Ebenfalls zu dieser Pressekonferenz als Redner kamen die Direktorin des Sozialarbeitsministeriums und die Generalin der Polizei in Santo Domingo, aber auch sogar der Gouverneur der Provinz Santo Domingo. Fehlt nur noch, dass ich dem Präsidenten Ecuadors einmal die Hand schüttele 😀

Padre Martin (Schirmherr des Projekts), Dirketorin des Ministeriums, Gouverneur der Provinz, Generälin der Polizei der Provinz

v. l. n. r.: Padre Martin (Schirmherr des Projekts), Dirketorin des Ministeriums, Gouverneur der Provinz, Generälin der Polizei der Provinz

Zusätzlich noch neu zu meinen Aufgabenfeldern im Heim dazugekommen, ist der wöchentliche Besuch im Mädchenheim „Valle Feliz“, in dem die Schwestern einiger Jungs des Casa Hogars de Jesús leben.

Fernando, Luis, Jonathan und ich auf dem Weg ins Mädchenheim

Fernando, Luis, Jonathan und ich auf dem Weg ins Mädchenheim

Sooo, dat sollet jetzt aber auch erstmal jewesen sin von diesem sehr philosophischen Eintrag heute. Vielleicht wird der nächste Eintrag schon bald kommen: Nächstes Mal möchte ich euch, sofern es interessiert, ganz abseits von meiner Arbeit in Santo Domingo berichten und euch ein wenig etwas von den wunderschönen Andenlandschaften Ecuadors berichten, in denen ich Anfang des Monats Urlaub gemacht habe und nächstes Wochenende wahrscheinlich wieder hinfahre.

In diesem Sinne, viele Grüße aus dem fast schon zu warmen Santo Domingo y buenas lavadoras (gute Waschmaschinen) wünscht euch

euer Konni

 

Unfassbar dankbar – für die paar Sätze Englisch?

Samstag, 08. Oktober 2016 von Konstantin

Dankes-Schweinehaufen nach einem Unterrichtsstündchen Englisch 😀

Seit mittlerweile fast schon einem Monat habe ich einen komplett anderen Arbeitsplan, von dem ich euch noch gar nichts habe wissen lassen. Morgens arbeite ich jetzt nicht mehr im Kinderheim, sondern bin mit den Sozialarbeitern der Fundación Calasanz unterwegs. Ganz grobe Erklärung: Das Kinderheim „Casa Hogar de Jesús“ ist Teil einer Fundación, benannt nach dem Heiligen „San José de Calasanz“. Dieser setzte sich zu Lebzeiten dafür ein, dass Kinder aus armen Verhältnissen eine Chance auf Bildung hatten.

Und dieser Gedanke wird heute durch die Sozialarbeiter der Fundación fortgeführt: Es gibt viele arme Familien in Santo Domingo. Viele Familien können sich die Schulgebühren nicht leisten, viele Familien können sich die nötigen Schulartikel nicht leisten. Manche Familien können sich noch nicht einmal Lebensmittel für ihre Kinder leisten. Die Arbeit der Sozialarbeiter besteht darin, die Familien und deren Kinder zuerst einmal ausfindig zu machen, und dann durch Gespräche ausfindig zu machen, wie man diesen Kindern und Familien helfen kann. Beispielsweise ein großer Teil der Arbeit liegt in der Präventionsarbeit, direkt mit den Kindern:

Zweimal im Monat treffen sich die Sozialarbeiter eines bestimmten Viertels mit allen Kindern, die sie in diesem Viertel betreuen. Bei diesen Treffen werden dann Vorträge, bspw. Über Kindesentführung, Umgang mit der Armut der Eltern, usw. gehalten. Auch wenn sich dies erstmal komisch anhört: Es ist schon häufiger passiert, dass Kinder in Santo Domingo nach Schulschluss von Entführern vor der Schule abgefangen und entführt wurden. Deswegen gibt es jetzt einerseits diese Vorträge, andererseits steht jetzt bei Schulschluss vor vielen Schulen eine Polizeistreife zur Prävention. Bei den Treffen mit den Kindern werden aber nicht nur so unschöne Themen behandelt, es wird auch viel gebastelt, viel gelacht, und einfach viel miteinander gesprochen. Mein Part bei diesen Treffen war bisher eigentlich immer das Übernehmen eines kurzen Englischunterrichts: Da es hier an einigen Schulen gar keinen Englischunterricht gibt, bzw. dieser an vielen Schulen eher dürftig ausfällt, lag meine Aufgabe einfach darin, den Kids ein paar Froskeln und Sätze auf Englisch beizubringen. Hierbei versuchte ich mich immer an den Englischunterricht aus Grundschulzeiten zurückzuerinnern, sodass am Ende der Unterricht immer mit einer Runde „Head and Shoulders, Knees and Toes“ endete. Ich selber hielt damals als Kind diese Form des Unterrichts nicht für besonders sinnvoll. Hier ist das aber etwas ganz Anderes: Die Kinder sind hochmotiviert, singen laut mit, und sind am Ende einfach nur unfassbar dankbar für diese Minieinheit Englischunterricht. Das war echt ein beeindruckendes Gefühl, eine Dankbarkeit seitens der Kinder, die ich in Deutschland noch nie erlebt habe. Dabei habe ich doch nur ein paar Sätze Englisch geredet.

Mehr Bilder von einer dieser Vorträge könnt ihr euch hier angucken: Link zum OneDrive-Ordner

(Nicht wundern, sind sehr viele Bilder und viele Bilder doppeln sich auch, aber die ecuadorianische Einstellung zu Fotos lautet nunmal: „Toma más fotos!“ = Mach noch mehr Fotos! :D)

Wenn ich dann einmal nicht gerade als Englischlehrer unterwegs bin, sitze ich im Auto mit dem noch jungen Sozialarbeiter Fabián. Dieser ist nicht direkt in die oben beschriebene Arbeit mit den Kindern involviert, sondern kümmert sich um speziellere Einzelfälle. Z.B. waren wir vorletzte Woche bei einem Herrn, der während des schlimmen Erdbebens vor einem halben Jahr, aus dem zweiten Stock seines Hauses heruntergefallen ist. Sein Haus ist natürlich vollkommen zerstört; aber zusätzlich ist er jetzt auch noch querschnitzgelähmt. Unsere Aufgabe bestand dann erst einmal darin, die Daten des Herrn aufzunehmen, und ihn dann zum Amtsbesuch zu begleiten, bei dem es darum ging, ob er eine Art Behindertengeld erhalten wird oder nicht. Zusätzlich dazu haben wir uns dann noch an verschiedenen Stellen nach einem Job für ihn umgehört.

D

Trotz der vielen neuen, coolen Aufgaben: Emiliano hol' ich trotzdem noch jeden Tag vom Kindergarten ab 😀

Nachmittags kehre ich dann immer ins Heim zurück, und packe hier und dort mit an. Als ich Anfang August ankam, lebten im Heim 20 Kinder; zwei Monate später leben jetzt 38 Kinder im Heim. Zusätzlich findet man jetzt auch wieder Kinder jeden Alters im Heim: Der Jüngste, Emiliano, ist jetzt 20 Monate alt; der Älteste ist 16 Jahre alt. Diese hohe Anzahl an Kindern, zusätzlich so verschiedenen Alters, stellt natürlich eine große Herausforderung für die Erzieher da, die sie aber dennoch gut meistern.

Mittlerweile ist auch eine weitere Freiwillige angekommen, Bernadette aus der Nähe von Stuttgart. Sie arbeitet sehr viel mit den ganz kleinen Kindern und macht dabei einen echt guten Job; wahrscheinlich, weil sie auf Grund fünf kleinerer Geschwister sehr erfahren im Umgang mit so kleinen Kids ist.

Das war es jetzt aber erst einmal für den Eintrag heute. Ich habe das Gefühl, je länger ich weg bin, desto schlechter wird mein Ausdrucksvermögen in der deutschen Sprache. Naja, dafür wird dat Spanisch ja auch besser 😀

Danke auch noch einmal für die vielen Rückmeldungen auf meinen Blog. Es freut mich sehr, dass so viele sich für meine Arbeit hier in Ecuador interessieren und ich euch von meinen Erfahrungen berichten kann.

Viele Grüße y mucho arroz (viel Reis)

Wünscht euch

Konni

 

4500 Meter über dem Meerespiegel – und trotzdem den Gipfel noch nicht gestürmt

Freitag, 09. September 2016 von Konstantin

Aussicht vom Vulkan Pinchincha über Quito

Aussicht vom Vulkan Pinchincha über Quito

Letztes Wochenende trat ich das erste Mal eine Reise raus aus dem Kinderheim an: Es ging für zweieinhalb Tage nach Quito, in die Hauptstadt Ecuadors. Nach mehreren stressigen Busfahrten kam ich in meinem Hostel im Touristenviertel Mariscal an. Sofort befindet man sich in einer Blase: Alle sprechen Englisch, die Hälfte der Leute die man trifft sind ebenfalls Reisende, alles ist teurer, die Straßen sind komplett beleuchtet, und so weiter. Nach vier Wochen in Santo Domingo fühlte sich das Touristenviertel Mariscal irgendwie mehr wie ein Ort auf Mallorca an, als einer in Ecuador.

Da ich nur zweieinhalb Tage in Quito Zeit hatte, war das Programm natürlich sehr eng geschnürt: Direkt am ersten Tag wollte ich den „Hausvulkan“ von Quito, den Pinchincha besteigen. Hierzu muss ich erklären: Ich lebe in der Stadt Santo Domingo, diese liegt auf 700 Metern über dem Meeresspiegel. Quito liegt auf 2800 Metern über dem Meeresspiegel; die Wanderung auf den Vulkan Pinchincha startet an der Bergstation auf 4000 Metern über dem Meeresspiegel. (Zum Vergleich: der höchste Berg Deutschlands liegt auf 2962 Metern über dem Meeresspiegel). Dementsprechend dünn ist auf dem Vulkan die Luft: jegliche Reiseführer raten einem: Akklimatisieren. Dies bedeutet einfach nur, vor einer anstrengenden Wanderung in geraumen Höhen schon ca. eine Woche auf ordentlichen Höhen zu leben, damit der Körper Zeit hat, sich an die dünne Luft zu gewöhnen. Der optimistische Rheinländer in mir hat aber natürlich mal wieder gesagt: „Kenne mer nit, bruche mer nit!“. Und so begann ich, direkt am ersten Morgen nach meiner Ankunft, meinen Körper (gewohnt an 700 Meter über dem Meeresspiegel) langsam zur 4700 Meter hohen Vulkanspitze hochzuschleppen. Dies war dermaßen anstrengend, dass ich, besonders gegen Ende, alle 20 Meter eine Pause eingelegen musste. Der Aufstieg gegen Ende war sehr steil, wie auf dem Foto zu sehen 😀

Aussicht über den sehr steilen Weg

Aussicht über den sehr steilen Weg

Ungefähr die letzten 150-200 Höhenmeter werden komplett geklettert – auf Grund der aufziehenden Wolken und meines halbtoten Körpers, entschloss ich mich dann doch dagegen, das letzte Stück noch zu bezwingen. Aber immerhin: 4500 Meter über dem Meeresspiegel, mein persönlicher Höhenrekord, auch wenn der Gipfel in Zukunft noch gestürmt werden muss. Nächstes Mal dann aber mit Akklimatisieren: Auch wenn ich nur 500 Höhenmeter gewandert bin, fühlte ich mich danach so platt wie nach einer Wanderung in Österreich mit 1500 gemachten Höhenmetern 😀

Dennoch aber hat sich die Wanderung gelohnt: Ich hatte perfektes Wetter und konnte wolkenfrei alle Berge im Umkreis sehen. Gerne könnt ihr euch hier ein paar Bilder von der Wanderung angucken: Link zum OneDrive-Ordner

Sonntag habe ich dann eine kleine Altstadttour mit ein paar anderen deutschen Reisenden gemacht. Es ist so: Sobald man in ein Jugendhostel zieht, lernt man direkt einen Haufen sehr netter Leute kennen, die häufig Trips in die gleiche Richtung unternehmen möchten. Auch zur Altstadttour könnt ihr euch hier ein paar Bilder angucken: Link zum OneDrive-Ordner

Abschließend zum Wochenendndtrip lässt sich sagen: Quito ist wunderschön und lohnt sich sehr, dennoch befindet man sich dort in einer Art Touristenblase. Deswegen habe ich mich sogar fast ein wenig gefreut, wieder in das untouristische Santo Domingo zurückzukehren.

Sooo, dat war’s jetzt aber auch. Ich wollte mich aber trotzdem noch einmal für die vielen netten Kommentare und Nachrichten bedanken, ich freue mich immer sehr, etwas aus der Heimat zu hören 😀

Viele Grüße aus dem immer warmen Santo Domingo,

Konni

 

Speedaufstehen, Stapelfahren und Wetter mit besonderen Bedürfnissen

Dienstag, 16. August 2016 von Konstantin
Aussicht aus dem Auto auf der Fahrt von Quito nach Santo Domingo

Aussicht aus dem Auto auf der Fahrt von Quito nach Santo Domingo

Heute möchte ich euch ein wenig von meinem „Arbeitsalltag“ erzählen. Dieser beginnt jeden Morgen um sechs Uhr. Wie ihr wisst, bin ich ein Hochleistungslangschläfer, weswegen ich mittlerweile die Methode des Speedaufstehens anwende (Ferienlagerteilnehmer kennen das): Ich dusche am Abend vorher und leg‘ Alles soweit bereit hin, sodass der Wecker dann erst um zehn vor sechs klingelt und ich mich dann nur noch zum Treffpunkt rollen muss.

Nach dem Frühstück gehe ich zusammen mit dem anderthalbjährigen Emiliano zum Kindergarten. Meistens werden wir von Bobby begleitet; dem Hund, der ebenfalls hier im Heim lebt. Gleichzeitig ist Bobby eins der wenigen Wörter die Emiliano schon sprechen kann, sodass er jedes Mal, wenn er Bobby sieht, auch wenn er nur kurz hinter einem Busch verschwunden war, mit freudestrahlendem Gesicht „Bobby!“ ruft. Sehr knuffig 😀

Danach geht’s immer für eine Stunde in die Küche zum Schnibbeln. Von vielen einheimischen Früchten, die ich mittlerweile schon schälen und schnibbeln kann, weiß ich noch nicht einmal den Namen 😀

Zusätzlich „helfe“ ich auch jeden Tag eine Stunde in der Wäscherei, aber ich muss dich enttäuschen Mutter, ich habe noch kein einziges T-Shirt dort gefaltet, denn die nette Waschfrau macht in der einen Stunde, in der ich dort bin, eine Art Hochleistungsspanischkurs mit mir, sehr hilfreich.

Am Nachmittag habe ich zurzeit noch jeden Tag einen weiteren Spanischkurs, damit ich möglichst schnell in die Sprache reinkomme.

Das erste richtige Wochenende bin ich erstmal hier im Heim geblieben und hab‘ mit den älteren Jungs eine Metropoly-Runde (genau, das ist die „legale“ südamerikanische Version von Monopoly) nach der Anderen gezockt. Außerdem haben wir sehr viel Fußball gespielt; ich habe auf meiner Stammposition, Betonmauer, natürlich mal wieder geglänzt.

Ihr merkt schon, zurzeit stapelt sich die Arbeit noch nicht bei mir; aber stapeln ist das richtige Stichwort: Es geht um den Ausflug in die Hauptstadt Quito. Ursprünglich dachte ich, dass wir nur zu dritt in dem Minivan fahren, nämlich Erick, der zu einer Untersuchung musste, Antonio, Hausmeister und Fahrer, und ich. Aber dann sammelten wir immer mehr und mehr Leute ein, sodass wir dann am Ende in einem auf 4,5 Personen ausgelegten Minivan zu siebt saßen. Aber wie man im Rheinland auch so schön sagt: „Et hätt noch emmer joot jejange“.

In Quito selbst haben wir gar nicht viel gesehen; eher viel gewartet: Ich musste ewig in der Immigrationsbehörde auf mein Visum warten und Erick musste ewig auf seinen Behandlungstermin im Krankenhaus warten; sodass wir eigentlich nur zum Warten nach Quito gefahren waren.

Auf der Rückfahrt wurde für mich der Begriff Aprilwetter neudefiniert: Ihr seht das Bild ganz oben; das war ein paar Kilometer nach Quito. Ungelogen weniger als 15 Minuten später, sah es so aus:

D (Dominic ist der Blog- und Fotocoach der Sternsinger)

Sorry Dominic, aber die Fluchtlinie ist auf Grund des Nebels leider nicht erkennbar 😀 (Dominic ist der Blog- und Fotocoach der Sternsinger)

Aber naja, das soll’s erstmal gewesen sein. In diesem Sinne, tschüss und muchas bananas!

Euer Konni

Übrigens: Muchas bananas ist gar keine spanische Verabschiedung, sondern heißt einfach nur: „Viele Banananen!“ 😀

 

Und plötzlich war ich weg…

Sonntag, 07. August 2016 von Konstantin

Blick über das Kinderheim

Blick über das Kinderheim

Und plötzlich war ich weg von zuhause. Leute die mich kennen, wissen, dass ich an den kompletten Freiwilligendienst immer sehr locker und „entspannt“ herangegangen bin. Aber jetzt plötzlich holt es auch mich ein: Alle reden spanisch, es ist viel wärmer, generell irgendwie ist Alles anders. Dann kommen die Fragen auf: Was tust du dir hier an, du hättest doch auch einfach ein FSJ zuhause irgendwo machen können… Was machst du denn jetzt ein Jahr ohne Familie, Freunde, Karneval…

Aber je weiter man dem Ziel gekommen ist, desto größer ist auch die Vorfreude auf die Dinge, die ich im Freiwilligendienst erleben werde.

Am Freitagmorgen, um drei Uhr, ging es in Hennef los. Nach Frankfurt. Von dort nach Madrid. Von dort elf Stunden nach Quito. Von dort drei Stunden nach Santo Domingo. Immer wieder irgendwelche Verzögerungen hier und da. Und so war ich dann nach 24h im Casa Hogar de Jesús angekommen.

Der erste Tag im Heim gestaltete sich doch schwieriger als gedacht. Alle anderen Freiwilligen des letzten Jahrgangs sind bereits abgereist, was mir bis dahin gar nicht so klar war. Zusätzlich kommt die andere Freiwillige meines Jahrgangs erst in anderthalb Monaten. Keiner außer der Heimleiterin Teresita spricht Englisch, geschweige denn Deutsch.

Am Morgen habe ich direkt das erste Mal mitgefrühstückt. Ich glaube es gab Ei mit irgendwas drinne… Bin mir nicht ganz sicher. Für ein paar Sätze mit den Kids, wie sie denn heißen und wie alt sie sind hat das Spanisch dann zum Glück doch noch gereicht.  Mittags war ich dann bei der Mutter von Teresita zum Essen: Sowohl der Reis als auch die Champignons als auch die Erbsen und die Mören waren sehr lecker (ich weiß, ich erkenne mich selber nicht mehr wieder :D)

Das soll’s dann auch erstmal gewesen sein mit meinem ersten Blogeintrag. Viele Grüße nach Deutschland, und denkt dran, wenn irgendjemand den ich kenne Geburtstag hat, muss mir das vorher jemand schreiben damit ich das nicht vergesse 😀

Euer Konni

(Übrigens, das Bild ist nicht von mir selber geschossen, so gutes Wetter war hier heute nicht. Gerne könnt ihr euch die Webseite des Kinderheimes, wo ich das Bild gefunden habe, angucken: hogardejesus.com)