Geschichten, die das Leben schreibt

Dienstag, 25. April 2017 von Julia Wolf

Die Kinder hier sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. In ihre Gesichter zu schauen und zu sehen, wie sie lernen und spielen, wie sie sich streiten und wieder vertragen, wie sie sich anstrengen, das macht mich glücklich und zufrieden. Auch wenn es keine Engel sind und mir manchmal ganz schön auf die Nerven gehen, habe ich sie unendlich lieb. Ich weiß inzwischen viele Namen, erkenne sie schon von Weitem auf der Straße, weiß wer zu wem gehört. Diese wundervollen Kinder kennen zu dürfen, ist ein Privilieg, zu sehen, wie sie leben müssen, welche Schicksale sie durchmachen, bricht mir das Herz. Ich würde ihnen gerne etwas abnehmen.

Da ist zum Beispiel Pedro, mit seinem kleinen Bruder Saulo. Zwei gut erzogene Jungen, Saulo sehr intelligent und fleißig, ohne Probleme in der Schule und Pedro, 12 Jahre alt, der als kleiner Junge einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat und bis heute nicht lesen kann, da er sich die Buchstaben nicht merken kann. Diese Schwäche macht ihn extrem unsicher und empfindlich, was im aggressiven Verhalten endet.

Oder Cristian, der mir als sehr sympatisch, aufgeweckt und wohlerzogen vorkommt, aber daheim große Probleme macht, da sein Vater im Gefängnis sitzt und er mit der Situation völlig überfordert ist. Während seine Mutter von 6 Uhr morgens bis 21 Uhr abends arbeitet, ohne damit die Lebenshaltungskosten abdecken zu können, muss er sich mit seine 14 Jahren um seine 2 kleinen Geschwister kümmern und kämpf, in dem schrecklichen Leid nicht unterzugehen. Als aggressiv bezeichnet ihn seine Tante, die Beziehung zu seiner Mutter ist schwierig, auch weil ihr die Zeit fehlt, für ihre Kinder da zu sein.

Perla mit ihren Geschwistern, von den Eltern vernachlässigt, aber jedes Jahr kommt ein neues Geschwisterchen dazu. Kinder, denen jegliche elterliche Zuneigung, Liebe und Aufmerksamkeit fehlt, ohne Erziehung. Mit jedem Problem stehen sie alleine da, um die Geschwister müssen sich die Schwestern kümmern, das Geld reicht hinten und vorne nicht.

Rolando, ein Junge der immer morgens kommt, um mit mir seine Englischhausaufgaben zu machen. Dem letzten von 8 Kindern wurde noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, er kämpfte sich alleine durch die Schule, wäscht in den Ferien Autos für 10 Soles (ca. 2.80€) den ganzen Tag lang und verdient somit seinen eigenen Lebensunterhalt. Seine Eltern sind beide alkoholkrank. Sein größtes Ziel ist, nicht die gleichen Fehler zu machen, wie seine Eltern, will studieren, um aus dem Teufelskreis der Armut zu kommen.

Da ist Lindaly, die mit ihrer Großmutter in einem Gestell wohnt, das noch nicht mal als Hütte bezeichnet werden kann. Kaum Kleidung, ohne die Unterstützung der Nachbarn wäre das Mädchen wohl schon verhungert. Die Mutter strab als sie 3 war an Krebs, vom Rest der Familie verstoßen, der Vater hat eine neue Familie. Ein sehr unsicheres Mädchen, viel gemobbt, noch mehr gelitten. Was wird aus ihr wenn die Oma stirbt?

Maricielo und Pilar, Zwillinge, die sich kaum gleichen. Maricielo hat Leukämie, gerade wachsen die Haare wieder nach. Da es in Cajamarca keine Krebsbehandlung gibt, muss sie alle paar Monate nach Lima reisen. Die Kosten sind kaum zu stemmen. Pilar leidet genauso darunter, schreit oft nach Aufmerksamkeit, ist unruhig, lässt kaum mit sich reden.

Oder Robert, mit seinen 2 Geschwistern, die in einer „Hütte“ wohnen, die bei jedem bisschen stärkeren Regen (also in den letzten Monaten sehr häufig) fast zusammenfällt und alles nass wird. Sie leiden extrem unter ihrem aggressiven Vater, der keinen Finger rührt, außer um seine Kinder und seine Frau zu schlagen.

Cristian, dessen Mutter im vergangenen Jahr verstorben ist und jetzt mit seinem Schwestern und seinem alkoholkranken Vater lebt, emotional instabil ist und immernoch sehr stark trauert. Er ist für seine 13 Jahre viel zu klein, ich würde ihn höchstens auf 8 schätzen. Er muss seinen Tanten helfen, die Tiere zu hüten, darf kaum Kind sein.

Ein sehr charismatisches, starkes Mädchen ist Nancy, 14 Jahre alt, auch sie lebt in Armut. Außerdem hat sie oft sehr starke Kopfschmerzen, die Krankenversicherung zahlt aber keine weiteren Behandlungen mehr. Ihr kleiner Bruder hat Downsyndrom, um ihn kümmert sie sich.

Es sind Geschichten, die mich aufwühlen, nachdenklich und traurig machen. Besuche ich die Kinder, kämpfe ich oft mit den Tränen und die Bilder werde ich wohl nie wieder vergessen. Ich bin, mit meinem deutschen Pass, mit meiner friedlichen Kindheit, meiner Krankenversicherung, privilegierter als der Großteil der Weltbevölkerung. Hoffentlich vergesse ich das nie wieder.

Da haben wir meinen Geburtstag gefeiert:)

„Meine Eltern trinken, aber das hat keinen Einfluss auf mich, denn ich habe MICANTO endeckt, das Beste was mir je passiert ist.“ Das ist ein Satz Rolandos, er hat ihn so ganz alleine aufgeschrieben. Es gibt immer Hoffnung, immer ein Weg zu helfen, immer ein Licht am Ende des Tunnels. Lasst uns das nicht vergessen, vergesst nicht, dass es mehr gibt, als uns und unsere Familie. Und auch in Deutschland kann man helfen, Leben zu verändern, vor allem sein eigenes. Es gibt nichts schöneres, als anderen Freude zu bereiten, ihnen einen Grund zum Freuen zu geben, ein Lächeln zu schenken. Auch ich habe diese Freude erlebt, nämlich als wir zusammen meinen Geburtstag gefeiert haben! Es war auf jeden Fall einer der schönsten, die ich je gefeiert habe, ich habe ihn sehr genossen.

Viele liebe Grüße aus Cajamarca, seid dankbar,

Julia

 

 

Auf Osterhasenjagd

Sonntag, 23. April 2017 von Danica Helmlinger

Bald ist Ostern, und da darf doch eine Sache eigentlich nicht fehlen! – dachte ich mir und habe deshalb für die Jugendlichen, die in meinem Projekt wohnen, dieses Jahr den Osterhasen gespielt.
Doña Martha, eine der Krankenschwestern, war gleich Feuer und Flamme, als es darum ging, kreative und barrierefreie Verstecke zu finden, und auch wenn wir einen zweiten Anlauf starten mussten (bei dem wir dann die Vorhänge zugezogen haben, dass auch wirklich keiner mehr aus dem Fenster schaut ;)), hat es an Ideen nicht gefehlt. Kein Wunder also, dass die Jugendlichen ganz schön gründlich suchen mussten, bis wirklich alle Süßigkeiten gefunden wurden!
Aber dank den „kalt, wärmer, nein, wieder kälter!“ Hinweisen, war auch das kein Problem.
Hier also ein paar Fotos von den fleißigen Suchern:

Nachdem das Suchen beendet war, backten wir zusammen noch einen Kuchen, dessen Rezept Doña Martha mitbrachte. Diese backt und kocht übrigens ziemlich gerne, weswegen sie mir, zusammen mit Doña Janet, einer anderen Krankenschwester, beigebracht hat Tucumanas (mit Gemüse und Fleisch oder Ei gefüllte Teigtaschen) und Pasteles de Queso (mit Käse gefüllte Teigtaschen) herzustellen. Aber davon mehr in einem anderen Blogeintrag 🙂

 

Feliz cumpleaños! Happy Birthday! Alles Gute!

Samstag, 15. April 2017 von Julia Wolf

Nun, ich weiß, der 19. März ist jetzt schon ein bisschen her, aber die Erinnerungen sind noch da, also wollte ich euch heute von der Geburtstagsfeier MICANTOs erzählen, die am Josefstag (19.März) gefeiert wird, da er der Schutzpatron der Arbeiter ist und damit auch der Heilige MICANTOs.

Natürlich werden 12 Jahre gebührend gefeiert. Los ging es am Freitag, mit allen Kindern, die sich jeden Samstag in ihren Gruppen treffen, um zusammen darüber zu sprechen, was MICANTO eigentlich ist, wofür es steht und wie es den Kindern hilft. Danach führte jede Gruppe eine einstudierte Nummer auf, hauptsächlich Tänze, aber auch Gedichte oder Clowns waren unter den unterhaltsamen und teilweise aufwändigen Stücken.

Samstag ging es  morgens schon mit einem Fußball- und Volleyballtunier weiter. Aber mit Verspätung, denn es hatte die ganze Nacht stark geregnet, bis es erst gegen halb zehn aufhörte. Es wurde trotzdem ein ereignisreicher, spannender und sportlicher Vormittag, auch wenn verlieren gelernt sein muss;)

Und nachmittags war dann das Highlight der Kinder: eine Unsha. In wenigen Worten erklärt, ist das ein gefällter Baum, der (eigentlich) in die Mitte der Straße, hier aber in die Mitte der Rasenfläche, gestellt wird und mit Früchten geschmückt wird. Man nimmt sich an die Hände, tanzt um diesen Baum herum und eine Axt wird rumgegeben, mit der die Kinder diesen Baum  „fällen“. Als er umgekippt ist, sind die Mädels und Jungs wie wild hingerannt, obwohl mir mein Instinkt eher gesagt hat: Wegrennen! Muss man wahrscheinlich damit aufwachsen, um bei einem umfallenden Baum nicht vor Angst begraben zu werden das Weite zu suchen, sondern zu schauen wo er hinfliegt und genau da hin zu sprinten. Hört sich gefährlich an, ist aber nichts passiert und war lustig anzuschauen:). Danach wurde noch getanzt, unglaublich schön, Kinder die in ihrem kurzen Leben schon zu viel erlebt und gelitten haben, so ausgelassen, glücklich und unbeschwert zu sehen.

Und Sonntags, also der offizielle Tag, fing in der Früh mit einem Gottesdienst an. Danach wurde zusammen durch die Straßen gezogen, mit Luftballoons, Flyern und einer Menge Gebrüll, aber leider auch mit Regen. Abgeschlossen wurde mit einem gemeinsamen Mittagessen und einer Torte (übrigens mit Manjar blanco, super lecker!).

 

 

Es waren wunderschöne, sehr anstrengende Tage, schon die Woche davor wurde geschmückt, gebastelt und dekoriert, manchmal bis spät am Abend. Und doch hat es sich gelohnt. MICANTO ist für die 120 Kinder, die aktuell teilnehmen und auch für die „Ehemaligen“ ein zweites Zuhause. Sie kommen mit all ihren Problemen, oder auch nur, wenn ihnen langweiligen ist. Ein Ort, der ihnen so gut es eben geht, gibt was sie brauchen. Lebensfreude schenkt, wenn die Sorgen groß sind, Ohren, wenn die Probleme übermächtig werden, Entspannung, wenn der alltägliche Stress, zwischen Schule und Arbeit, zwischen Eltern und Geschwistern, nicht mehr zu bewältigen scheint, Hilfe, wenn niemand sonst sich dafür interessiert, Liebe, wenn sie an anderen Stellen fehlt. Auch hier ist nicht alles perfekt, aber ich kann nur sagen:

Auf viele Jahre mehr!

 

 

 

 

 

 

Und wer die Nachrichten über Peru und die schweren Regenfälle gesehen hat: Ich habe ja oben schon erwähnt, dass es bei uns viel geregnet hat, im Hochland kam es aber zu keiner Katastrophe. Die Nordküste allerdings ist stark betroffen, die Autobahnen stark beschädigt, viele haben ihr Leben verloren, noch mehr ihre Häuser. Die Bilder habt ihr ja gesehen, die Berichte gehört. Inzwischen hat sich die Situation beruhigt, die Menschen sind allerdings noch besorgt, da die Regenmonate noch nicht vorbei sind.

Ich melde mich bald wieder, machts gut,

Julia

 

66% Nica

Freitag, 07. April 2017 von Lea

5.8.16. An einem schwülen Augustabend setze ich das erste Mal Fuß auf nicaraguanischen Boden- ohne Vorstellungen davon, wie mein Leben dort aussehen würde und ohne jemanden dort zu kennen.

5.4.17. Genau 8 Monate danach kann ich mir kaum vorstellen, wie mein Leben anders aussehen könnte als es jetzt ist und ich habe sehr liebenswerte Menschen kennengelernt, die jetzt wie selbstverständlich Teil meines Alltags und meines Lebens sind.

Und was dazwischen passiert ist?

So viel, dass ich es selber manchmal nicht realisieren kann. Denn ohne dass ich es bemerkt habe fing die Zeit ab diesen Moment, in dem ich aus dem Flugzeug ausgestiegen bin, an zu rennen. August, September, Oktober , November und schon war Weihnachten und Silvester, doch die Zeit rannte nur noch schneller und so zogen Januar, Februar und März wie im Flug vorbei. Und hier stehe ich nun: 3/4 dieses Jahres hinter mir und höchste Zeit auf meine letzten Monate hier zurück zublicken. Dale! (Los gehts!)

 

November- Monat der Feste

Im November haben sich die Ereignisse nur so überschlagen und ein Fest das nächste lückenlos abgelöst. Es war ein Monat mit sehr viel Arbeit und wenig Freizeit aber auch ein Monat mit viel Freude und unzählichen neuen Eindrücken. Den Anfang machte das legendäre Bingofest im Heim Madre Albertina- und ja, man kann tatsächlich 9 Stunden am Stück Bingo spielen und ja, es passen sehr viel mehr Menschen ins Heim als man denkt. Danach folgte das Cristo Rey Fest. Ein Tag mit Gottesdienst, Festessen, Tanz und festlicher Kleider und ebenso festliche Stimmung.

Zwischendrin fanden auch noch die Wahlen hier in Nicaragua statt- ein wirklich interessantes Erlebnis für mich und die Zeit sich selbst mehr mit der Geschichte und der Politik Nicaraguas zu befassen.

Am 28. November begann das religiöse Fest in Granada in der Kathedrale. Die Marienstatue wurde von ihrem Platz in der Kathedrale zu den Menschen heruntergeholt. Der Gottesdienst selbst hat mich ehr an ein Konzert oder Prominentenauftritt erinnert.  Alle standen kreischend und applaudierend mit Handy in der Hand in der Kirche um die Marienstatue zu sehen und ein Bild zu schießen- auch die Pfarrer nicht ausgeschlossen. In den folgenden 9 Tagen erlebte ich dann eine ganz andere Art Maria zu ehren: die Purisima. Ab diesen Tag wurde jeden Tag im Heim die Purisima gefeiert. Das bedeutet, dass jeden Tag vor einer mit Lichterketten beschmückten Marienstatue ein Rosenkranz gebetet und gesungen wurde. Am Ende wurden nach  verschiedenen Jubelrufe noch Süßes oder Leckereien verteilt . In dieser Zeit war ganz Granada im Außnahmezustand.

Cristo Rey Fest- ein Tag mit Gottesdienst, Festessen (für das das Heimschwein Dari sein Leben lassen musste) Tanz und festlicher Stimmung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bingo, Bingo, Bingo

 

 

 

 

 

 

 

 

Dezember- Monat der Besinnung?

Der Höhepunkt der religiösen Festlichkeiten ist die Griteria. Gemeinsam mit dem Heim waren wir mit dem Bus in den Städten Masaya und Managua unterwegs um in verschiedene Häuser zu gehen, ihre Marienstatuenaltare zu bestaunen, Lieder zu singen und dann mit Geschenken beladen weiter zu ziehen. So etwas wie an diesem Abend habe ich noch nie erlebt und die fröhlichen Gesänge und Rufe werden mir noch lange im Gedächnis bleiben!

Eine ganz andere und besondere Art Maria zu ehren- die Purisima!

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Advents- und Weihnachtszeit ist fast unbemerkt vorbeigeschlichen und, um zu mindest etwas Stimmung und Vorfreude für Weihnachten aufzubringen, habe ich für die Familie einen selbstgemachten Adventskalender aufgehängt- was erstmal erklärt werden musste. An Weihnachten selbst und mit meiner Vorstellung einer besinnlichen Heiligabend wurde ich komplett überrascht: Statt einem ruhigen Abend vor dem Weihnachtsbaum wurde nach dem Familienessen laute Partymusik gespielt, Salsa getanzt und um Mitternacht geböllert und erst dann Frohe Weihnachten gewünscht. Bis in die frühen Morgenstunden wurde dann mit einer Salsaparty bei Freunden weitergefeiert.

Geschenke gibt es hier in den meisten Familien nicht- vor allem aus finanziellen Gründen. Und ich muss sagen, dass es darauf nicht ankommt, auch wenn man sich natürlich über kleine Geschenke freut. Was viel wichtiger ist, damit sich ein Weihnachtsfest nach Weihnachten anfühlt, ist ein gemeinsames Essen und Zeit mit der (Gast-)Familie. Trotzdem hat mich einige Zeit der Gedanke beschäftigt, dass viele Kinder hier weder an Geburtstagen noch an Weihnachten Geschenke bekommen- ist dies doch in unserer Kindheit immer ein Highlight und nicht wegzudenken gewesen.

 

Weihnachtsfeier im Heim- wer findet die „Weiße“? 😉

Mit Weihnachten kamen dann auch meine langersehnten Ferien und somit die Gelegenheit auch andere Facetten Nicaraguas kennenzulernen.

Über Silvester machten wir uns auf ans Meer nach El Transito. Ich glaube, ich habe bis jetzt an keinem Ort so stark die Unterschiede zwischen Reichtum und Armut so deutlich zu sehen bekommen. Die erste Häuserreihe mit Meerblick- Villen von Kanadiern und Amerikanern und direkt daneben Blechhütten ohne fließendes Wasser und mit offenen Feuerstellen. Wir wurden zufällig von Kanadiern eingeladen ihre Villa zu besichtigen und in diesem Moment ist mir bewusst geworden, wie viel ich von hier mit nach Hause nehmen werde. Keine 10 Meter weiter leben die Menschen in selbstgebauten Hütten, ein Bett wird mit der ganzen Familie geteilt, es gibt meistens kein fließendes oder gar sauberes Wasser…

Das alles bringt einem zum Nachdenken und auf die Frage, die wir uns alle einmal stellen: Was brauchen wir wirklich? Was ist das was uns glücklich macht? Und wie gehen wir mit diesen enormen Unterschieden und Armut um, die es auf der Welt gibt?

 

Januar- neue Facetten Nicaraguas und ein neues Jahr im Heim beginnt

Auf dem aktiven Vulkan Telica: Unter dem Sternenhimmel an der Kraterkante entlang laufen und in die Lava zu schauen- einfach unbeschreiblich!

Kayakfahren auf dem Rio San Juan

 

 

Auf einer Farm beim Schokolade machen.. Wer kann mir sagen, wie es geht?

Blick über den Rio San Juan und dem Dschungel im Indio Maiz

Anfang des Jahres konnte ich eine neue Seite Nicaraguas kennenlernen: den Rio San Juan. Was mich vor allem überrascht hat ist zu sehen, wie sehr es die Menschen freut, wenn man versucht auf ihrer Landessprache mit ihnen zu sprechen und interessiert an ihrem Land ist.

Und auch ein neues Jahr im Heim hat begonnen. Die Mädchen sind aus ihren Ferien ins Heim zurückgekehrt und  auch einige neue Gesichter waren dabei. Ein paar Mädchen sind jedoch auch nicht zurückgekommen und ich habe wieder einmal gemerkt wie sehr mir jedes Mädchen ans Herz gewachsen ist.

IMG_20170120_113253.jpg wird angezeigt.

Neuer Anstrich: Ich kann mit Stolz sagen, dass jetzt ein  frisch gemaltes Sternsinger-Kindermissionswerk-Logo den Salon ziert.

 

Februar- Arbeit und Zwischenseminar

Und schon stand ich wieder komplett in meinem Alltag… eine Sache, die glaube ich viele oft vergessen. Auch wenn wir Freiwilligen in einem weit entfernten Land leben und die Chance haben viel Neues kennenlernen und auch etwas reisen können, sellt sich trotzdem ein Alltag ein. Ein Alltag, in dem man morgens aufsteht, zur Einsatzstelle geht, abends müde von der Arbeit  mit den Kinder und der Hitze zurückkommt… Nicht, dass es nicht schön und auch aufregend ist,  doch so ein Freiwilligendienst ist mehr als ein Jahr Action, Abenteuer und Reisen.

März- Besuch in Juigalpa

Im März war es soweit: Ich hatte die Möglichkeit meine Mitfreiwillige Mafalda in ihrem Zuhause und in ihrem Projekt in Juigalpa zu besuchen!

 

Hier und Jetzt

Morgen ist der letzte Tag vor den Osterferien und damit steht wieder eine ganz neue Erfahrung für mich an: Die Semana Santa in Nicaragua!

Und da auch diese Zeit  wieder schnell vergehen wird, heißt es jeden Moment zu genießen! 🙂

Auf die nächsten 33 %!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein kleines bisschen Freiheit, ein kleines bisschen Abenteuer

Freitag, 31. März 2017 von Konstantin

Ende Februar ging es endlich los: einen Monat Rundreise durch Ecuador, zusammen mit meinem Bruder Alexander und unserem Kumpel Felix. Das Gepäck sollte möglichst gering ausfallen: Ein großer Rucksack pro Person, mehr nicht. Klamotten für ein paar Tage, mehr nicht. Ein Paar Wanderschuhe, ein Paar Straßenschuhe, mehr nicht. Kamera, Regenjacke, gutes Buch, das war’s dann aber auch. Unsere Reiseplanung war eindeutig: Erstmal müssen Alexander und Felix hier landen, dann kann man weiter gucken. Fest stand lediglich: Geschlafen wird in möglichst günstigen Mehrbettzimmern in Hostals, sich von A nach B bewegt mit dem Bus UND: gegessen wird, wat auf den Tisch kütt.

Reisen ist Freiheit, Reisen ist Abenteuer. Jeden Tag aufs Neue kann ich entscheiden: Wo schlafe ich? Was mache ich morgen? Wo fahre ich morgen noch hin?

Reisen ist aber auch ein unfassbares Privileg: Mit dem deutschen Reisepass kann man in so viele Länder visafrei einreisen, wie mit keinem anderen Reisepass. Privileg 1. Viel wichtiger aber: Bezahlbarkeit. An dieser Stelle mal die Kosten für eine Ecuadorreise überschlagen (in Ecuador zahlt man mit dem US-Dollar): 700 Dollar Flug von Deutschland nach Ecuador, 10 Dollar pro Nacht für ein Hostal, 7,50 Dollar Kosten fürs Essen pro Tag, 2,50 Dollar für den Bus in die nächste Stadt. Somit ist man schnell bei 1300 US-Dollar. 1300 US-Dollar sind gute drei durchschnittliche Monatsgehälter hier in Ecuador. Des Weiteren hat der Durchschnittsecuadorianer, der nicht bei Behörden arbeitet, nur 15 Tage Urlaub im Jahr.

Nutzt die unfassbaren Möglichkeiten, die wir metaphorisch durch unseren Reisepass in die Wiege gelegt bekommen haben. Traut euch hinaus: Auch abseits von Europa und Nordamerika gibt es unfassbar viel zu entdecken! Auch in Teilen der Welt, in denen nicht Englisch gesprochen wird, kann man unfassbar viel entdecken! Durch eine Reise in ein nicht typisches Touristenland unterstützt ihr sogar noch die lokale Wirtschaft.

Dennoch muss man sich immer im Hinterkopf behalten: Es ist ein unfassbares Privileg, die finanziellen Möglichkeiten zu haben, andere Teile der Welt zu sehen. Dementsprechend sollte man, egal wo man ist, dem Fremden und Unbekannten immer mit absolutem Respekt begegnen und sich Gedanken machen, wie man vielleicht gerade in seiner Reisegruppe auf Einheimische wirken könnte.

Und selbst wenn es z.B. nach Mallorca geht: Auch dort ist man fremd. Auch dort kann es als respektlos gelten, kein Wort der Sprache zu können. Auch dort kann es als respektlos gelten, rumzugröhlen und Bierdosen rumzuwerfen, auch wenn es auf Grund der Masse an Touristen vielleicht nicht auffällt.

Dennoch denke ich, dass wir die Privilegien, die wir nun einmal haben, gut z.B. bei schönen Reisen nutzen können, als den puren Materialismus zu unterstützen.

Ecuador ist ein wunderschönes, unfassbar vielfältiges Land. Kein Land ist so vielfältig wie Ecuador. Hier kann man in drei Stunden Busfahrt im absoluten Andenhochland sein, aber genauso in drei Stunden Busfahrt an einem traumhaften Strand. Anstatt jetzt noch weiter zu schreiben, dachte ich, lasse ich einfach die Bilder für mich sprechen:

Los ging’s in der Hauptstadt Quito: Ausblick über die 60km lange Stadt

 

Quilotoa Lagune – Ausmaß und Schönheit praktisch nicht fotografierbar – höchster Punkt unserer Wanderung lag auf 4930m über dem Meerespiegel – wortwörtlich „über den Wolken“

 

Wanderung beim Touristenort Baños

 

Fahrradtour auf einer der Andenstraßen

 

Cascada del Diablo „Teufelswasserfall“

 

in Latacunga ins Karnevalgeschehen involviert worden – Karneval bedeutet hier nicht laute Musik und Alkohol, sondern Mehl, Ei und Sahneschlacht – zusätlich wurden wir von einer Schülergruppe in einen See geworfen

 

irgendwann viel später beim Chimborazo – Ecuadors höchstem Vulkan – 6310m und schneebedeckt – leider auch fast die ganze Zeit wolkenverhangen zu dieser Jahreszeit

 

eine Schlucht in der Nähe eines Wasserfalles in der Nähe des Chimborazos

 

ein verdammt knuffiger Blaufußtölpel – gesehen auf der Isla de la Plata, eine Insel die als eine einzelne Galapagosinsel beworben wird…. Naja 😀

 

Die Surfcrew – sogenannte Bodyboards (Surfbretter für Leute die nicht surfen können) ausgeliehen und in den Hammerwellen des Örtchens Canoas gesurft

 

für die ein oder andere Tür ist einmeterirgendwasneunziggroßfelix dann doch zu groß

 

Nächster Stopp: Santo Domingo, die Stadt in der ich arbeite – Felix und Alexander natürlich eingeladen in „mi casa“ (unteres Stockwerk ist die Wohnung von mir und meiner Mitfreiwilligen)

 

hier ging’s zu einem der für Santo Domingo typischen Flußschwimmbäder – auf Grund der aktuellen Regenzeit und der deswegen sehr starken Strömung in den Flüssen hatten wirr diesen fast für uns alleine

 

Am Ende ging es für uns ins Casa Hogar de Jesús – auf dem Foto zu sehen: die jüngsten Bewohner des Heimes: Emiliano, Patricio, Luis Fernando, Antonio und Santiago zusammen mit ihrer Erzieherin Karla

Abschließend möchte ich sagen: Danke Alexander, Felix, und allen netten Leuten die wir auf der Reise getroffen haben!

Auch danke an euch, wenn ihr bis hier gelesen habt!

Sein wir mutig für Neues und mindestens genauso respektvoll vor Allem, was uns in dieser schönen Welt begegnen kann!

(ihhh drei Sätze mit Ausrufezeichen hintereinander)

Viele Grüße und bastante pasaje (ordentlich Fahrtkosten)

wünscht euch

Konni

 

5 Dinge, ….

Freitag, 24. März 2017 von Danica Helmlinger

In diesem Eintrag möchte ich euch einen besseren Einblick in die bolivianische Kultur geben und an der einen oder anderen Stelle auch ein paar Denkanstöße über Themen geben, die mir hier täglich begegnen. Hier also eine Liste der Dinge, die man sich von Bolivianern abschauen sollte :).

1. Dankbarkeit: Vor dem Essen wird hier bei vielen Christen ein Dankgebet gesprochen, soweit, so bekannt. Doch hier ist es nach dem Essen üblich, sich bei jedem, mit dem man gegessen hat, zu bedanken. Das ist für mich mehr als ein einfaches „gracias“. So wird einem immer wieder bewusst, dass das, was man hat, alles andere als selbstverständlich ist und wie sehr man das Essen in der Gemeinschaft genossen hat. Vor meinem Freiwilligendienst habe ich mir darüber recht selten Gedanken gemacht, und ich glaube, dass man in Deutschland allgemein viele Sachen nicht genug wertschätzt.

2. Kochen: Auch wenn die bolivianische Küche allgemein als sehr fleischhaltig bezeichnet werden kann, hat sie auch für Vegetarier wie mich einiges zu bieten. Da wären zum Beispiel Salteñas, das sind mit Gemüse oder Fleisch gefüllte Teigtaschen oder Umitas, in Maisblätter eingewickelte Kuchen mit Käse und Rosinen. Oder, mein bolivianisches Lieblingsgericht bisher, Erdnusssuppe. Im Allgemeinen ist das Essen hier deftiger, reicher an Kohlenhydraten (um zu sättigen) und wird mit Llajwa, einer scharfen Soße, gewürzt.

3. Familie: Die Familienstrukturen in Bolivien und Deutschland sind derart unterschiedlich, dass man damit wohl ein ganzes Buch füllen könnte, doch ich fasse mich etwas kürzer. Während eine deutsche Durchschnittsfamilie 1,3 Kinder zur Welt bringt (wie auch immer man sich das vorstellen soll), sind Familien mit bis zu 10 Kindern hier wirklich keine Seltenheit. Natürlich gibt es auch in Bolivien Einzelkinder oder kinderlose Paare, aber die Mehrheit der Familien, vorallem in den Dörfern, hat wesentlich mehr Kinder. Das kann dann auch zu Verwirrung führen und wenn ich erzähle, dass ich nur eine Schwester habe, werde ich oft überrascht angeschaut und gefragt, warum deutsche Familien so klein sind oder wie viele Kinder pro Familie in Deutschland gesetzlich erlaubt sind. Die Familie spielt hier einfach eine viel größere Rolle, oft hat man auch zu seinen Cousinen und Geschwistern eine enge freundschaftliche Bindung. Die alten oder kranken Familienmitglieder werden meist zuhause gepflegt. Wenn man in der Familie gerade gebraucht wird, hat das höchste Priorität. Die meisten meiner Ende 20-jährigen Kolleginnen wohnen immer noch mit ihrer Familie zusammen. Das ist in Bolivien ganz normal, denn egal wie alt man ist, die eigenen Eltern werden das ja auch immer bleiben. Diese Einstellung finde ich besser als das „Nesthocker“, dass den meisten Deutschen wohl in den Kopf kommen würde, wenn sie so etwas hören.

4. kein unnötiger Stress: Ich gehöre leider zu den Menschen, die bei Verabredungen meistens spät dran sind und doch pünktlich sein wollen. Die Lösung: hektisch seinen Haustürschlüssel und den Geldbeutel suchen und dann losrennen, um die Bahn noch zu erwischen. Mittlerweile kommt mir das alles etwas albern vor, denn mal ehrlich, auf eine halbe Stunde früher oder später kommt es
doch meistens wirklich nicht an, oder? Da gefällt mir die „hora boliviana“ (dt.: bolivianische Uhrzeit) wesentlich besser. Wenn man spät dran ist, dann ist das eben so, hier muss man sich dafür auch nicht entschuldigen, da es etwas ganz normales ist, derjenige wird ja schon einen Grund haben, dass er nicht pünktlich gekommen ist. Es mag etwas befremdlich klingen, wenn man sich für 7 Uhr verabredet und der erste eine Viertelstunde später eintrudelt und dann noch weitere 15 Minuten auf den Rest wartet, aber es ist wesentlich entspannter, nicht unter Zeitdruck zu stehen und zu wissen, dass die Welt nicht untergeht und keiner enttäuscht ist, wenn man es nicht rechtzeitig schafft.

5. Großzügigkeit: Alleine etwas zu essen, ohne den Menschen um einen herum etwas anzubieten, gilt hier als grob unhöflich. Auch wenn es nur ein Stück Brot ist, es ist ganz normal, den anderen Menschen im Wartezimmer oder seinen Freunden, mit denen man gerade unterwegs ist, etwas anzubieten. Und es ist auch erwünscht, das Angebotene dann auch wirklich anzunehmen. Mir gefällt diese Eigenheit sehr gut und ich bin immer wieder positiv überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit und wie ohne zu Murren geteilt wird. Auch Bettlern gegenüber ist die Bevölkerung hier, gerade bei alten Menschen, die keine Altersvorsorge haben, meist viel großzügiger.Getrennte Rechnungen zu bekommen ist sehr unüblich, entweder man lädt die andere Person ein, oder es wird zusammengelegt. In Sachen teilen und Großzügigkeit können wir noch einiges von Bolivianern lernen!

 

Alles Friede, Freude, manjar blanco?

Donnerstag, 02. März 2017 von Julia Wolf

„Mir geht es super! Peru ist ein wunderschönes Land und mir geht es viel besser als ich erwartet habe.“ Das oder so in der Art ist meine gewöhnliche Antwort auf die Frage, wie es mir hier in Cajamarca geht. Das schon mehr Zeit hinter mir liegt, als vor mir, macht mich vor allem traurig. Aber natürlich ist hier nicht alles perfekt. Heute will ich über 10 Probleme meinerseits oder in Cajamarca allgemein schreiben. Einige sind nicht ganz ernst gemeint, aber ein bisschen grinsen is ja auch gesund:).

  1. Wasserknappheit

Die Sorgen für das Jahr 2017 sind vorprogrammiert. Denn in den normalerweise regenreichen Monaten wie September, August, Oktober, November, Dezember und Januar gab es kaum Niederschlag. Die Lebensmittelpreise, zum Beispiel für Kartoffeln, werden, bedingt durch Ernteausfälle, stark ansteigen. In den letzten Monaten hatten die Behörden starke Waldbrände zu bekämpfen, Familien fehlt das Wasser zum Essen kochen, waschen, zum Leben. Man wird aufgefordert kürzer zu duschen, weil der Wasserpreis um 10% steigen wird. Ehrlich gesagt, wenn ich, jemand aus Deutschland natürlich, höre, der mir erzählt, er hat gebadet, finde ich das inzwischen ziemlich unwirklich.

  1. Meine Gröẞe

Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass ich mit meinen 1,76 m gröẞer bin, als die Durchschnittsfrau in Peru (1,51m). Aber leider ist auch der typische peruanische Mann nur 1,64 m groẞ. Das führt zu einigen Schwierigkeiten: zum Beispiel schlafen mir im Bus regelmäẞig meine eingequetschten Beine ein. Beim Aussteigen stoẞe ich mir meinen Kopf an der Decke an. Ganz schlimm ist es aber, wenn ich keinen Sitzplatz bekomme. Dann stehe ich verkrüppelt im Bus und mir schmerzt danach mein ganzer Rücken. Zum Glück ist Cajamarca nicht so groẞ, den Groẞteil meiner Wege kann ich also zu Fuẞ zurücklegen. Aber natürlich bekomme ich auf der Straẞe ziemlch viel Aufmerksamkeit. Die Leute errinern sich an mich, weil ich weiẞ und riesig bin. Dass ich ja bis zum Himmel reiche habe ich auch schon gehört. In Cajamarca selbst habe ich inzwischen 3 Männer gesehen, die ungefähr so groẞ waren wie ich.

  1. Unterernährung

Kinder mit aufgeblähtem Hungerbauch sieht man hier so gut wie gar nicht. Aber das bedeutet leider nicht, dass sie nicht an Hunger leiden. Sie bekommen zwar genug zu essen, es fehlt aber an Nährstoffen durch Gemüse, Fleisch oder auch Fisch. Das verursacht einige Krankheiten, aber vor allem wachsen sie nicht richtig, sind immer müde und können sich schlecht konzentrieren. Viele Kinder leiden auch an Parasiten im Bauch und sind deshalb unterernährt. Auf 380 Millionen Kinder wird die Zahl der Kinder geschätzt, die nicht ausreichend Nährstoffe erhalten. Diese Unterernährung wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten und sie daran hindern ihr eigentliches Potenzial zu entfalten.

  1. Gewalt

Mit Gewalt meine ich hier nicht Kriminalitat oder Gewalt in den Straßen, nein ich spreche von häuslicher Gewalt. Laut Frauenministerin Ana María Romero-Lozada hat Peru weltweit den dritthöchsten Wert bei gewaltsamen Übergriffen auf Frauen. Pro Monat werden ca. 10 Frauen durch ihre eigenen Männer getötet. Diese Zahl ist für mich schwer zu fassen und kaum vorstellbar, dass das nur die Ziffer für Ermordungen ist, die Körperverletzungen ausgenommen. Wenn ich meine Freunde oder Kollegen aus dem Projekt frage, warum das so ist, begründen diese es mit der Machokultur in ihrem Land. Mir ist auch schon aufgefallen, dass bei solchen Vorfällen häufig nur die Frau bemitleidet wird, dass der Mann beschuldigt wird, ist selten. Sie werden zwar meistens schon gerichtlich verurteil, aber die Moral, die Strafe der Gesellschaft fehlt. Das ist meine persönliche Wahrnehmung, die wahren Gründe können ganz andere sein. Und auch Kinder leiden an häuslicher Gewalt. Ich saß letztens mit einem ungefähr 9 jährigem Jungen an seinen Hausaufgaben. Wir waren fast fertig, als es Zeit nach Hause zu gehen war und die Glocke klingelte. Ich meinte, dass wir seine Aufgaben noch schnell beenden konnten, er aber packte schnell seine Sachen zusammen, entschuldigte sich, denn wenn er zu spät nach hause kommt, würde sein Vater ihn schlagen. Und das sind keine Popoklapser, sondern richtige Schläge, unter anderem auch mit dem Gürtel. Auch Lehrer sind teilweise noch gewalttätig, auch wenn das inzwischen verboten ist.

  1. Mein schlechtes Gewissen

Letztens haben wir mit den Kindern MICANTOs einen Ausflug zum reichsten College in Cajamarca gemacht. Es war ein schöner Tag, alle waren ziemlich aufgeregt und fröhlich. Sie wurden mit offenen Armen empfangen, es wurde zusammen gespielt und am Ende haben sie sogar Geschenke bekommen. Die Kinder haben sich riesig gefreut, es waren Süßigkeiten und Getränke dabei, die sie davor noch nicht gekannt haben. Ich allerdings war wütend und traurig. Warum geben die Reichsten aus Cajamarca denn nicht mehr ab? Warum nur billige Süẞigkeiten in Plastiktüten, wenn sie mehr geben könnten, ohne das es ihnen schaden würde? Und schnell wurde mir bewusst, wenn ich ihnen diesen Vorwurf mache, muss ich ihn mir auch selber machen. Wieso fällt es uns so schwer zu teilen? Warum haben wir immer Angst schlechter dazu stehen? Woher kommt dieser Wunsch möglichst reich zu sein? Warum häufen wir Dinge an, die wir überhaupt nicht brauchen? Warum interessieren uns die Arbeitsbedingungen nicht, solange unsere Kleidung nur billig ist?  Sind wir wirklich benachteiligt, nur weil wir kein iPhone besitzten?

  1. Straẞenhunde

Jeden Tag auf meinem Arbeitsweg habe ich Todesangst. Nicht wegen Raubüberfallen oder Diebstählen, sondern wegen Hunden. Als ich anfangs gefragt wurde, ob ich Angst vor Hunden habe, habe ich immer noch ganz mutig verneint. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass es einen Unterschied zwischen peruanischen Straẞenhunden und deutschen Haustierhunden gibt. Umzingelt von 5 laut bellenden Monstern klopft einem das Herz nämlich ganz schön, während man überlegt, was man alles in seinem Leben eigentlich noch machen wollte, bevor man von Hunden zerfleischt wird. Und alle die mich jetzt auslachen: kommt nur mal her und lasst euch mal anknurren, dann versteht ihr was ich meine. Übrigens ist meine Angst nicht unbegründet, fast alle Einheimischen haben ungefähr genauso viel Angst wie ich, viele können dir auch eine Narbe zeigen, natürlich von einem Hundebiss.

  1. Fehlende staatliche Unterstützung

Mir fällt oft auf, dass MICANTO viele verschiedene Institutionen in einer ist. Die Kinder kommen her, um ihre Hausaufgaben zu machen und sich für Prüfungen vorzubereiten. Aber auch um sich ihre Herzen auszuschütten, wenn es daheim gekracht hat. Sie kommen um Spaẞ zu haben und mit anderen Kindern zu spielen. Aber es wird sich auch um Kinder gekümmert, die keine Papiere haben und nicht registriert sind. Kinder, die nicht zur Schule gehen, weil sie kein Geld fur die Aufnahme haben, oder mit 10 noch nicht lesen oder schreiben können und Kinder, die in schwierigen Verhältissen leben, Waisen oder Halbwaisen sind. Um diese Fälle kümmert sich MICANTO, ohne vom Staat unterstützt zu werden. Aber es fehlen hier eben funktionierende Jugendämter, Horte, Förderschulen und Anlaufstellen, die Kinder in Not auffangen und ihnen helfen vorwärts zu gehen. Ich hoffe ihr versteht was ich meine, ich weiß, dass es auch in Deutschland Leid und Armut gibt, dass es eine Vielzahl an Problemen zu bekämfen gilt, aber wir sollten uns mehr umschauen, über den Tellerrand blicken und dankbar für unser Sozialsystem sein.

  1. Schulsystem

Fragt man meine Kollegen im Projekt nach dem peruanischen Schulsystem, können die Reaktionen teilweise heftig ausfallen. Bemängelt wird vor allem die hohen Kosten für einen Schulbesuch. Gezahlt werden muss nicht nur eine Gebühr zur Einschreibung, sondern auch die Uniform, die Schulutensilien und der Schulweg. Fallen die Kosten für den Weg nicht an, kann man sich sehr glücklich schätzen, denn dass bedeutet, dass man einen Platz in der nächst gelegenen Schule bekommen hat. Es passiert tatsächlich, dass Schulen wegen Überfüllung niemand mehr aufnehmen und das gar nicht selten. Hat man einen Platz bekommen, werden die Kinder in riesigen Klassen von 30 und mehr unterrichtet. Schüler, die das Tempo nicht mithalten werden ausgeschlossen, eine Förderung für Schlechtere gibt es nicht. Und wer durchfällt hat wenig Chancen auf einen Schulplatz. Es kann also passieren, dass ein Kind von 13 Jahren vor dir steht, dass weder lesen noch schreiben kann, weil es keinen Schulplatz mehr bekommt.

  1. Zurüchkehren

Es ist für mich inzwischen unvorstellbar, wieder nach Deutschland zu kommen. Natürlich freue ich mich auf meine Familie, Freunde, auf Menschen, die mich schon ewig kennen. Ich freue mich, auf der Straße nicht mehr aufzufallen und auf einen guten bayrischen Schweinebraten. Aber hier alles zurücklassen und in mein Luxusleben zurückkehren? Warm aus der Leitung fließendes Wasser als das normalste auf der Welt anzusehen? In einem isolierten Haus zu sitzen, ohne an tausende Kinder zu denken, die gerade frieren? Essen zu kaufen, ohne an Menschen zu denken, die heute nichts haben werden? Zum Arzt zu gehen, ohne an jene zu denken, denn es viel schlechter geht, aber kein Geld für den Besuch haben?

  1. Peru geht es nicht am schlechtesten

Ich würde mir gerne einreden, dass es keine Menschen gibt, denen es schlechter geht, als die ich hier sehe. Aber Peru ist ein aufsteigendes Land, mit zuletzt starker Wirtschaftsleistung, auch wenn das nur langsam bei der Bevölkerung ankommt. Aber die meisten  Kinder haben genug zu Essen, sie können lesen und schreiben, gehen zur Schule und haben durchaus Aufstiegschancen. Sie haben zwar mit Unterernährung und verschiedenen anderen Erkrankungen zu kämpfen, aber akut lebensbedrohliche Umstände sind selten. Und trotzdem sehe ich so viel Leid und Schmerz, soviel Hoffnungslosigkeit und Armut, dass es mir das Herz zerreist. Eine ganze Familie lebt in einem Zimmer, mit unsicherer Stromverbindung und nur kaltem Wasser, das noch dazu sehr oft ausgeht. Krankheiten bleiben unentdeckt weil kein Geld für einen Arztbesuch da ist. Kinder sind nicht offiziell registriert, von den Eltern verlassen, von der Tante verachtet. Hunderte “Häuser”, vielleicht ist das bessere Wort Lehmhütten, sind jedes Jahr vor Fluten und plötzlichen starken Regenfällen gefährdet, was ganze Familien obdachlos machen würde. Und da soll es noch so viel mehr schlechter gehen? Ich kann und will es mir nicht vorstellen.

Trotz all diesen Problemen bleibe ich dabei: Peru ist ein wunderschönes Land, ich fühle mich unendlich wohl. Ein Stück Herz werde ich hier lassen. Und jetzt denke ich nicht mehr an meinen Abschied, mir bleibt ja noch die Hälfte!

Ganz liebe Grüße,

Julia

 

Tanzen für die Inklusion

Mittwoch, 01. März 2017 von Danica Helmlinger

Wie bereits in meinem letzten Blogeintrag angedeutet, möchte ich heute über etwas ganz Besonderes schreiben: Das erste integrative Tanz- und Theaterfestival in Sucre, veranstaltet vom ETI, dem Projekt, in dem ich arbeite.

Das Fest zu veranstalten hatte zwei Hauptzwecke. Zum einen sollten mit dem Gewinn aus den Eintrittskarten für jeden Residenzbewohner Weihnachtsgeschenke besorgt werden können. Weihnachtsgeschenke meint hier allerdings nicht neue Sneakers, Kleider oder gar ein Handy sondern Lebensmittel wie Reis, Zucker, Tee, Speiseöl, Kekse und Schokolade, vor allem letzteres war etwas ganz besonderes für die Beschenkten, da es eben alles andere als alltäglich ist.
Die Mehrheit der Bewohner kommt nämlich vom Land, was hier in Bolivien meistens bedeutet, dort zu leben, wo es weder einen Arzt noch gefestigte Straßen gibt. Der nächste Nachbar lebt häufig auch kilometerweit entfernt. Die Familien der meisten Residenzbewohner sind folglich auch sehr arm und leben von ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Mit dem Lebensmittelkorb, den jeder als Geschenk zum Abschied vor den großen Ferien aus dem Erlös des Festes bekam, sollte den Residenzbewohnern und ihren Familien ein schönes Fest ermöglicht werden.

Das andere Ziel war es, den Menschen in Sucre, von denen ein Großteil vielleicht auch noch nie Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung hatte, zu zeigen, dass diese Menschen genau so wie jeder andere Talente haben, z.B. gut singen oder mitreißend tanzen können, und dass diese Talente so gut sind, dass es sich lohnt, dafür ein Festival zu veranstalten. Und ich kann nur betonen, dass es sich wirklich gelohnt hat! Mit welcher Energie und Kreativität die Kinder und Jugendlichen dabei waren, welchen Mut jeder einzelne hatte, vor einer großen, fremden Menschenmenge zu reden, zu singen oder zu tanzen, das war einfach großartig! Ich war so stolz auf jeden einzelnen Teilnehmer :).
Schon etwa zwei Monate vorher liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Was wird alles aufgeführt? Wo wird das Fest stattfinden? Wer ist für was zuständig? Das waren nur einige der vielen Fragen, die in diesem Zusammenhang aufgetaucht sind.
Jeder Einzelne war nun gefragt. Lehrerin Marcelina, der ich morgens bei der Arbeit mit den Erwachsenen und mittags bei der Hausaufgabenbetreuung helfe, 4 Lehramtsstudenten, die im ETI aushelfen und ich haben uns überlegt, was die Kinder der Hausaufgabenhilfe aufführen könnten. Es fielen Vorschläge wie ein Theaterstück oder einen Tanz, doch schließlich fiel die Entscheidung auf eine Modenschau von Berufen mit recycelten Kostümen. Als goldener Abschluss sollte ein Gruppentanz folgen.
Mit den Erwachsenen, die morgens ins Projekt kommen um verschiedene Handwerklichkeiten wie Schmuckherstellung zu lernen, nähten wir die verschiedenen Kostüme: Ein Feuerwehrmannanzug aus Safttüten und ein Sportleroutfit aus alten Plakaten sind nur ein kleines Beispiel. Jeder der Mitarbeiter im ETI hat mitgeholfen, Plastiktüten oder altes Papier zu sammeln und die Lehrerin Eliana, die für die Nähwerkstatt zuständig ist, hat aus Windelpackungen sogar ein recyceltes Brautkleid genäht!

 

Ich fand es sehr schön zu sehen, wie jeder mit Herzblut auf diese Veranstaltung hingearbeitet hat. Mit einigen Jugendlichen haben wir noch einen afrobolivianischen Tanz eingeübt, bei dem auch ich mittanzen sollte. Jeden Nachmittag haben wir uns dafür auf dem Sportplatz getroffen und getanzt, wobei ich mit dem bolivianischen Rythmusgefühl und der Leidenschaft fürs Tanzen nicht wirklich mithalten konnte 😀

Eine Woche davor bin ich mit ein paar Jugendlichen aus der Residenz losgezogen, um Eintrittskarten zu verkaufen und Passanten zu der Veranstaltung einzuladen, und dann war es auch schon soweit!

Am Mittag schmückten wir die Bühne, brachten die Kostüme und Requisitien an ihren Platz und dann hieß es auch schon umziehen! Wir hatten alle ziemliches Lampenfieber und die Stimmung hinter der Bühne war angespannt. Doch als es dann tatsächlich losging, lockerte sich die Lage. Ein Auftritt folgte dem anderen und schließlich hieß es auch für mich: „auf die Bühne!“. Zwar lief nicht alles wie geplant, eine der Tänzerinnen aus unserer Gruppe konnte nicht zur Veranstaltung kommen, allerdings waren wir danach ziemlich erleichtert und konnten den Rest des Festivals in vollen Zügen genießen.

 

 

Die Kindergartenkinder führten mit ihren Erzieherinnen einen Ententanz auf, eine Schulklasse spielte das Weihnachtsevangelium der Geburt Jesu nach und schließlich folgten die Chuntunquis, ein Tanz, der die Freude der Hirten bei der Nachricht über die Geburt des Gottessohnes immitiert und der in der im Departamento Chuquisaca, dem „Bundesland“ in dem ich lebe, in der Vorweihnachtszeit getanzt wird.
Tatsächlich habe auch ich ein bisschen von den Residenzbewohnern gelernt, wie man Chuntunquis tanzt und ich finde es ist eine sehr schöne und frohe Art, der Geburt Jesu zu gedenken. Ein Residenzbewohner, durch einen Unfall im Rollstuhl, hielt eine Rede in der auch sehr persönliche Gedanken miteinfloßen. Über die neue Situation, das Gefühl des Gefangenseins und der Hilflosigkeit, aber auch über die Stärke und die Hoffnung, die er erfahren durfte.
Als Gäste waren die Ballettschule Sucre und zwei Clowns regionaler Berühmtheit eingeladen, was vor allem den Kindern im Publikum großen Spaß bereitet hat.
Auch wenn die Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hat, hat es sich total gelohnt! Ich hoffe, dass die Zuschauer dadurch aufmerksamer und offener für das Thema Inklusion geworden sind.
Dem ETI, seien es die Kinder, Lehrer oder Therapeutinnen, wird dieses Fest sicher noch lange in guter Erinnerung bleiben 🙂

 

 

WOCC-Ein Waisenhaus?

Dienstag, 21. Februar 2017 von Sophia Koch

Ball spielen im Regen

Was ist Wat Opot Children‘s Community eigentlich für ein Projekt? Ist es ein Kinderheim, ist es ein Waisenhaus? Welche Rolle spielt HIV/ AIDS im Projekt?
WOCC ist in erster Linie ein Zuhause für Kinder. Ursprünglich wurde es als Hospiz für Menschen gegründet, die an AIDS starben. Heute sind Medizin, Untersuchungen und Behandlungen für HIV positive Patienten in ganz Kambodscha kostenlos und das Hospiz in der Form überflüssig geworden.
Das Projekt beherbergt nun 49 Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen dort sind. Die meisten von ihnen haben Familie. Entfernte Verwandte, Geschwister, Vater, Mutter. Und jedes Kind hat seine eigene auf ihre Weise traurige Geschichte. Zu diesem Zeitpunkt sind mir nur ein Mädchen und ein Junge bekannt von denen bisher keine Angehörigen gefunden wurden, die also Vollwaisen sind. Andere Gründe auf dem Projekt zu leben sind beispielsweise Eltern, die den ganzen Tag arbeiten müssen, Schulbildung, medizinische Versorgung, Diskriminierung oder einfach ein Zuhause, was nicht kindgerecht ist.
Ich möchte an dieser Stelle die Geschichte eines kleinen Jungen mit euch teilen, der Ende November 2016 ein neues Mitglied der Gemeinschaft von WOCC geworden ist. Mir ist seine Geschichte sehr nahe gegangen, einerseits, weil ich begleitend dabei war als wir ihn von seinem zuhause abgeholt haben (einen Hausbesuch gemacht und die familiäre Lage ermittelt haben) und andererseits, weil sein Geschichte exemplarisch ist für Situationen, in denen das ursprüngliche zuhause kein Ort für ein Kind ist.
Sein Name ist Samuel (Name geändert). Samuel ist ein dreijähriger Junge aus der Provinz Takeo in Kambodscha. Ein Jahr nach seiner Geburt starb seine Mutter an AIDS. Sein Vater ist HIV positiv und nicht mehr im Besitz seiner vollen Geistesskräfte. Als ich ihm begegnete schien er sehr zurückgezogen und in seiner eigenen Welt gefangen zu sein. Samuels Oma ist 85 Jahre alt, was die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kambodschaners weit übertrifft. Sie ist blind. Tagsüber ist sie diejenige, die sich um Samuel kümmert. Um ihn in Sicherheit zu wissen, insbesondere während der Regenzeit, wo das Wasser hochsteht und Kinder ertrinken können, band sie Samuel ans Bett, auf dem sie die meiste Zeit des Tages sitzt. Die Familie ist auch sehr arm, hat sich das Geld für ihre Hütte nur geliehen. Das Grundstück ist extrem klein und Samuel hatte kaum Spielzeuge und Spielraum.
Der Umgang der Oma mit Samuel schien mir trotzdem sehr liebevoll und ich denke auch, dass er seinem Vater sehr wichtig ist und das beide sich bemüht haben den jungen so gut zu unterstützen, wie es ihnen in ihrer geistigen und körperlichen Verfassung möglich war.
Auf dem Projekt liebt Samuel es umher zu rennen und Ball zu spielen, hat ein großes Faible für Autos und wie mir scheint auch Kühe. Er ist ein sehr aufgewecktes Kind und steckt voller Lebensfreude. Er hat nun die Möglichkeit kindgerecht aufzuwachsen mit viel Raum für Bewegung und verschiedensten Aktivitäten und Angeboten.
Zusätzlich leidet er auch an Epilepsie, die vor und während Infekten, häufig bei ihm auftritt. Er kippt dann einfach um und fängt an sich am ganzen Körper zu verkrampfen und gleichzeitig unkontrolliert zu zittern. So ein Anfall dauert meist nicht länger als eine Minute und das einzige, was man als Danebenstehender tun kann ist darauf zu achten, dass er sich nicht selbst verletzt, besonders nicht den Kopf. Nach so einem Anfall ist er dann kreidebleich kommt wieder zu sich, fängt an zu weinen und schläft dann schnell, erschöpft von allem was sein Körper gerade durchgemacht hat, ein.
Im Normalfall ist ein zuhause mit liebenden Eltern, der beste platz für ein heranwachsendes Kind. Und ich wünsche jedem Kind dass es so ein liebendes Elternhaus hat. Es kann aber auch Situationen geben, wie soeben beschrieben, in denen das Elternhaus nicht der ideale Platz für ein Kind ist. In diesem Fall kann ich sagen, dass WOCC das beste neue Zuhause ist, was Samuel und viele andere Kinder haben können. Davon bin ich nach 6 Monaten auf dem Projekt voll und ganz überzeugt. Denn das ist genau, was WOCC ist:
Ein Zuhause für Kinder!

 

Die wahrscheinlich wichtigste Sache der Welt

Montag, 30. Januar 2017 von Julia Wolf

Nun, wer sich einen philosophisch angehauchten Beitrag erhofft, der muss leider wo anders suchen. Denn heute geht es um, zumindest für mich, die wahrscheinlich wichtigste Sache der Welt: Essen. Ganz ernst gemeint ist das natürlich nicht, aber wer mich kennt, der weiß: ich esse gern, ich esse viel und bin dabei nicht ganz einfach, mich als wählerisch zu bezeichen ist noch ziemlich wohlwollend. Aber ich glaube, mit meinem Essverhalten bin ich nur in die falsche Kultur hineingeboren, denn  hier in Cajamarca esse ich fast alles, was auf den Tisch kommt unglaublich gerne.

Yuca - Maniok

Ganz allgemein gibt es zu jedem Mittag Reis. Ein Freund von mir hat mal gesagt: „Ein Essen ohne Reis ist kein Essen“. Und diese Einstellung merkt man auch. Selbst in den wenigen Fällen, in denen es mal Nudeln gibt, wünschen sich die Peruaner Reis dazu. Für mich unvorstellbar, aber zum Glück ist der Reis lecker und ich hab mich inzwischen gut daran gewöhnt. Ungefähr jeden zweiten Tag in der Woche gibt es dann zum Reis Kartoffeln und Hühnchen. Die anderen Tage wird variiert: Reis mit Süßkartoffel (viel leckerer als in Deutschland) und Hähnchen, Reis mit Linsen (auch besser) und Hähnchen, Reis mit Erbsen (leider nicht besser) und Hähnchen.  Und Yuca, Maniok, ist auch sehr zu empfehlen, gibt es auch mal, natürlich mit Reis und Hähnchen;)

Selten gibt es auch mal anderes Fleisch, zum Beispiel Ente, ganz selten Schwein. Aber Fisch wird hier auch öfters in der Woche zubereitet. Und weil immer welche Fragen: Meerschweinchen habe ich schon gegessen. Ich finde das schmeckt ganz gut, aber für mich nicht unglaublich besonders. Auch Ceviche (roher Fisch eingelegt in eine Limonensauce) ist gut, aber ich brauche es nicht jeden Tag.

Und wenn wir schon bei den Spezialitäten sind, erzähle ich euch noch von meinen Lieblingsspeisen:

Arroz chaufa

Arroz chaufa: Ein peruanisch – japanisches Reisgericht, bestehend aus Reis (arroz), Hühnchen, Frühlingszwiebeln, Lauch und Sojasoße, alles angebraten und vermischt

Aji de Gallina: Kommt dem Deutschen Hühnerfrikasse sehr nahe, schmeckt super lecker und vor allem ist es schärfer


Alles mit Camote oder Yuca: Camote ist die Süßkartoffel und wie ich schon sagte, viel besser als die deutsche und meiner Meinung nach nicht zu vergleichen. Vielleicht habe ich aber auch die falsche in Deutschland probiert, das kann natürlich sein. Yuca kannte ich davor nicht, der deutsche Name ist Maniok. Insgesamt gibt es hier sehr viele verschiedene Kartoffelsorten, die auch sehr viel besser sein können, als die gelbe Kartoffel, die auch bei uns bekannt ist

Aber das allerbeste, dass es hier gibt und in Deutschland nicht, ist manjar  blanco. Das ist Milch und Zucker verkocht, bis eine cremeartige Konsistenz entsteht. Die Peruaner benutzen das als Brotaufstrich, als Kuchenfüllung aber auch als Verfeinerung von jedlichem Gebäck. Alfajores de maizena sind zum Beispiel kleine Kekse aus Maismehl übereinandergelegt und mit manjar blanco gefüllt. Super lecker, ich kann davon unendlich essen.

alfajores aus Maismehl mit manjar blanco

Alfajores aus Maismehl mit manjar blanco

Zu den Früchten kann ich leider nicht viel sagen, die schmecken mir auch hier nicht. Aber die anderen Freiwilligen lieben sie und ich habe gehört sie sind ziemlich billig. Wenn man in der Mangozeit (um Weihnachten) ein Schnäppchen macht, kauft man 5 Mangos für 1 Sol (28ct.). Ich gebe diesen Sol eher für ein Kilo Äpfel aus, die schmecken gleich.

Insgesamt kann man hier sehr günstig essen gehen, für 4 Soles (1,12€) bekommt man schon ein gutes Mittagessen, natürlich ist das dann kein Luxusmahl, aber auf jeden Fall ausreichend und mit reichlich Reis natürlich.

Nun zum Schluss bleibt mir noch zu sagen, ich hoffe mir passen meine Hosen im August noch, denn das Essen ist köstlich und es wird schwer, Hosen zu finden, weil ich 20 cm über der Durchschnittsgröße einer peruanischen Frau liege (ca. 1,51m, ich bin 1,76m). Aber bis es soweit ist genieße ich Arroz, papa y pollo, also Reis mit Kartoffeln und Hähnchen:)

Liebe Grüße aus Cajamarca und guten Appetit,

Julia Wolf