Warten…
Unser Flieger von Mwanza nach Dar es Salaam wird zwei Stunden später starten, der Anschlussflug am nächsten Morgen, der uns nach Mtwara bringen soll, ganze fünf Stunden später. Da diese Verspätungen nicht angesagt werden und es auch keinerlei Auskunft darüber gibt, wann mit dem Abflug zu rechnen sei, tun wir das, was augenscheinlich alle hier sehr oft tun: warten.
Wir nutzen die Zeit für den nächsten Blogbeitrag, den Reisebericht für die Kollegen, die Vorbereitung auf das nächste Projekt, oder um einfach mal Pause machen, zu lesen oder zu quatschen.
Irgendwann ist aber alles erledigt und das Warten wird doch lang. Ich gehe spazieren und ärgere mich, wie viel wertvolle Zeit verloren geht, nur um weitere fünf Minuten später zu merken, wie sinnlos der Ärger ist – ändern kann ich eh nichts. Irgendwann werde ich ruhig und akzeptiere die Antwort der Dame am Infostand auf meine Frage, wann das Flugzeug denn nun startet: „Wenn es angekommen ist und wieder startbereit ist!“
Ich lehne mich zurück und bin ein wenig neidisch auf viele der Menschen, die ich in den letzten Tagen kennenlernen durfte. Viele nehmen stressige oder sogar schlimme Situationen mit einer Gelassenheit hin, die ich nur beneiden kann. Sie bleiben entspannt und können sich am Ende sogar über das Bonbon freuen, das sie beim Einsteigen in das fünf Stunden verspätete Flugzeug bekommen!
Hoher Besuch in Nyangao
Heute morgen fahren wir nach Nyangao ins St.-Walburg-Krankenhaus. Der tansanische Präsident auch, aber dazu später… Es geht vorbei an abgeernteten Cashewnussbäumen, dem Hauptexportprodukt des Südens, und über Umleitungen und Behelfsbrücken. Vor einigen Jahren hat es hier große Überschwemmungen und einen massiven Erdrutsch gegeben, der Brücken, Straßen und Häuser mit sich gerissen hat. Seit mehr als zehn Jahren wird an der Strecke gearbeitet.
Auf dem großen Fußball- und Aufmarschfeld von Nyangao laufen die letzten Vorbereitungen für eine Wahlparty. Die Schwestern im Krankenhaus mussten eigens ihre Haushaltsschule putzen und neu anstreichen, denn ursprünglich sollte heute der Präsident hier zu Mittag essen. Das Essen wurde inzwischen zwar wieder abgesagt, aber alle freuen sich über das gelungene Werk. Schwester Raphaela zeigt uns mit Stolz „ihr“ Krankenhaus. Ihre langjährige Wirkungsstätte macht einen angenehm sauberen und „luftigen“ Eindruck. Oberhalb des Ortes nicht zu eng von Bäumen umgeben sind die Räume hell und die Atmosphäre angenehm.

Der siebenjährige Bakari wird nach dem Sturz von einer Kokospalme im St.-Walburg-Krankenhaus behandelt.
Die Ambulanz und die „Under 5 Clinic“ – die Station für unter Fünfjährige – ist heute relativ leer, denn die meisten wollen den Präsidenten sehen. In der Kinderabteilung liegen überwiegend Kinder mit Malaria oder Knochenbrüchen. So auch der siebenjährige Bakari. Er ist von einer Kokospalme gefallen. Dabei hat er sich nicht nur Arm und Bein gebrochen, sondern auch einen Zahn verloren. Aber er lacht schon wieder und mit ihm das gesamte Krankenzimmer. Auch auf der Neugeborenenstation haben alle gute Laune: junge Mütter – viele von ihnen mit ihrem erstem Baby – werden von Müttern oder Tanten betreut. Auch aus dem nahen Mozambique kommen viele Menschen hierher, um eine gute medizinische Behandlung zu bekommen.
Abschließend machen wir einen Besuch bei Bruder Hugo, einem Benediktinerpater und gleichzeitig Gemeindepriester. Er muss heute sein Klo für den Präsidenten bereithalten, sieht das aber zum Glück so gelassen, dass er uns den nächstgelegenen Kindergarten zeigt, der durch Sternsingergelder unterstützt wird. Inzwischen können wir den Präsidentenhubschrauber hören, aber da sich keine Menschenmenge bergauf bewegt, sieht sich Bruder Hugo auch nicht genötigt, den Empfang im Kindergarten abzubrechen. Es wird gesungen, getanzt und Wissen abgefragt.
In den meisten Kindergärten in Tansania gibt es vormittags eine Breimahlzeit, „Uji“ genannt. Der Unterricht findet von 8-12 Uhr statt. Die Gebühren belaufen sich auf umgerechnet 15 Euro jährlich und jedes Kind sollte eine Uniform haben, häufig die einzigen ordentlichen Anziehsachen des Kindes. Eine gut bezahlte Kindergärtnerin verdient ca. 120.000 tansanische Shilling, das sind derzeit rund 60 Euro.
Zurück im Pfarrhaus dürfen wir noch einmal die Toilette benutzen, der Präsident muss zuerst noch seine Ansprache beenden und Grapefruits aus Bruder Hugos Garten essen. Wir umfahren das Präsidentenereignis weiträumig, um möglichst schnell wieder nach Ndanda zu kommen.
Eine Million Schulhefte
Was wir gestern nur im Dunkeln erahnen konnten, stellt sich heute morgen sehr beeindruckend dar. Die 100 Jahre alte Abtei führt ein beinah autarkes Leben. Das Quellwasser vom Makonde-Plateau wird so kanalisiert, dass es mittels einer Turbine Trinkwasser für die gesamte Abtei und alle umliegenden Dörfer gibt. Neben Land- und Viehwirtschaft gibt es hier auch ausbildende Betriebe: eine Metallverarbeitungswerkstatt, eine Schreinerei und eine Druckerei, die vom Kindermissionswerk unterstützt werden. Hier werden jedes Jahr rund eine Million Schulhefte hergestellt. Durch Großaufträge der Regierung und verschiedener Institutionen kann unser Projektpartner, Bruder Markus, die Kosten für Bücher und Schulhefte gering halten. Unter Beamtenaufsicht sind gerade die Unterlagen für die zentralen Schulprüfungen für halb Tansania gedruckt und verpackt worden und warten jetzt auf den durch Polizei geschützten Abtransport. Neben einer sehr hochwertigen Ausbildung an Heidelberger Maschinen trägt auch das gewachsene soziale Sicherungssystem dazu bei, dass sich die Angestellten ihrem Arbeitgeber verbunden fühlen.
Wir fahren weiter ins St.-Benedikt-Krankenhaus. Hier ist besonders vormittags viel los. Mütter kommen mit ihren Kindern zu den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. In der Ambulanz werden leichte Formen von Malaria, Infektionskrankheiten und Unfallfolgen behandelt. Für Kinder unter fünf Jahren und Schwangere ist die Behandlung kostenlos. Auf der Kinderstation liegen überwiegend Kinder mit Malaria und Durchfallerkrankungen. Immer wieder werden aber auch Kinder mit Knochenbrüchen und Schlangenbissen eingeliefert. Werden diese nicht sofort behandelt, enden sie meist tödlich. Immer wieder müssen gebissene Gliedmaße auch amputiert werden. Seltener kommt es zu Übergriffen von Krokodilen, die während der Regenzeit an den anschwellenden Flüsse lagern oder über die Reisfelder ziehen.
Nach dem Krankenhausbesuch geht Sebastian gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin und einer Volontärin aus dem Dorf auf Hausbesuch zu den Familien und kommt beeindruckt zurück. UZIMA ist ein Programm für häusliche Pflege. 90 Freiwillige sind für 650 Patienten für die Prävention von HIV/Aids in Grund- und Sekundarschulen und den umliegenden Dörfern verantwortlich. 18 Freiwillige betreuen 400 Kinder. Diesen Teil des Programms unterstützt das Kindermissionswerk. Die Kinder werden sozial und psychologisch betreut, sie erhalten Bildung und medizinische Versorgung. Außerdem setzt sich UZIMA dafür ein, dass alle Kinder eine Geburtsurkunde und eine Sterbeurkunde für die Eltern erhalten, damit sie sich als Waisen registrieren lassen können. Mit diesem Status erhalten sie später vom Staat ein Darlehen für ihr Universitätsstudium.
Krachendes Getriebe statt Sternsingerlieder
Hinter uns liegen gut gefüllte und spannende Tage. Nach dem Besuch des Projektes für Kinder mit Albinismus ging unsere Reise entlang der Grenze weiter Richtung Nord-Ost: vorbei an Burundi und Ruanda zum Viktoriasee. Da auf dieser Strecke keine Flugzeuge fliegen und die Erfahrungen mit unserer Sternsingerbustour in Deutschland sehr positiv waren, fassten wir den schnellen Entschluss, dass wir mit dem Bus nach Mwanza fahren.
Vor uns lagen nun rund 600 Kilometer Weg und ein Tag Fahrzeit. Ich hatte meinen iPod extra geladen, um während der langen Fahrt Sternsingerlieder zu üben. Aber nach einer Minute im Bus wurde mir klar, dass dies wohl nicht klappen würde: Der Motor und das Getriebe des Busses sorgten für die einzige Geräuschkulisse, die uns die nächsten elf Stunden begleiten sollte.
Trotz der Anstrengung und vielen Dingen, die wir mit Humor genommen haben, war es ein Abenteuer und ein wunderbarer Einblick in das Zusammenleben in Afrika. Rückblickend ist mir vor allem eines klar geworden: Stefanie und ich waren beide gesund und wollten Bus fahren. Wie muss es sich aber anfühlen, wenn ich krank bin, Schmerzen habe und zum Arzt möchte, dieser aber weit entfernt ist? Der Lärm, die Unruhe, Tiere, viele Menschen auf engstem Raum, alles schaukelt und ab und zu springt der Bus, weil der Fahrer wegen zu hoher Geschwindigkeit eine Unebenheit übersehen hat… Das wünsche ich niemandem, ist aber hier vor Ort die Realität.
Beifuß gegen Malaria
Seit zwei Tagen sind wir nun im in Norden Tansanias. Hier erfahren wir sehr intensiv, wie es um das Gesundheitssystem des Landes bestellt ist.
Das Bugando Hospital in Mwanza ist das zweitgrößte Krankenhaus in Tansania. Die Sternsinger unterstützen hier die Kinderstation. Die häufigste Erkrankung ist die Malaria. Wir treffen viele Kinder, die an der tückischen Krankheit leiden. Wird Malaria nicht behandelt, kann sie tödlich sein. Wichtiger als die Behandlung ist aber die richtige Diagnose, denn eine falsche Medikation kann zu schweren Schäden bei den Kindern führen. Für den Malariatest sind ein gutes Mikroskop und gut ausgebildete Fachkräfte nötig. Auch hier helfen die Sternsinger. Leider sind längst nicht alle Krankenstationen in Tansania so gut ausgestattet.
Ein großer Unterschied zu den Krankenhäusern in Deutschland fällt besonders auf: Die Patienten werden hier nur behandelt. Alles andere – Körperpflege, Essenversorgung oder Wäsche waschen – muss die Familie übernehmen. So hat das Krankenhaus immer mindestens doppelt so viele “Gäste” wie in Deutschland. Überall sieht man Frauen, die Wäsche waschen, ihre Kinder waschen, sich um die Sauberkeit im Krankenhaus kümmern oder einfach nur bei ihren Kindern sitzen und beten, dass sie ihr Kinder wieder gesund mit nachhause nehmen dürfen. Kinder unter fünf Jahren und schwangere Frauen werden in den Krankenhäusern zwar umsonst behandelt, wer älter ist ,muss jedoch erst einmal 20.000 tansanische Schilling (rund zehn Euro) bezahlen. Weitere Kosten für aufwändigere Behandlungen kommen dazu – und das bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 85 Euro.
Wir fahren weiter, um das Projekt von Schwester Mechthild Keller zu besuchen. Am Ufer des Viktoriasees werden auf einem großen Stück Land Pflanzen kultiviert, die zur Herstellung verschiedener Medikamente dienen. Schwester Mechthild setzt auf alternative Medizin. Das Wissen um einheimische Kräuter geht wegen der zunehmenden Landflucht leider immer mehr verloren. Leider gibt es jetzt, am Ende der Trockenzeit, nur wenig zu sehen, aber der kleine Laden, in dem die Produkte verkauft werden, lässt ahnen, wie vielfältig sich die Pflanzen einsetzen lassen.
So wird zum Beispiel Beifuß (Artemisia) zur Behandlung von Malaria eingesetzt. In den Ferien, an Wochenenden und Feiertagen kommen Jugendliche, die sich hier ihr Schulgeld verdienen. Die einen helfen im Garten, andere beim Bauen. So haben die jungen Leute die Möglichkeit, neben ihrem Verdienst auch etwas Praktisches zu lernen.
100 Kinderärzte im ganzen Land
Heute ist Nyrere Day, ein großer staatlicher Feiertag. Im Krankenhaus arbeitet nur eine kleine Feiertagsbesetzung. Wir beginnen den Rundgang in der Neu- und Frühgeborenen-Intensivstation. Aufgrund der schlechten Versorgung mit Sauerstoffflaschen kommt es hier immer wieder zu Engpässen und Todesfällen. Außerdem gibt es keine Wärmebettchen, was durch eine extrem hohe Raumtemperatur ausgeglichen werden soll. Es fehlt jedoch noch an vielem mehr.
Das Krankenhaus ist deutlich in die Jahre gekommen und müsste dringend renoviert werden. Durch häufige Rohrbrüche blüht besonders in den unteren Etagen – hier auch die Neu- und Frühgeborenen-Intensivstation und die Entbindungsstation – der Schimmel an den Wänden. Bisher wird notdürftig überstrichen, für eine Komplettsanierung fehlt das Geld. Die Kinderstation weiter oben sieht deutlich besser aus, Licht und Luft machen die Räume gleich viel ansprechender. Wie überall in Tansania sind vor allem die Angehörigen mit der Pflege der Kinder betraut. Die meisten Mütter schlafen bei ihren Kindern im Bett. Wäsche wird gewaschen und über dem Balkongeländer getrocknet und auch die Toiletten müssen die Eltern selber reinigen.
Das Bugando-Krankenhaus hat eine große Ausbildungsabteilung, in der u.a. dringend benötigte Kinderärzte ausgebildet werden. So gab es vor zwei Jahren nur 100 registrierte Kinderärzte im ganzen Land. Die Mehrheit erreicht entweder den Qualifizierungsstand nicht, oder verlässt nach der Ausbildung das Land, um in Europa und den USA mehr Geld zu verdienen oder kommt von einem Überseestudium erst gar nicht zurück.
Ein besonders großes Problem im Bereich der Kindermedizin stellt die Kardiologie dar. Bisher müssen Kinder für die kleinsten Herzoperationen ausgeflogen werden. Das geht nur mit ausländischer Unterstützung und ist langfristig nicht haltbar, zumal eine Operation in Übersee bereits im Vorfeld mit viel Aufwand verbunden ist: Mutter und Kind benötigen einen Reisepass, der nur mit Geburtsurkunde erhältlich ist, beide benötigen ein Visum, die Restfamilie muss entsprechend versorgt sein und der zum Teil lange Aufenthalt im Ausland muss finanziell abgesichert werden.
Das Ziel Mwanza fest im Blick…
Wir stehen weit vor Sonnenaufgang auf, um den Bus im nahegelegenen Kasulu zu erreichen. Bei der Fahrt durch das nebelverhangene Kabanga wird einem mehr klar, wie diese Gegend vor 80 Jahren auf die ersten Missionare gewirkt haben muss. Einsam und weit weg vom Rest der Welt.
In Kasulu ist vom Bus noch keine Spur, dafür werden über drei Megaphone wahlweise Tagelöhner für die Baumaßnahmen am Busterminal gesucht oder ankommende Busse angekündigt. Der erste Bus nach Mwanza glitzert vielversprechend silbern in der Sonne, leider ist er schon ausgebucht. Als unser Bus endlich schwungvoll um die Kurve, kommt, erahnen wir bereits den Fahrstil der kommenden Stunden. Es dauert nicht lange bis die Teerstraße endet und die zunächst nasse Piste beginnt. Das Ziel Mwanza fest im Blick, setzt der Fahrer alles daran, möglichst viele Passagiere in möglichst kurzer Zeit zu transportieren.
Nicht alle vertragen die Busfahrt gleich gut und manche haben schon extra eine Tüte mitgebracht. Irgendwo unterwegs steigt ein Straßenjunge ein, der seine Schnüffelflasche fest an sich drückt. Zunächst noch sehr besorgt darum, sie unter der Jacke zu verstecken, wird es ihm irgendwann doch so heiß, dass er die Jacke auszieht. Die missbilligenden Blicke der anderen muss er spätestens von da an ertragen. Andererseits wird ihm jetzt immer wieder etwas zu essen gereicht. Der Fahrer jagt den Bus immer wieder so tief in Schlaglöcher, dass sich manche Mitreisende den Kopf an der Busdecke stoßen – ein Kind fällt runter, ein Mann blutet. Erst ein Hagelsturm zwingt ihn zum Anhalten. Alle atmen auf. Dafür stürmt und tropft es jetzt durch die undichten Stellen des Busses.
Völlig durchgeschüttelt erreichen wir die Fähre in Sengerema. Wir genießen die kurze Überfahrt in frischer Luft mit dem beeindruckenden Ausblick auf den Viktoriasee. Nach einer weiteren Stunde Busfahrt erreichen wir endlich das langersehnte Ziel: Mwanza. Von Weitem kann man auf einem der Hügel bereits das Bugando-Krankenhaus sehen. Eines der wenigen großen Krankenhäuser in Tansania, bei dessen Nennung alle Betreiber der kleineren Kliniken in Ehrfurcht erstarren. Doktor Antke Züchner arbeitet hier in der Kinderklinik vor allem im Bereich der Ausbildung. Wir dürfen bei ihr wohnen und lernen viel über das tansanische Gesundheitssystem und die Schwierigkeiten dieses großen Krankenhauses.
Ein Schutzzentrum für Kinder mit Albinismus
Kabamga: Die Messe um 6.45 Uhr ist für einen Wochentag gut besucht und die Ankündigung, dass Mitarbeiter des Kindermissionswerks angekommen sind, versetzt alle in helles Entzücken. Nach dem Frühstück beginnt unser Rundgang durch Ausbildungswerkstätten für Jugendliche, die vom Kindermissionswerk unterstützt werden. Hier werden Kurse für überwiegend kongolesische Jugendliche gegeben. Sie leben mit ihren Eltern im nahegelegenen Flüchtlingslager und sind zum Teil schon hier geboren.

72 Kinder mit Albinismus finden bei Bruder Theo Call Schutz. Foto: Jens Grossmann/Kindermissionswerk
Unsere nächste Station ist eine Blinden- und Taubstummenschule mit angeschlossenem Internat. Im Zuge der verstärkten Verfolgung von Menschen mit Albinismus in Tansania hat die Regierung das Internat zum Schutzzentrum erklärt. Neben 200 Schülerinnen und Schülern wohnen nun auch noch 72 Kinder mit Albinismus hier. Die Regierung stellt Wachleute und Nahrungsmittel, um den Rest muss sich die Gemeinde kümmern. So leben die Menschen hier auf engstem Raum zusammengepfercht bzw. müssen auf dem Hof in der Sonne sitzen. Mithilfe des Kindermissionswerks wurde inzwischen eine neue Küche für alle gebaut, damit die Mütter selber kochen können und dabei nicht mehr der Sonne ausgesetzt sind. Die alten kleinen, völlig überfüllten Schlafsäle werden jetzt durch neue ergänzt, sodass sich die Situation für die Kinder entspannt. Mithilfe der Sternsinger soll nun auch ein Mutter-Kind-Haus gebaut werden.
Am Nachmittag haben wir Zeit, noch einmal in das Schutzzentrum zu gehen. Zeit und Ruhe für Kinder und Mütter, um sich an uns zu gewöhnen. Die einzigen Spielzeuge sind ein Kartenspiel und ein Fußball. Die Anwesenheit der Kinder mit Albinismus wurde zunächst als kurzfristige Lösung angesehen. Da sich die Verfolgung aber immer mehr ausweitet, ist nicht absehbar, wann Frauen und Kinder das Zentrum wieder verlassen können. Es ist daher sehr wichtig, dass sowohl Frauen als auch Kinder eine sinnvolle Beschäftigung haben. Bruder Theo Call hat bereits einen Teil des Geländes zum Garten bestimmt. Zu Beginn der Regenzeit bepflanzen die Frauen ihn. Außerdem gibt es einen Raum, in dem Nähunterricht erteilt werden soll.
weiterführende Links
Sternsingergrüße in der Kindermesse
Entlang der alten deutschen Hafenflaniermeile gehen wir zum großen Fischmarkt in Dar es Salaam. Der Fischmarkt kennt keinen Sonntag. Es geht laut und für hiesige Verhältnisse recht schnell zu. Je frischer der Fisch auf die Tische kommt, desto besser lässt er sich verkaufen. Für 20 Cent wechselt ein Kilo Fisch den Besitzer. Die Auktionen werden von den Fischfrauen beherrscht: Sie kaufen hier, räuchern und trocknen den Fisch, um ihn anschließend weiterzuverkaufen. Wir waten durch Fischgedärme und Mengen von Menschen mit tropfenden Fischeimern und Eissäcken und bewundern Fische in allen Größen und Farben. Weiter entlang der Hafenmeile wird es ruhig und es wäre auch fast idyllisch, würden hier nicht mittels einer großen Pipeline das Abwasser von Dar es Salaam ins Wasser geleitet. Trotzdem suchen hier Menschen am Strand nach Krebsen und sammeln Seegras.
Zum Projektbesuch fahren wir nach Mabibo, einem der ärmeren Stadtteile Dar es Salaams. Die von Jesuiten geleitete Gemeinde unterhält eine große Sekundarschule mit 1.300 Schülern, ein kleines Wohnheim für 80 Schülerinnen, einen Kindergarten und eine Schule mit Grund- und Sekundarschulbereich, sowie ein HIV/Aids-Beratungs- und Behandlungsprogramm.
Bei Rundgang durch die Gemeinde überqueren wir mehrmals eine stinkende Kloake, die den Namen Bach nicht ansatzweise verdient. Der einzige, der hier überlebt, ist ein riesiger Leguan, der schnell das Weite sucht, als wir über die Brücke kommen. Die Jesuiten wollen sich an Umweltschutzorganisationen wenden, die mithilfe eines Modellprojekts hoffentlich bald für Abhilfe sorgen werden.
Unser Projektpartner Pater Vitus hat Bücher und Spiele für den örtlichen Kindergarten, Bücher für die Kinderkatechese, sowie Schulbücher angeschafft. Um 16 Uhr ist Kindermesse: 500 Kinder sind dort mit den vom Kindermissionswerk finanzierten Kinderbibeln. Drei Katecheten betreuen die verschiedenen Kindergruppen, die sehr eigenständig die Messe gestalten. Die ersten Reihen verfolgen das Geschehen – vor allem das Bibelquiz – sehr angeregt. Die letzten Reihen müssen von den Ordnern – auch Kinder – immer wieder vom Kartenspielen abgehalten werden. Auf jeden Fall ist die Messe ein soziales Ereignis, das zunehmend Zuspruch erfährt. Gekrönt wird sie heute durch die Grüße, die Sebastian von den Sternsingern aus Deutschland überbringt.
Was sind meine Rechte? Was sind meine Pflichten?
Gemeinsam mit den Schwestern der Gemeinschaft der „Töchter Mariens“ quälen wir uns bis nach Kimara durch den Stau. Besonders bedenklich erscheint uns die Kreuzung am Busbahnhof in Obungu. Da in Tansania ein Nachtfahrverbot für Busse besteht, müssen hier alle rechtzeitig einkehren, bzw. viele Taxen und Privatautos holen Passagiere ab.
Nicht weit entfernt von der Hauptstraße liegt das Zentrum für Straßenkinder und Opfer von Kinderhandel. Die Einrichtung wurde mithilfe der Sternsinger gebaut. In der Regel bringen Sozialarbeiter oder aufmerksame Nachbarn Kinder in die Einrichtung, oder die Schwestern werden informiert und holen die Kinder gemeinsam mit der Polizei ab. Die Mitarbeiter im Kinderheim sind sehr gut ausgebildet. Sie decken die soziale, psychologische und rechtliche Betreuung der Kinder ab. Bei Vormundschaftsfragen und der Bemühung um staatliche Dokumente werden die Mitarbeiter von einem Rechtsanwalt unterstützt.
Außerdem gibt es im Projekt ein eigenes Kinderparlament. Hier lernen die Jungen und Mädchen sich auszudrücken, für sich selbst zu sprechen, ihre Rechte wahrzunehmen und diese auch anderen Kindern deutlich zu machen. Darüber hinaus gestalten sie in den umliegenden Stadtteilen Aufklärungsveranstaltungen, in denen folgende Fragen angesprochen werden: „Was sind meine Rechte, was die Rechte aller?“ „Was sind meine Pflichten, was die Pflichten aller?“ Im Kinderzentrum erleben wir ein eindrucksvolles Theaterstück, das sich uns trotz mangelhafter Sprachkenntnisse gut erschließt.



