Dankbar und Glücklich

14. Aug 2017 | von | Kategorie: Barbara Menke in Uganda, Freiwillige 2016/2017

Liebe Freunde, Verwandte und Begleiter,

Bei dem Rwenzori Gebirge, Kasese

Nun bin ich schon seit fast drei Wochen wieder zurück in Deutschland. Und was soll ich sagen – die Rückkehr, das Wiedereinfinden vor dem ich so eine Angst hatte, wurde mir von meinen Lieben sehr schön und einfach gestaltet.

Aber das nur vorneweg, ich würde gerne noch ein Wenig von den letzten Wochen und dem Abschied aus Uganda erzählen, eine für mich sehr emotionale Zeit. Am vierten Juli ist meine gute Freundin Jessica von Freiburg nach Entebbe gereist, wo ich sie dann abholen und direkt in die Hauptstadt Kampala bringen konnte.

Sipi Falls, Mbale (um das Klischee der Wüste Afrikas aufzuheben)

Da ich noch Arbeit zu leisten hatte war unser Zeitplan sehr eng getaktet, und Jessy lernte im Schnelldurchlauf Mbale, Jinja, Kampala, Kasese und Fort Portal kennen. Sie sah die Sipi Falls und die Quelle des Nils, kletterte auf dem Rwenzori Gebirge, badete bei Regen in heißen Quellen und besuchte die Kraterseen erloschener Vulkane. Die Krönung war eine Safari, bei welcher wir mit dem Boot und einem Tracker einen Vormittag lang über den Kanal zwischen Lake Edward und Lake George fuhren und unter anderem ganzen Elefantenherden beim Tränken am Ufer zusehen konnten.

Und dann konnte Jessy meine Stadt, mein Projekt, meine Freunde in Uganda kennen lernen. Es war großartig, mein dortiges Leben mit einer mir so wichtigen Person zu teilen, mich vor Ort darüber auszutauschen und dort gemeinsam zu Leben und zu Arbeiten.

Die Schüler der St. Augustine School

Sie war so begeistert, dass sie schon am zweiten Tag auch selbst unterrichtete, Englisch in der Klasse P4. Nach der Schule besuchten wir immer wieder meine ugandische Familie, die bald schon auch Jessica als ihre „Tochter“ aufnahmen. Gemeinsam kochten und aßen wir, besuchten die Gärten mit Matooke, Kaffee und Passionsfrüchten und sahen unserem ältesten „Bruder“ dabei zu, wie er zwei wunderschöne Statuen aus Holz für uns schnitze. Die Wochenenden und freien Nachmittage verbrachten wir wieder in dem Kinderheim, von welchem ich in meinem letzten Blogeintrag erzählte, spielten Fußball mit den Jungen und besuchten vier der Kinder in der Schule. Hier hatten wir die Möglichkeit, Einblicke in die Klausuren zu bekommen und uns außerdem mit den Lehrern zu unterhalten, wobei wir ausschließlich positivste Rückmeldungen mitbekamen. Alle Jungen sind Erst- oder zweitbester ihrer Stufe, sie erreichen volle Punktzahl in den Klausuren und legen ein gutes Benehmen an den Tag. Ein Kritikpunkt an Timothy war, dass er „zu viel selbst denkt“ und dadurch manchmal „ungehorsam“ wirke.

Ist das nicht großartig? Alle dieser Schüler waren vor wenigen Jahren noch Straßenkinder, verlassen, ungebildet, alleine. Und seht sie euch jetzt an, in ihrem neuen Zuhause erfahren sie so viel Zuneigung und Unterstützung, dass sie in meinen Augen Unglaubliches vollbringen können. Ich war und bin so stolz auf diese Kinder, nicht, weil sie gute Noten erbringen, sondern weil sie wieder aufrecht laufen, so viel Freude empfinden, solch aufgeschlossenen, zuvorkommenden, freundlichen jungen Menschen sind und erst mich, und später auch Jessy, dazu gebracht haben sie vom ersten Tag an mit ganzem Herzen zu lieben und wertzuschätzen!

„Chris Brown from Uganda“ (rechts) und „Stubborn“ (Links)

Am letzten Donnerstag begleiteten Jessy und ich die Brüder Julius und Barnabas bei ihrem „Nightwalk“ in der Innenstadt Masakas. Wir liefen zu den Plätzen, an welchen sich die Straßenkinder für gewöhnlich aufhalten, trommelten alle zusammen und suchten uns eine Stelle, an welcher wir auch mit fast vierzig Kindern ungestört sitzen konnten. Wir erzählten, lachten, spielten Karten und aßen am Ende der Nacht noch einmal gemeinsam. Diese Zeit mit den Straßenkindern war unfassbar witzig und wertvoll.

Die Klasse P4 wollte ein Abschiedsfoto machen, das uns immer zum Lachen bringt 🙂

Dass dieser letzte Monat so schön und bereichernd war, hat die Gedanken an den baldigen Abschied nicht wirklich einfacher gemacht. An dem Tag vor meinem Rückflug musste ich mich in der St. Augustine Schule in Bulando von meinen Schülerinnen und Schülern und dem Kollegium verabschieden. Jede Klasse hatte ein Lied oder einen Tanz vorbereitet (selbstverständlich wurde ich auch wieder gezwungen mitzutanzen), einige Lehrer und der Schulleiter hielten sehr bewegende Reden, am Ende sang der Science-Lehrer John Denvers „Leaving on a Jetplane“ und die ganze Schulgemeinde betete für mich, uns und euch!
Immer wieder flossen Tränen, was auch wirklich nicht besser wurde, als ich mich am Nachmittag auch noch von meiner ugandischen Familie und am Abend von all meinen Freunden, den Einheimischen wie Deutschen, verabschieden musste. Ich hatte ein sehr schönes Abendessen mit den Priestern und Mädchen der Kurie und danach trafen wir uns mit den wichtigsten Menschen in unserer Lieblingsbar dem „Vspots“, tanzten zu Reggea Musik (manch einer wird uns für Klischees halten) und knuddelten uns noch einmal so lange, dass es bis zum nächsten Wiedersehen reichen sollte. Ich kann meine Liebe für Uganda, für diese Menschen, für diese Einstellung zum Leben nicht in Worte fassen.

Ein letztes Highlight war der Rückflug. Mal abgesehen davon, dass Thomas und ich als Vegetarier nicht nur stets als Erstes unser Essen bekamen, sondern auch das viel besser aussehende, und daher von allen Seiten neidisch beäugt wurden, hatten wir in dieser Nacht einen unfassbar klaren Sternenhimmel. Ich durfte am Fenster sitzen und so hatte ich, ganz besonders über der kilometerlangen Sahara, von welcher aus keine Lichter blendeten und über welcher keine Wolken zogen, einen Ausblick, den ich niemals vergessen werde. Wir flogen über der Wüste, durch einen schwarzen Himmel mit tausenden von leuchtenden Sternen und es war, als würde ich schweben. Als würde die Zeit kurz stehen bleiben, als würde sich die Welt für einen Augenblick nicht drehen und mir ein paar Sekunden mehr Zeit geben, mich von diesem Kontinent zu verabschieden.

Ich habe mein Schwesterlein wieder!

Und dann sah ich die Lichter Tel Avivs, die Lichter der Küste und die Lichter der Städte, die uns zum Mittelmeer und bald zu den Städten Europas führten. Man sagt, dass beim Fliegen der Körper vor dem Geist am Ziel ankommt, da alles so schnell geht und man sich erst neu einstellen muss, aber ich habe das Gefühl, dass mein Geist bei meiner Ankunft in Deutschland schon sehr präsent war. Als ich meinem Vater am Frankfurter Flughafen das erste Mal wieder in die Arme fallen konnte, als ich meinen ersten Soja Latte bei Starbucks bestellte und im Zug, als der Schaffner eine Durchsage machte, weil wir acht Minuten Verspätung hatten und ich mich vor Lachen darüber kaum mehr halten konnte, belustigt daran erinnernd, dass ich in Uganda auch schon fünf einhalb Stunden in einem Bus gesessen habe, ehe er losfuhr. Zu Hause, als ich nach zwölf Monaten wieder meine Schwester und Mutter drücken konnte und im Supermarkt, als Papa mich ausgelacht hat, weil das Erste, das ich kaufte, Bananen waren. Am Abend, als all unsere lieben Nachbarn und guten Freunde der Familie vorbei kamen und neben so viel Freude über die Rückkehr, auch noch das beste selbstgemachte vegane Essen mitbrachten. Und auch wenn ich nach zwei Nächten ohne Schlaf nicht viel erzählen konnte, war es doch einfach schön beieinander zu sitzen und den anderen zuzuhören.

Die Freiburger Mannschaft hatte wohl erwartet, dass ich in Uganda erwachsen geworden sei, jedoch mussten alle mit einem Schmunzeln feststellen, dass dies doch noch nicht eingetreten ist. Ich hörte Frederik zu seinem Vater rennen und sagen: „Gell, du hattest gesagt Barbara kommt als erwachsene junge Frau zurück und ich hab gesagt sie bleibt die Alte. Und ich hatte Recht!“

Ich würde auch sagen, dass mich die Zeit in Uganda nicht grundlegend verändert hat, sie hat nur meinen Blick, meine Sicht auf die Dinge geprägt und mich in mancher Hinsicht vielleicht weiser gemacht, nicht älter. Ich weiß nun um manche Wahrheiten, die ich nicht so leicht werde vergessen können und wollen und ich kenne die Relationen von arm und reich, gut und schlecht, richtig und falsch von den Menschen auf der anderen Seite der Weltkugel. Ich habe Dinge gesehen und erlebt, die mich in jedem Gedanken beeinflussen, die ich immer im Hinterkopf haben werde, bei jeder Entscheidung die ich treffe und in Zukunft treffen werde. Auch ich laufe nun aufrechter, rede weniger (aber immer noch genug, keine Sorge) und höre mehr zu. Ein westafrikanisches Sprichwort lautet: „Wenn du das erste Mal hierherkommst, dann mach die Augen und Ohren auf, nicht den Mund. Du kannst so viel lernen.“

Wanderung auf dem Mount Egon, Mbale

Ich wurde häufig nach meinen Highlights aus diesem Jahr gefragt und ich konnte und kann immer nur die gesamte Zeit dort nennen. Ich war selten so glücklich, so nah bei mir selbst, durfte solch besondere Menschen kennen lernen. War noch nie so dankbar! Ich habe so viele Dinge wertgeschätzt. Habe selten in so kurzer Zeit so viel gelernt. Es gibt keinen Tag, an welchem ich nicht glücklich war. Ich weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist und mir ist auch bewusst, dass ihr, liebe Freunde,Verwandte und Begleiter, einen sehr großen Teil dazu beigetragen habt. Ich möchte euch für jede unfassbar nette, aufbauende und unterstützende Nachricht danken, für all eure warmen Worte, Gedanken und Gebete und all die Liebe, die ich in diesem Jahr von zu Hause erfahren durfte, wozu ihr alle gehört.

Und nun werde ich mir etwas zu Essen machen. Ich weiß noch nicht, was genau, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es kein Posho and Beans sein wird!

Mit ganz vielen lieben Grüßen und, trotz Regen, Sonne im Herzen,
eure Barbara 

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Ein Kommentar
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  1. Hallo liebe Barbara,

    vielen Dank, dass wir so an deinem Leben Teil haben durften.
    Du schreibst so berührend. Schön dass du so viele wertvolle Tage genießen durftest.
    Hole bitte diese Lebenshaltung in dein Leben hier herein und steck uns alle damit an.
    Du bist ein wunderbarer Mensch ich wünsche Dir weiterhin viele glückliche Tage auch hier zu Hause.
    Jetzt erst mal schönen Urlaub noch!

    Liebe Grüße
    Alexander

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