Alltag – oder zumindest ein Tag aus meinem Leben

24. Mai 2017 | von | Kategorie: Aktuell, Julia Wolf in Peru

 

06.30 Uhr: Ich werde wach, mein Gastbruder muss in die Uni.. wie hab ich es jemals geschafft so früh auszustehen? Ich dreh mich nochmal um.

07.30 Uhr: Der Wecker klingelt… Ich liebe die Schlummertaste.

07.55 Uhr: Die Nachrichten aus Deutschland sind beantwortet. Aber aus dem warmen Bett raus?

08.15 Uhr: Zeit aufzustehen. Sachen zusammenpacken, umziehen.

08.25 Uhr: Jetzt frühstücken, heute wieder Quinoa mit manjar blanco und Brot. Kurz mit meiner Gastmami sprechen.. unglaublich diese Frau, ist schon seit 5 Uhr wach. Zeug abspülen.

08.45 Uhr: Ich muss los. MICANTO ist zwar im wahrsten Sinne des Wortes nur um die Ecke, aber ich muss noch Brot für den Nachmittag kaufen. Und duschen.

08.55 Uhr: Warmes Wasser ist eine Wohltat! Und heute kommt es sogar heiß.. das Leben kann so schön sein.

09.10 Uhr: Fast pünktlich! Chana wartet schon auf mich. Fange an, ein neues Projekt MICANTOs auf deutsch zu übersetzen. Heißt es durch oder mit? Ich muss mal wieder nach einem Synonym für Möglichkeit suchen. Danke Internet!

10.00 Uhr: Ich brauche eine Pause! Mache die Büros sauber… Wer hätte das gedacht, ich vermisse einen Staubsauger, das von mir am meisten verhasste Haushaltsgerät.

10.20 Uhr: Bin am Buchstaben ausschneiden. Motivationssätze für die Kinder, die nachmittags kommen, um ihre Hausaufgaben zu machen. Hab das R schon wieder falschrum geschnitten… also nochmal.

11.15 Uhr: Wir gehen nach Shudal, dem ländlichen Teil Cajamarcas. Suchen ein Jungen, der uns ein Interview zum Thema Kinderarbeit geben soll. Chana fängt an seinen Namen zu rufen, wir können nicht zu seinem Haus, sonst fressen uns die Hunde.

12.30 Uhr: Er hat alle Fragen beantwortet, ein fleißiger Junge! Unvorstellbar für mich, als Kind arbeiten zu müssen. Für ihn die einzige Möglichkeit.

13.10 Uhr: Zeit nach Hause zu gehen… Ich habe Hunger!

13.40 Uhr: Nach der Suppe gibts natürlich Reis mit Pommes und Hühnchen. Meine Schwester beschwert sich über zu viel Reis… mir schmeckts.

13.50 Uhr: Das aktuelle Weltgeschehen wird diskutiert. Sie sind besorgt, bieten mir Schutz an, wenn die USA Russland angreifen soll. Da ist die Lage Deutschlands ja eher als schlecht einzuschätzen. Da haben sie wohl Recht.

14.10 Uhr: Mal wieder sehr unterhaltsam, das Mittagessen. Und jetzt noch Pause, ich muss dringend mein Zimmer kehren. Aber ich bevorzuge dann doch mich ne halbe Stunde hinzulegen… mach ich heut abend.

14.58 Uhr: Ich muss los.. sag meiner Schwester Bescheid, die arbeitet auch in MICANTO mit. Aber ist eher als unpünktlich zu beschreiben, ich warte also noch auf sie.

15.10 Uhr: Bin heute erstmal bei den Kleinsten, den Kindern aus der ersten und zweiten Stufe. Wie bringt man dem einem Kind lesen bei?

15.35 Uhr: Suche inzwischen die wichtigsten Schrifsteller Perus raus… interessant. Aber hauptsache kurz, diese Anweisung hab ich von einem Kind aus der sechsten Klasse bekommen. Ich drucke es ihm aus, ist so mittellang geworden, weiß jetzt schon, dass er sich das nicht durchlesen wird.

16.02 Uhr: Ohje, direkte Proportionalität. Und was ist der Unterschied zwischen pflanzlicher und menschlicher Zelle? Ich wusste das doch alles mal!

16.30 Uhr: Die Glocke klingelt. Zeit für den Zwischensnack und eine halbe Stunde spielen. Nach dem Hände waschen wird gebetet und dann gegessen. In einem Rekordtempo versteht sich, geht ja alles von der Zeit zum Spielen weg.

16.59 Uhr: Das Fußballspiel ist im vollem Gange.  Oho, gleich ist fünf, dann müssen die Hausaufgaben weiter gemacht werden.

17.02 Uhr: Und es wird gemeckert, wie immer. Das letzte Tor entscheidet.

17.05 Uhr: Der menschliche Atmungapperat muss noch gebastelt werden. Wissen die Lehrer eigentlich, was das für ´ne Arbeit ist? Und, dass die Materialien Geld kosten, das nicht jedes Kind hier hat?

17.35 Uhr: Leichte Panik: es fehlt noch über die Hälfte. Die anderen gehen zum Lesen in die Bibliothek.

17.55 Uhr: Der Raum muss gekehrt werden, der Atmungsapperat ist noch nicht fertig, die Matheaufgabe muss noch schnell verbessert werden.

18.00 Uhr: Und wieder die Glocke, die Mamas warten schon. Hasta mañana! Bis morgen!

18.05 Uhr: Es ist wieder Ruhe eingekehrt. Nur der Atmunsapperat ist noch nicht fertig…

18.25 Uhr: Endlich! Kein Meisterwerk, aber immerhin fehlt nichts. Auch das letzte Kind geht nach Hause.

18.30 Uhr: Die Bastelarbeiten für den Muttertag werden noch bisschen verschönert. Zusammengekehrt wird auch nochmal.

18.55 Uhr: Zeit zu gehen. Sind alle Fenster zu? Die Lichter aus? Die Türen zu?

19.05 Uhr: Komme nach hause. Habe Hunger und bin müde. Unterhalte mich mit meiner Gastmama, ihre Mutter ist krank.

19.30 Uhr: Wir essen zu Abend. Heute kam auch mein Gastvater wieder, er arbeitet immer 4 Tagesschichten in der Miene. Mein Bruder ist noch nicht da, meine Schwester hat seit 18.00 Uhr wieder Uni. Mein Gastvater fragt mich, wie es ist im Zug zu reisen und ob es da laut ist. Ist es im Zug laut? Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr richtig daran.

20.10 Uhr: Mein Bruder kommt von der Uni nach hause, erzählt von seinem Tag, ist verärgert über seine Kameraden und Professoren. Hab irgendwie keine Lust mir das auch wieder anzutun, bin dankbar für mein derzeitiges Leben.

20.40 Uhr: Helfe meiner Mama noch bisschen beim Abspülen. Also eigentlich leiste ich ihr nur Gesellschaft, denn ihrer Meinung nach ist das Wasser viel zu kalt für meine Hände, da werde ich nur krank. Ich kapituliere, spüle ab, wenn sie nicht da ist.

21.00 Uhr: Es wird still im Haus. Meine Eltern gehen schalfen, stehen beide morgen wieder früh auf. Da dreht mein Bruder seine Musik auf. Nun, dann werde ich jetzt wohl noch bisschen lateinamerikanische Musik hören, hat zum Glück einen guten Musikgeschmack.

22.10 Uhr: Kann jetzt Filme auf 3 Sprachen schauen, die Auswahl ist dadurch deutlich größer…

23.30 Uhr: Die ersten Nachrichten aus Deutschland erreichen mich. Ein Zeichen zu schlafen.. Gute Nacht, freue mich schon auf Morgen!

 

So könnte irgendein Tag aussehen, der nächste wäre dann allerdings schon wieder einen anderen Eintrag wert. Hier gibt es kaum Routine, vor allem morgens mache ich eben das, was anfällt. Ich gehe mit einem Kind zum Arzt, besuche Familien oder Schulen, gehe einkaufen oder manchmal ist es auch sehr ruhig und ich verbringe die Stunden mit basteln.
Ich würde also nicht sagen, dass ihr gerade mein Alltag erfahren habt, aber zumindest ein Beispiel, wie ein Tag aussehen könnte. Ich hoffe es hat euch gefallen, bis zum nächsten Mal!

Julia

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