Endlich Sommerferien! – „Vacaciones“ im Kinderheim

22. Mai 2017 | von | Kategorie: Freiwillige 2016/2017, Konstantin Bertling in Ecuador

Mit Jesús, Matias, Luis und Juan-Carlos beim Fútbol Americano zocken, und das in der prallen Morgensonne

„Schreib‘ mal wieder einen Blog!“

Das habe ich jetzt in letzter Zeit immer häufiger gesagt bekommen. Mittlerweile ist das schon leichter gesagt als getan: Nach fast zehn Monaten hier in Ecuador, im Casa Hogar de Jesús, ist das meiste Alltag geworden. „Worüber soll ich eigentlich erzählen? Ist doch alles wie immer…“.

Dennoch versuche ich es mal: Es ist immer noch jeden Tag heiß (25° plus). Es regnet immer noch mindestens einmal pro Tag. Ich bin immer noch dabei, mein Spanisch Stückchen für Stückchen zu verbessern.

Wobei, eigentlich ist ja doch einiges passiert: Schon während meiner Reise mit Alexander und Felix begannen hier die zweimonatigen Schulferien. Als ich von der Reise wiederkam, wurde ich direkt voll ins Programm mit eingebunden: Ich hatte viele neue Aufgaben, die mir wirklich Spaß gemacht haben, an oberster Stelle: Jeden Tag eine Stunde Sport mit jeweils unterschiedlichen Gruppen, in denen ich anbieten konnte was ich wollte. Zum Lieblingsspiel der Kids in meinen Sportstunden entwickelte sich schnell: „Fútbol Americano“, also American Football. Dies habe ich häufig mit den Kids in einer leicht umgeänderten Version gespielt. Es kam glaube ich deshalb so gut an, da dies durchaus ein Spiel ist, in dem man mit viel Körpereinsatz und Präsens spielen darf, aber dennoch alles im Rahmen der Fairness und der Verhältnismäßigkeit bleiben muss. So funktionierte das Spiel meistens sogar gut in den unausgeglichenen Gruppen, d.h. die Gruppen, in denen sowohl Zehnjährige, aber auch Fünfzehnjährige teilgenommen haben.

Des Weiteren habe ich die älteren Kids in der Gartenarbeit und in der Küche unterstützt: Die Jugendlichen bekamen die Möglichkeit, jeden Vormittag im großen Garten und in der Küche des Heimes zu arbeiten, um so einerseits handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen, aber auch um sich ein Taschengeld für die Zeit zu verdienen, wenn sie das Heim wieder verlassen.

Juan, beim Arbeiten mit dem Küchenteam

Josue, beim Abholzen eines kaputten Pfefferbaums

Der Wiederbeginn der Schule gestaltete sich unerwartet stressig: Zwei Tage vor Schulbeginn wurde mir gesagt, dass ich die Schulmaterialien für die Kinder vorbereiten solle. Dabei dachte ich, dass das wohl locker gehen wird, die paar Bleistifte und Hefte zusammenzusuchen. Dabei hatte ich aber nicht damit gerechnet, dass jedes Kind für das Schuljahr eine „listisima“, also eine riieeesige Liste mit Schulartikeln benötigt. Auf Nachfrage, wieso denn ein Kind von sieben Jahren so einen Berg an Materialien braucht, wurde mir geantwortet, dass der Staat diese Materiallisten voraussetze. Alle Materialien einer Liste zusammen kosten schnell mal zwischen 60-100 $. Da habe ich mich schon gefragt, ob man so etwas von einer finanziell schwachen Familie verlangen kann, die monatlich vielleicht 400 $ für Alles hat.

Von mir, mit voller Freude, aufgeräumter Materialraum

Mit dem Wiederbeginn der Schule hat sich auch mein Arbeitsplan zum erneuten Male vollkommen verändert: Einerseits habe ich wieder begonnen, den Kids aus den Nivelierungsklassen des Heimes Englischunterricht zu geben.  Der Unterricht an sich läuft irgendwie besser, als vor den Ferien: Vor den Ferien dachte ich immer, dass ich den Druck hätte, wirklich allen gleichviel beizubringen. Dadurch wurde es häufig, gerade bei den älteren Jungs, stressig. Auch, da ich lediglich 1,5 Jahre älter bin als einige von ihnen. Dementsprechend hatte ich mir für nach den Ferien vorgenommen: Entspannter sein, und: wer kein Bock hat, hat kein Bock, nicht mein Problem. Auch wenn diese Einstellung natürlich meinerseits egoistisch klingt, funktioniert es damit besser: Da ich so weniger in einer strengen Position dastehe, und dadurch auch den Kids mehr Respekt an sich entgegenbringe, bringen die meisten auch mir mehr Respekt entgegen, was sich dadurch äußert, dass eigentlich alle, zumindest bis zu einem gewissen Maße, gut im Unterricht mitmachen.

Auch mein Sportprogramm führe ich zu einem kleinen Teil fort: Zweimal die Woche habe ich jetzt Sportunterricht mit den Jungs, die ausschließlich im Heim unterrichtet werden. Interessant ist, dass viele der in Deutschland klassischen Sportkinderspiele völlig unbekannt sind. Mittlerweile spiele ich mit den Kids Spiele wie Pommesfangen (ganz einfaches Fangenspiel), oder auch Feuer Wasser Blitz., und sogar Popcornfangen.

Eine Sache, die noch interessant ist zu erzählen: Nach zehnjähriger Präsidentschaft unter Rafael Correa, fanden in den letzten Monaten die Wahlen für seinen Nachfolger statt. Kopf an Kopf standen sich: Guillermo Lasso, neoliberaler Kandidat, möchte Steuern senken und eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Auf der anderen Seite: Lenín Moreno, aus der gleichen Partei wie der bisherige Präsident, möchte Sozialprogramme fortführen und ausweiten, genauso die Erdölförderung weiter ausbauen und das dadurch erwirtschaftete Geld für Sozialausgaben verwenden. Er selber nennt die Politik seiner Partei: „Lateinamerikanischer Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

Menschenmenge bei Kundgebung für Präsidentschaftskandidaten Lenín Moreno

Die Wahl gestaltete sich als Kopf- an Kopfrennen: Während die ersten Medien schon einen Wahlsieg des Neoliberalen Lasso verkündeten, gewann am Ende doch ganz knapp der „Sozialist“ Lenín Moreno.

Auch in meinem Kollegen- und Bekanntenkreis gab es sowohl Befürworter des Einen, als auch des Anderen.

Ich selber bin erst zu kurz hier und auch zu uninformiert, um mir ein abschließendes Urteil erlauben zu dürfen, dennoch denke ich, dass mit der Wahl Leníns definitiv das deutlich kleinere Übel gewählt wurde.

Generell aber hat mich erfreut zu sehen, wie diskussions- und politikfreudig hier viele Menschen im Hinblick auf die Wahlen waren. Das äußerte sich durch Straßenkundgebungen, Fahnen an Haus und Auto, usw. Außerdem wurde meistens nicht die Konfrontation gescheuht, wenn jemand sagte, dass er anderer Meinung ist.

Den neuen Präsidenten habe ich übrigens schonmal live bei einer Wahlkampfveranstaltung in Cuenca gesehen:

Lenín Moreno, auf Wahlkampfbühne. Hielt an dieser Stelle eine sehr beeindruckende Rede

Soooo, Word sagt mir, ich habe schon an dieser Stelle 804 Wörter, weswegen ich schnellstmöglich ein „Tschüß“ finden sollte.

Viele Grüße und Tschüß,

euer Konni

2 Kommentare
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  1. Hallo Konstantin,
    ja- das hat lange gedauert mit deinem nächsten Block. Das letzte Mal hat man mich beim KOmmunionkaffee von David Staschewski darauf angesprochen- und das ist nun schon eine Weilr her. Aber wie so oft gilt auch hier die Binsenweisheit: wer nicht viel nach Hause schreibt, dem gehts auch gut!
    Ich finde es toll, dass du so richtig in einen südamerikanischen Wahlkampf hineinschnuppern hast können. Wenn wir hier so was hören, denke wir immer an gewalttätige Auseinandersetzungen, an Straßenkämpfe und Wasserschlachten mit Polizisten… offensichtlich ist man in Südamerika doch „demokratischer drauf“ als wir das in Europa erwarten. Auch hier in Europa gabs politische Bewegungen:Wie in Frankreich die Wahken ausgegangen sind war eine große Genugtuung- und in NRW hat sich nun auch was bewegt….
    Was die von dir beschriebenen Veränderungen im neuen Schuljahr angeht.. vielleicht liegts auch an deiner veränderten Perspektive..?? Du bist nun schon zehn MOnate dort ( Junge, wie die Zeit vergeht…) und bist akklimatisiert . Da stört dich sicher nicht mehr so viel wie zu Anfang…. Wahrschienlich lernt man es ziemlich schnell die allzu „deutschen“ Eigenschaften abzulegen oder doch wenigstens zu überdenken. Das tut sicher dir und nicht zuletzt auch den Kindern gut, mit denen ich dir noch ganz viel Freude und erstaunliche Erlebnisse wünsche…
    Für deutsche Verhältnisse ist es ziemlich spät geworden…..
    Viele Grüße von Helga

  2. Schön von dir zuhören. Es freut mich auch, dass dir es immer noch großes Spaß bereitet den Kindern zu helfen unddu unterstützt, wo du nur kannst.

    Irgendwie feiert jeder das Popcorn Spiel XD. Jz musst du deinen Kids nur noch „Familie Nippel Dippel“ bei bringen XD

    Wir sehen uns bei der nächsten Runde Skype

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