Made in Cambodia

18. Mai 2017 | von | Kategorie: Freiwillige 2016/2017, Sophia Koch in Kambodscha

Um ehrlich zu sein wusste ich kaum etwas über Kambodscha bevor ich mich für das Projekt hier entschied. Ich wusste, dass sich Kambodscha in Asien befindet. Dennoch musste ich erst mal auf der Karte suchen wo genau das denn jetzt war. Ich lernte Kambodscha NICHT mit Kasachstan zu verwechseln.

Was ich jedoch über Kambodscha wusste war, dass dort Kleidung produziert wird, die ich und viele meiner Freunde in Modeläden einkaufen. Kambodscha ist ein Land vieler (Textil-) Fabriken. „Made in Cambodia“ heißt es auf einem kleinen Etikett in einigen meiner Kleidungsstücke.  Nun lebe ich seit mehreren Monaten im Land, wo meine Kleidung hergestellt wurde. (Ein in Kambodscha produziertes T-Shirt habe ich sogar mit dabei, ich habe es zurück zum Ort seiner Entstehung gebracht.)                                                 Auf dem Weg von Phnom Penh (Hauptstadt Kambodschas) zu meinem Projekt in Takeo komme ich immer an  einigen Fabriken vorbei. Ich sehe die Transportwagen auf deren Ladeflächen Arbeiter, meist Frauen dicht an dicht gedrängt zu den Fabriken und nach getaner Arbeit zurück nach Hause fahren. Ich weiß nicht viel mehr über diese Fabriken als das, was ich sehe und was ich von Einheimischen höre. Ich bin weiß Gott kein Experte in diesem Gebiet ebenso wenig konnte ich eine Fabrik von innen besichtigen oder einen Fabrikarbeiter zu diesem Thema befragen. So sind alle diese Angaben ohne Gewähr und alle meiner subjektiven Wahrnehmung folgend.                                                                           Ich weiß dass Fabrikarbeiter zu sein einer der schlechter bezahlten Berufe in Kambodscha ist, wenn nicht der schlechteste. Eine alleinerziehende Mutter kann mit ca.140$ (festgesetzter Mindestlohn) im Monat keine mehrköpfige Familie verpflegen. 140$ im Monat. 4,7$ pro Tag. Ich kann nicht von so wenig Geld leben. Auch wenn essen und trinken hier um ein vielfaches günstiger zu erhalten ist als in Deutschland (ein ganz einfaches Mittagessen für ca. 0,50$) reichen tut es trotzdem nicht. Die Arbeitsbedingungen sind zu dem häufig schlecht. Gesundheitlich Standards häufig nicht erfüllt. Was tun wenn man krank wird (es gibt keine Krankenversicherungen)? Kein Geld für den Arzt. Es sind zumeist keine Ausbildungen oder ähnliche Qualifikationen nötig um in einer Fabrik arbeiten zu können. Das macht es einem einerseits einfach einen Job dort zu bekommen, andererseits macht das jeden Arbeiter aber auch entbehrlich.

In Phnom Penh  leben viele der Fabrikarbeiter in vierteln am Rande der Stadt in großen Plattenbauten. Dort ist es sehr schmutzig. Die Wohnungen sind sehr klein und es wohnen zu viele Menschen darin. Es ist nicht besonders hygienisch.                                                        Für die eigenen Kinder zu sorgen und ihnen eine Schulbildung zu finanzieren ist unter diesen Bedingungen nicht immer möglich. Denn obwohl die öffentlichen Schulen kostenlos sind müssen Kinder trotzdem für „extra Stunden“ zahlen, in denen der Lehrer essentiellen und prüfungsrelevanten Unterrichtsstoff unterrichtet.

Unter den Kindern hier in WOCC ist auch ein siebenjähriges Mädchen, die nicht zuhause wohnen kann, da sowohl ihre alleinerziehende Mutter als auch ihre  sechzehnjährige Schwester den ganzen Tag in einer Fabrik arbeiten müssen. Sie ist hier um eine Schulbildung zu bekommen. Um mit 16 nicht arbeiten zu müssen sondern zur Schule gehen zu dürfen und um eine arbeitsfreie Kindheit zu haben.

Aber nicht alles an den Fabriken ist schlecht. Frauen (denn das ist die Mehrheit der Fabrikarbeiter) bekommen die Möglichkeit zu arbeiten und ihre Familie mitzufinanzieren. Der Lohn ist in den letzten Jahren zudem um einiges gestiegen und beträgt nun minimal 140$ im Monat. Alleinerziehende Mütter haben somit eine Möglichkeit ihre Kinder zu unterstützen. Es gibt eine Alternative für eine unausgebildete Frau zur Arbeit als Prostituierte und/ oder Kellnerin in einer der vielen Karaoke Bars.

Das „Made in Cambodia“- Schildchen ist kein Gütesiegel, es steht nicht für fairen Handel oder besonders hohe Qualität des Produkts. Das zeigen schon die Preise für die ich diese Kleider erworben habe.                                                                                                   Warum kaufen wir trotzdem diese Kleider? Warum, wenn wir doch durch die Medien über die schlechten Arbeitsbedingungen wissen? Warum muss ich die billigste Kleidung kaufen, die es gibt? Billig und viel. Ein T-Shirt 5€. Ist weniger nicht mehr? Weniger Kleidung, mehr Qualität? Ich kann mir faire Kleidung leisten. Wenn nicht Fair Trade dann zumindest Second Hand. Weshalb unterstütze ich dieses System? Weshalb müssen andere Menschen für mich am Existenzminimum leben? Damit ich mich immer nach der neusten Mode kleiden und ein anderes T-Shirt für jeden Tag des Jahres tragen kann?

Sollte ich also überhaupt keine in Kambodscha produzierten Kleider mehr kaufen, entsprechende Läden vermeiden? Diese Frage  habe ich einen einheimischen Mitarbeiter des Projekts WOCC gefragt. Seine Antwort: Die Produkte nicht zu kaufen schadet der kambodschanischen Wirtschaft mehr als dass es dem einzelnen Fabrikarbeiter hilft. Es ist an der Regierung Gesetze gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu erlassen, den Mindestlohn für Fabrikarbeiter zu erhöhen etc.

Es ist vermutlich gar nicht möglich dem „Made in Cambodia“  Schild und all dem für das es stehen kann, im alttäglichen Leben völlig zu entkommen. Das rechtfertigt jedoch kein exzessives Kaufverhalten zu Dumpingpreisen.  Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln oder sich einfach immer mal wieder zu fragen: wo kommt meine Kleidung eigentlich her und was bedeutet das im Einzelnen? Ich glaube das wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Was ist mir meine Kleidung wert? -Am Ende entscheidet das jeder selbst.

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