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11. Mai 2017 | von | Kategorie: Barbara Menke in Uganda, Freiwillige 2016/2017

Liebe Freunde und Verwandte,

Mein absolutes und unersetzbares Lieblingsbild!

Es kommt mir vor, als sei ich schon seit Ewigkeiten hier. Als sei alles um mich herum immer schon so gewesen, wird auch noch lange so weiter gehen und nicht in weniger als drei Monaten vorbei sein. Ich habe mich so sehr in meinen Alltag eingefunden, in alle meine Schülerinnen und Schüler verliebt und großartige Freunde gefunden, dass ich noch gar nicht einsehe, dass dies irgendwann ein Ende nehmen wird. Aber wie mein lieber Herr Vater einmal gesagt hat: „Wenn es nicht total bescheuert wird, wirst du sowieso immer wieder an diesen Ort zurückkommen!“. Und tenzenziell hat er Recht damit, vor ein paar Wochen haben wir uns von Tabea Ortmanns verabschiedet, meiner Vorfreiwilligen, die schon Heimweh nach Masaka hatte und das schöne Städchen für einen Monat besuchen kam.

Aber da ich seit ungefähr Weihnachten mit meinem Blog im Verzug bin, möchte ich nun endlich wieder einmal ein Wenig von meinem Leben in Uganda erzählen. In der ersten Februarwoche hatte ich ein Zwischenseminar, für das ich nach Nairobi, Kenia reisen durfte. Dieses Seminar hat alle meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern auch weit übertroffen. Super witzige Mitfreiwillige aus Uganda und Kenia, unfassbar kompetente Teamer und ein tolles Programm zur Reflexion des Freiwilligendienstes. Und das beste Essen, das ich in den letzten neun Monaten aß! Das Seminar hat nicht nur ganz viel Austausch mit den Anderen geboten, sondern mir auch noch einmal ziemlich viel Motivation für die zweite Hälfte mit auf den Weg gegeben. Da der Großteil der Anderen auch hauptsächlich an Schulen ist, haben wir viel über das Unterrichten und verschiedene Lernmethoden geredet, bis ich fast zurück nach Uganda gelaufen wäre, weil ich unbedingt wieder zu meinen Schülern wollte!

An alle Jungs vom Vorbereitungsseminar: Wir durften endlich wieder kreativ sein und einen Lebensfluss zeichnen!

Das oberste Bild mit dem Blondschopf in der Mitte ist das Meine 😀

 

 

 

 

 

 

 

Zurück in der St. Augustine Primary School habe ich dann (da ich ja jetzt lange genug da sei und das sicher gehandlet kriege), zwei neue Klassen bekommen. Die P5 und die P7. Anstelle der gewohnten 25 Kinder, sitzen hier pro Klasse 70 und mehr Schülerinnen und Schüler vor mir und schauen mich erwartungsvoll an. Obwohl sie wirklich brav und ruhig sind, ist es trotzdem sehr viel schwieriger, fast die dreifache Menge an Schülern unter Kontrolle zu halten. Ich gebe mein Bestes und wenn ich merke, dass die Konzentration nachlässt, gehe ich mit allen einmal nach draußen und spiele ein sog. „Anschuggerle“, ein kurzes Spiel, welches alle wieder aufwecken soll (auch mich, Unterrichten strengt mehr an als ich dachte). Am Beliebtesten sind hier das „Pony“-Spiel und „Funky Chicken“, weil man dabei viel singen, brüllen und tanzen kann. Ihr würdet nicht glauben, wie großartig auch die ganz Kleinen schon tanzen können..

Während des beliebten „Anschuggerles“

Meine Unkreativität hat Tim gebeten, ein Plakat des Verdauungssystems für meine P5 zu gestalten

Ich würde euch gerne von zwei Erlebnissen aus der Schule erzählen, die mich besonders bewegt haben. Da in Bulando bisher kein Religionsunterricht für die Kinder angeboten wurde, habe ich gefragt, ob ich dies nicht übernehmen dürfte und da es für das Kollegium in Ordnung war, gebe ich nun Stunden in R.E. (Religious Education) für die Schülerinnen und Schülern in der Klasse P7. Und ich bin schlichtweg begeistert! Dies ist endlich ein Fach, das Austausch und Diskussion bietet und wo sich die Kinder eine eigene Meinung bilden können. Ich finde manches, was die SchülerInnen hier hören, doch etwas fragwürdig und möchte deshalb auch andere Seiten des Glaubens aufzeigen. So wurde den 600 Schülerinnen und Schülern in einem der Gottesdienste erzählt, dass wir Weißen nicht nur intelligenter und fleißiger seien (man siehe sich nur unsere tollen Erfindungen wie das Rad o.ä. an), sondern durch unsere Hautfarbe auch näher am Himmelreich dran, da wir mehr von Gott geliebt würden und er uns deshalb dieses „Geschenk“ der hellen Haut gegeben habe. Da kein Lehrer das Gefühl hatte, aufzustehen und dies zu korrigieren, habe ich eine Unterrichtsstunde zu Genesis vorbereitet (war sowieso im Lehrplan!), wo ich anhand von Beispielen, die die Kinder selbst anfassen und nachlesen konnten, erklärt habe, weshalb alle Menschen von Gott gleich geliebt und wertgeschätzt werden. Dass es keine Unterschiede gibt. Dass jeder an und für sich einzigartig und wunderbar ist. Dass wir Gott nicht „fürchten“ brauchen, weil er uns in seinem Ebenbild genau so geschaffen hat, wie wir sein sollen. Dass wir im Glauben in Gemeinschaft sind und niemals alleine. Ich habe an der Tafel gesammelt, was für die Kinder „ein guter Christ sein“ ausmacht und schon bald wurden Sätze wie „jeden Sonntag in die Kirche gehen“ und „vor dem Essen beten“ durch „füreinander da sein“, „den Mitmenschen helfen und mit ihnen teilen“ und „jeden respektieren, egal welche Hautfarbe, Rasse oder Geschlecht“ ausgetauscht. Ich bin stolz auf diese Kinder, wir haben viel gelacht und ich glaube, dass ihnen gerade diese Stunde irgendwie auch ein Wenig etwas für das Leben im Allgmeinen gebracht hat.

In dieser Klasse sind alle Kinder Christen, außer einem Mädchen, Aisha kommt aus einer muslimischen Familie. (Jetzt kommt der Part, von dem ich eigentlich berichten wolle). Das Mädchen folgte mir nach Schulschluss nach draußen, fiel auf die Knie, nahm meine Hände und flüsterte, dass sie mir wünsche, dass „mein Gott“ mich immer auf meinem Weg begleite. Nicht nur jetzt, sondern „für immer“. Dies hat mich so tief berührt, weil es aus dem Herzen dieses Kindes kam und, auch wenn es nicht „mein“ Gott ist, doch eine so große Aufgeschlossenheit und Akzeptanz zeigt.

Einige der Schülerinnen aus der P7 vor unserem Klassenzimmer 🙂

Das nächste Ereignis ist schon ein paar Wochen her, berührt mich jedoch immer noch, wenn ich daran denke.

An einem Morgen bin ich in die Schule in Bulando gefahren, um den Kindern ein bisschen etwas über Biologie zu erzählen, als ich sah, dass in dem kleinen Klassenzimmer nur 15 SchülerInnen, anstelle der sonst 76 Kinder saßen. Auf meine Nachfrage hin, erklärte mir der Schulleiter, dass sie die Kinder in die umliegenden Dörfer schicken mussten, damit sie dort um Geld betteln. Die Schule hatte keine Mittel mehr, um den SchülerInnen Stifte zu kaufen, was aber wichtig wäre, da im Unterricht zu dieser Zeit nicht mehr mitgeschrieben werden konnte. Die Kinder haben ihre Schulzeit mit Betteln verschwendet, anstatt den Unterricht zu besuchen. Ich habe dies hier nun schon öfter erlebt und auch andere Freiwillige erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen an ihren Schulen. Was ich damals gefühlt habe ist schwer in Worte zu fassen. Irgendetwas zwischen Traurigkeit und Wut über die Bildungspolitik der Regierung. Aber da dies primär kein politischer Blog ist, werde ich meine Gefühle hier nicht weiter ausführen. 😀 Zudem dies auch aktuell nicht mehr der Stand der St. Augustines ist! Dank des Patenschaftprojektes haben wir mittlerweile nicht nur 600 neue Hefte, Stifte und Bücher für Schüler und Lehrer, sondern sogar auch Zirkel und Geodreiecke für den Mathe- und Scienceunterricht!

Mit buntem Geschenkpapier verschönert: neu eingeschlagene Hefte für den Reli-Unterricht

Ansonsten ist das Leben als weiße „Lehrerin“ in Uganda immer noch sehr abwechslungsreich, witzig und lehrreich (für mich). Alle Schülerinnen und Schüler in Bulando und Kayijja kennen inzwischen meinen Namen und ich werde morgens und nachmittags mit einem lauten „Baabula“, „Baabla“(Barbara kann ich Uganda wirklich niemand aussprechen) oder „Teacher Nantale“ (mein ugandischer Name, so werde ich vor allem während des Unterrichtens genannt) begrüßt und verabschiedet. Selbst andere Weiße die nach Bulando zur Schule kommen werden „Barbara“ genannt und wenn ich durch die benachbarten Dörfer fahre wird mir immer wieder mein Name selbst von Erwachsenen zugerufen. Die längere Anwesenheit einer Weißen spricht sich einfach in schnellster Zeit herum! Manchmal ist das ein Wenig seltsam für mich, aber man gewöhnt sich daran..

„The absorption of food“, Science-Unterricht in der P5.

Ich liebe meine Klassen nach wie vor aus tiefstem Herzen. Ich weiß, dass diese Kinder unfassbar klug und witzig sind und wir können in den Pausen (und manchmal während des Unterrichts) so viel Unsinn zusammen machen, dass es mir immer eine Freude ist, dorthin zu fahren! Gerade ist Regenzeit und daher komme ich morgens leider nicht in die Dörfer, da anstelle einer Straße, ein reißender Bach dorthin führt, aber dafür bin ich dann nachmittags länger da.  Einmal hatte ich eine Freistunde und habe  mich in Teresas Englischunterricht in die Klasse P3 gesetzt. Sie wollte die Vokabeln der „Umwelt“erklären und suchte aktuell nach dem Wort „Erde“. Sie fragte also die Klasse, worauf wir denn stünden, die kleine Eve meldete sich und flüsterte „Schlamm“.  Das fand ich wirklich süß und traurig gleichzeitig, da wir durch den starken Regen am Morgen tatsächlich nur noch in Schlammpfützen saßen. Danach kam noch einmal so ein traurig-witziger Moment für uns, als Teresa einen Mülleimer in ihre Umwelt auf der Tafel zeichnete (sehr Deutsch) und die Kinder nicht wussten, was das sein sollte..

76 SchülerInnen, gar kein Problem 😛

An diesem Tag war auch Philippa noch hier, eine Freiwillige, die für vier Wochen in Uganda war, und bemerkte, dass einer der Schüler, Eddie, humpelte. Wir gingen also kurz mit ihm nach draußen, um uns das Bein anzusehen und fanden eine offene, entzündete und eiternde Wunde. Eddie wurde von einem Boda angefahren und nicht behandelt. Als wir mit ihm zu seiner Familie fuhren und seinen Eltern sagten, wir würden ihren Sohn gerne ins Krankenhaus bringen, fing die Mutter an zu weinen und versteckte den Jungen unter einer Decke. Sie habe kein Geld für eine Behandlung, wir sollten wieder gehen. Als wir mitteilten, dass die Kosten übernommen werden würden und die Gesundheit vorginge, verschwand die Mutter kurz und brachte uns dann noch einen anderen Jungen, etwas jünger als Eddie, der wegen zu vielen Schmerzen verursacht durch Verletzungen in seiner Leiste auch nicht mehr Laufen konnte. Wir setzten beide Jungen auf ein Boda und Philippa fuhr mit den Beiden in das Krankenhaus in Kitovu, wo sie dann untersucht und behandelt wurden. Mittlerweile sind beide wieder gesund und zurück in der Schule! 🙂

Philippa und Eddie

Schön ist es mit den Schülerinnen und Schülern aber nicht nur während der Schulzeit, sondern ganz besonders auch danach und auf dem Nachhauseweg. Egal ob ich alleine bin oder mit Teresa (war, sie ist vor zwei Wochen zurück nach Deutschland geflogen), uns folgte immer eine riesengroße Traube von Kindern, die uns meist sogar bis ins nächste Dorf begleiteten. In Bulando fahren keine Bodas, weshalb wir immer erst in das nächste Dorf, Kayijja, laufen mussten um von dort dann nach Hause zu kommen. Ich liebe diese Wege, denn die Kinder sind immer SO niedlich, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen! Meistens fängt Einer leise an zu murmeln „do you know the funky chicken“ und die anderen Kinder singen dann nach und nach mit, bis sie das Lied laut grölen und Teresa und mich (jetzt nur noch mich) zwingen, für sie das „Funky Chicken“ zu spielen. So geht das dann den ganzen Weg bis nach Kayijja und wir erfinden mit den Kindern immer neue Figuren für das Spiel. (Für alle, die das nicht kennen, eine kurze Erläuterung: Ein Spielleiter ruft laut „do you know the funky chicken?“, die Kinder antworten dann mit „what did you say?“, man wiederholt dies zwei Mal und macht dann die Geräusche und Bewegungen eines Huhnes nach. Es können folgen das Krokodil, der Tiger und eigentlich alle lebenden Tierarten dieses Planeten. Sehr einfach, aber leicht verständlich und bringt ziemlich viel Spaß).

Eine kleine Traube von „Funky Chicken“-Liebhabern (dazwischen Teresa)

Beste Freunde auf dem Heimweg 🙂

Wer genau hinsieht, kann am Ende der Porrigeausgabeschlange eine Barbara erkennen

Zudem wurde ich von einem einheimischen Deutschlehrer einer weiterführenden Schule in Masaka gebeten, für eine seiner Schülerinnen, Lydia, ein Empfehlungsschreiben für ein FSJ in Deutschland zu schreiben und ihr bei der Bewerbung zu helfen. Tatsächlich wurde sie sogar angenommen und wird im August nach Stuttgart fliegen. Nun treffe ich mich jede Woche mit Lydia und gebe ihr Deutschnachhilfe, was mir großen Spaß bringt und mir auch besonders kulturell noch einmal ganz neue Sichtweisen auf Deutschland gibt.

Aber jetzt genug von den Schulen, ich hoffe, ich konnte nun einmal einen besseren Einblick in mein Leben als „Lehrerin“ hier in Uganda geben. Tatsächlich mache ich ja auch noch andere Dinge. Neben der Schule und dem Office haben ich in den letzten Wochen sehr viel Zeit in der Holzwerkstatt (auch in Bulando) verbracht. Die beiden Mädchen in meinem Alter sind wie Schwestern für mich geworden und die Eltern der Familie haben mich als ihre Tochter „adoptiert“. Dies ist in Uganda ein sehr sehr großes Zeichen von Liebe und Respekt und ich weiß das wirklich zu schätzen. Derzeit bastele ich sogar selbst an einer kleinen Holzstatue, aber die meiste Zeit verbringe ich eigentlich mit den Mädchen in der Küche oder den Gärten. Hier bringen sie mir bei, die traditionellen Gerichte zuzubereiten (ich habe schon ein Huhn gekauft und zerlegt, es hieß Louise), und zeigen mir, welche der einheimischen Pflanzen beispielsweise heilende Wirkungen haben (Aloe Vera gewinnt alles) oder wie man richtig seine Erde lockert und umgräbt. In dieser 10-köpfigen Familie darf ich so viel Liebe erfahren und so viel lernen! Hier fühle ich mich wirklich wie eine Einheimische, ich wurde einem Clan zugeteilt (auch keine Selbstverständlichkeit, (ich durfte mir den Löwen-Clan aussuchen)) und ich habe teilweise sogar die ugandischen Sitten übernommen. So knie ich mich beispielsweise nieder, wenn Respektpersonen wie die Mutter, der Vater oder der große Bruder zu mir kommen. Es ist eine großartige Erfahrung, so das alltägliche Leben der Ugander mitzuerleben und seid euch sicher, in Deutschland werde ich Matooke und Posho zubereiten und ihr werdet nicht darum herum kommen, es zu kosten! 😉

Die Mutter (rechts) und Maxencia (links) zeigen mir das traditionelle Zubereiten von Speisen

Liebe Freunde und Verwandte, seid versichert, dass ich mit meinem nächsten Blogeintrag nicht wieder so lange auf mich warten lasse (dann bin ich nämlich schon zurück in Deutschland, haha), denn ich möchte euch unbedingt auch noch von meinen Reisen durch Uganda, Kenia und Rwanda und dem Projekt, in welchem ich während der aktuellen Schulferien arbeite, berichten! Fühlt euch gedrückt und gegrüßt, ich schicke ganz viel Sonne in die (noch) kalte Heimat,

Barbara 🙂

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2 Kommentare
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  1. Das sind ja mal wieder lebendige Berichte, bei denen man fast das Gefühl hat, dabei zu sein!
    Am besten hat mir die Schilderung der Religionsstunde gefallen, bei denen du konsequent mit einer ganzen Serie schrecklicher Irrtümer und Missverständnisse aufgeräumt hast! Sehr gut! Das werden die Kinder, die es erleben durften, nicht mehr vergessen!
    Weiter so!
    Regina und Jochen

  2. Liebe Barbara,
    das ist wieder mal ein lebendiger Bericht, bei dem man das Gefühl hat, selbst einen Ausflug nach Afrika zu machen! Am besten gefällt uns dein Religionsunterricht, bei dem du gleich mit einem Rundum-Schlag aufgeräumt hast mit alten Vorurteilen, düsteren Gerüchten und niederschmetternden Vorstellungen!!!
    Das werden die Kinder, die dabei sein durften, nie vergessen!
    Weiter so!
    Liebe Grüße
    von Regina und Jochen

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