Geschichten, die das Leben schreibt

25. Apr 2017 | von | Kategorie: Julia Wolf in Peru

Die Kinder hier sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. In ihre Gesichter zu schauen und zu sehen, wie sie lernen und spielen, wie sie sich streiten und wieder vertragen, wie sie sich anstrengen, das macht mich glücklich und zufrieden. Auch wenn es keine Engel sind und mir manchmal ganz schön auf die Nerven gehen, habe ich sie unendlich lieb. Ich weiß inzwischen viele Namen, erkenne sie schon von Weitem auf der Straße, weiß wer zu wem gehört. Diese wundervollen Kinder kennen zu dürfen, ist ein Privilieg, zu sehen, wie sie leben müssen, welche Schicksale sie durchmachen, bricht mir das Herz. Ich würde ihnen gerne etwas abnehmen.

Da ist zum Beispiel Pedro, mit seinem kleinen Bruder Saulo. Zwei gut erzogene Jungen, Saulo sehr intelligent und fleißig, ohne Probleme in der Schule und Pedro, 12 Jahre alt, der als kleiner Junge einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat und bis heute nicht lesen kann, da er sich die Buchstaben nicht merken kann. Diese Schwäche macht ihn extrem unsicher und empfindlich, was im aggressiven Verhalten endet.

Oder Cristian, der mir als sehr sympatisch, aufgeweckt und wohlerzogen vorkommt, aber daheim große Probleme macht, da sein Vater im Gefängnis sitzt und er mit der Situation völlig überfordert ist. Während seine Mutter von 6 Uhr morgens bis 21 Uhr abends arbeitet, ohne damit die Lebenshaltungskosten abdecken zu können, muss er sich mit seine 14 Jahren um seine 2 kleinen Geschwister kümmern und kämpf, in dem schrecklichen Leid nicht unterzugehen. Als aggressiv bezeichnet ihn seine Tante, die Beziehung zu seiner Mutter ist schwierig, auch weil ihr die Zeit fehlt, für ihre Kinder da zu sein.

Perla mit ihren Geschwistern, von den Eltern vernachlässigt, aber jedes Jahr kommt ein neues Geschwisterchen dazu. Kinder, denen jegliche elterliche Zuneigung, Liebe und Aufmerksamkeit fehlt, ohne Erziehung. Mit jedem Problem stehen sie alleine da, um die Geschwister müssen sich die Schwestern kümmern, das Geld reicht hinten und vorne nicht.

Rolando, ein Junge der immer morgens kommt, um mit mir seine Englischhausaufgaben zu machen. Dem letzten von 8 Kindern wurde noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, er kämpfte sich alleine durch die Schule, wäscht in den Ferien Autos für 10 Soles (ca. 2.80€) den ganzen Tag lang und verdient somit seinen eigenen Lebensunterhalt. Seine Eltern sind beide alkoholkrank. Sein größtes Ziel ist, nicht die gleichen Fehler zu machen, wie seine Eltern, will studieren, um aus dem Teufelskreis der Armut zu kommen.

Da ist Lindaly, die mit ihrer Großmutter in einem Gestell wohnt, das noch nicht mal als Hütte bezeichnet werden kann. Kaum Kleidung, ohne die Unterstützung der Nachbarn wäre das Mädchen wohl schon verhungert. Die Mutter strab als sie 3 war an Krebs, vom Rest der Familie verstoßen, der Vater hat eine neue Familie. Ein sehr unsicheres Mädchen, viel gemobbt, noch mehr gelitten. Was wird aus ihr wenn die Oma stirbt?

Maricielo und Pilar, Zwillinge, die sich kaum gleichen. Maricielo hat Leukämie, gerade wachsen die Haare wieder nach. Da es in Cajamarca keine Krebsbehandlung gibt, muss sie alle paar Monate nach Lima reisen. Die Kosten sind kaum zu stemmen. Pilar leidet genauso darunter, schreit oft nach Aufmerksamkeit, ist unruhig, lässt kaum mit sich reden.

Oder Robert, mit seinen 2 Geschwistern, die in einer „Hütte“ wohnen, die bei jedem bisschen stärkeren Regen (also in den letzten Monaten sehr häufig) fast zusammenfällt und alles nass wird. Sie leiden extrem unter ihrem aggressiven Vater, der keinen Finger rührt, außer um seine Kinder und seine Frau zu schlagen.

Cristian, dessen Mutter im vergangenen Jahr verstorben ist und jetzt mit seinem Schwestern und seinem alkoholkranken Vater lebt, emotional instabil ist und immernoch sehr stark trauert. Er ist für seine 13 Jahre viel zu klein, ich würde ihn höchstens auf 8 schätzen. Er muss seinen Tanten helfen, die Tiere zu hüten, darf kaum Kind sein.

Ein sehr charismatisches, starkes Mädchen ist Nancy, 14 Jahre alt, auch sie lebt in Armut. Außerdem hat sie oft sehr starke Kopfschmerzen, die Krankenversicherung zahlt aber keine weiteren Behandlungen mehr. Ihr kleiner Bruder hat Downsyndrom, um ihn kümmert sie sich.

Es sind Geschichten, die mich aufwühlen, nachdenklich und traurig machen. Besuche ich die Kinder, kämpfe ich oft mit den Tränen und die Bilder werde ich wohl nie wieder vergessen. Ich bin, mit meinem deutschen Pass, mit meiner friedlichen Kindheit, meiner Krankenversicherung, privilegierter als der Großteil der Weltbevölkerung. Hoffentlich vergesse ich das nie wieder.

Da haben wir meinen Geburtstag gefeiert:)

„Meine Eltern trinken, aber das hat keinen Einfluss auf mich, denn ich habe MICANTO endeckt, das Beste was mir je passiert ist.“ Das ist ein Satz Rolandos, er hat ihn so ganz alleine aufgeschrieben. Es gibt immer Hoffnung, immer ein Weg zu helfen, immer ein Licht am Ende des Tunnels. Lasst uns das nicht vergessen, vergesst nicht, dass es mehr gibt, als uns und unsere Familie. Und auch in Deutschland kann man helfen, Leben zu verändern, vor allem sein eigenes. Es gibt nichts schöneres, als anderen Freude zu bereiten, ihnen einen Grund zum Freuen zu geben, ein Lächeln zu schenken. Auch ich habe diese Freude erlebt, nämlich als wir zusammen meinen Geburtstag gefeiert haben! Es war auf jeden Fall einer der schönsten, die ich je gefeiert habe, ich habe ihn sehr genossen.

Viele liebe Grüße aus Cajamarca, seid dankbar,

Julia

 

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