5 Dinge, ….

In diesem Eintrag möchte ich euch einen besseren Einblick in die bolivianische Kultur geben und an der einen oder anderen Stelle auch ein paar Denkanstöße über Themen geben, die mir hier täglich begegnen. Hier also eine Liste der Dinge, die man sich von Bolivianern abschauen sollte :).

1. Dankbarkeit: Vor dem Essen wird hier bei vielen Christen ein Dankgebet gesprochen, soweit, so bekannt. Doch hier ist es nach dem Essen üblich, sich bei jedem, mit dem man gegessen hat, zu bedanken. Das ist für mich mehr als ein einfaches „gracias“. So wird einem immer wieder bewusst, dass das, was man hat, alles andere als selbstverständlich ist und wie sehr man das Essen in der Gemeinschaft genossen hat. Vor meinem Freiwilligendienst habe ich mir darüber recht selten Gedanken gemacht, und ich glaube, dass man in Deutschland allgemein viele Sachen nicht genug wertschätzt.

2. Kochen: Auch wenn die bolivianische Küche allgemein als sehr fleischhaltig bezeichnet werden kann, hat sie auch für Vegetarier wie mich einiges zu bieten. Da wären zum Beispiel Salteñas, das sind mit Gemüse oder Fleisch gefüllte Teigtaschen oder Umitas, in Maisblätter eingewickelte Kuchen mit Käse und Rosinen. Oder, mein bolivianisches Lieblingsgericht bisher, Erdnusssuppe. Im Allgemeinen ist das Essen hier deftiger, reicher an Kohlenhydraten (um zu sättigen) und wird mit Llajwa, einer scharfen Soße, gewürzt.

3. Familie: Die Familienstrukturen in Bolivien und Deutschland sind derart unterschiedlich, dass man damit wohl ein ganzes Buch füllen könnte, doch ich fasse mich etwas kürzer. Während eine deutsche Durchschnittsfamilie 1,3 Kinder zur Welt bringt (wie auch immer man sich das vorstellen soll), sind Familien mit bis zu 10 Kindern hier wirklich keine Seltenheit. Natürlich gibt es auch in Bolivien Einzelkinder oder kinderlose Paare, aber die Mehrheit der Familien, vorallem in den Dörfern, hat wesentlich mehr Kinder. Das kann dann auch zu Verwirrung führen und wenn ich erzähle, dass ich nur eine Schwester habe, werde ich oft überrascht angeschaut und gefragt, warum deutsche Familien so klein sind oder wie viele Kinder pro Familie in Deutschland gesetzlich erlaubt sind. Die Familie spielt hier einfach eine viel größere Rolle, oft hat man auch zu seinen Cousinen und Geschwistern eine enge freundschaftliche Bindung. Die alten oder kranken Familienmitglieder werden meist zuhause gepflegt. Wenn man in der Familie gerade gebraucht wird, hat das höchste Priorität. Die meisten meiner Ende 20-jährigen Kolleginnen wohnen immer noch mit ihrer Familie zusammen. Das ist in Bolivien ganz normal, denn egal wie alt man ist, die eigenen Eltern werden das ja auch immer bleiben. Diese Einstellung finde ich besser als das „Nesthocker“, dass den meisten Deutschen wohl in den Kopf kommen würde, wenn sie so etwas hören.

4. kein unnötiger Stress: Ich gehöre leider zu den Menschen, die bei Verabredungen meistens spät dran sind und doch pünktlich sein wollen. Die Lösung: hektisch seinen Haustürschlüssel und den Geldbeutel suchen und dann losrennen, um die Bahn noch zu erwischen. Mittlerweile kommt mir das alles etwas albern vor, denn mal ehrlich, auf eine halbe Stunde früher oder später kommt es
doch meistens wirklich nicht an, oder? Da gefällt mir die „hora boliviana“ (dt.: bolivianische Uhrzeit) wesentlich besser. Wenn man spät dran ist, dann ist das eben so, hier muss man sich dafür auch nicht entschuldigen, da es etwas ganz normales ist, derjenige wird ja schon einen Grund haben, dass er nicht pünktlich gekommen ist. Es mag etwas befremdlich klingen, wenn man sich für 7 Uhr verabredet und der erste eine Viertelstunde später eintrudelt und dann noch weitere 15 Minuten auf den Rest wartet, aber es ist wesentlich entspannter, nicht unter Zeitdruck zu stehen und zu wissen, dass die Welt nicht untergeht und keiner enttäuscht ist, wenn man es nicht rechtzeitig schafft.

5. Großzügigkeit: Alleine etwas zu essen, ohne den Menschen um einen herum etwas anzubieten, gilt hier als grob unhöflich. Auch wenn es nur ein Stück Brot ist, es ist ganz normal, den anderen Menschen im Wartezimmer oder seinen Freunden, mit denen man gerade unterwegs ist, etwas anzubieten. Und es ist auch erwünscht, das Angebotene dann auch wirklich anzunehmen. Mir gefällt diese Eigenheit sehr gut und ich bin immer wieder positiv überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit und wie ohne zu Murren geteilt wird. Auch Bettlern gegenüber ist die Bevölkerung hier, gerade bei alten Menschen, die keine Altersvorsorge haben, meist viel großzügiger.Getrennte Rechnungen zu bekommen ist sehr unüblich, entweder man lädt die andere Person ein, oder es wird zusammengelegt. In Sachen teilen und Großzügigkeit können wir noch einiges von Bolivianern lernen!