Alles Friede, Freude, manjar blanco?

2. Mrz 2017 | von | Kategorie: Julia Wolf in Peru

„Mir geht es super! Peru ist ein wunderschönes Land und mir geht es viel besser als ich erwartet habe.“ Das oder so in der Art ist meine gewöhnliche Antwort auf die Frage, wie es mir hier in Cajamarca geht. Das schon mehr Zeit hinter mir liegt, als vor mir, macht mich vor allem traurig. Aber natürlich ist hier nicht alles perfekt. Heute will ich über 10 Probleme meinerseits oder in Cajamarca allgemein schreiben. Einige sind nicht ganz ernst gemeint, aber ein bisschen grinsen is ja auch gesund:).

  1. Wasserknappheit

Die Sorgen für das Jahr 2017 sind vorprogrammiert. Denn in den normalerweise regenreichen Monaten wie September, August, Oktober, November, Dezember und Januar gab es kaum Niederschlag. Die Lebensmittelpreise, zum Beispiel für Kartoffeln, werden, bedingt durch Ernteausfälle, stark ansteigen. In den letzten Monaten hatten die Behörden starke Waldbrände zu bekämpfen, Familien fehlt das Wasser zum Essen kochen, waschen, zum Leben. Man wird aufgefordert kürzer zu duschen, weil der Wasserpreis um 10% steigen wird. Ehrlich gesagt, wenn ich, jemand aus Deutschland natürlich, höre, der mir erzählt, er hat gebadet, finde ich das inzwischen ziemlich unwirklich.

  1. Meine Gröẞe

Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass ich mit meinen 1,76 m gröẞer bin, als die Durchschnittsfrau in Peru (1,51m). Aber leider ist auch der typische peruanische Mann nur 1,64 m groẞ. Das führt zu einigen Schwierigkeiten: zum Beispiel schlafen mir im Bus regelmäẞig meine eingequetschten Beine ein. Beim Aussteigen stoẞe ich mir meinen Kopf an der Decke an. Ganz schlimm ist es aber, wenn ich keinen Sitzplatz bekomme. Dann stehe ich verkrüppelt im Bus und mir schmerzt danach mein ganzer Rücken. Zum Glück ist Cajamarca nicht so groẞ, den Groẞteil meiner Wege kann ich also zu Fuẞ zurücklegen. Aber natürlich bekomme ich auf der Straẞe ziemlch viel Aufmerksamkeit. Die Leute errinern sich an mich, weil ich weiẞ und riesig bin. Dass ich ja bis zum Himmel reiche habe ich auch schon gehört. In Cajamarca selbst habe ich inzwischen 3 Männer gesehen, die ungefähr so groẞ waren wie ich.

  1. Unterernährung

Kinder mit aufgeblähtem Hungerbauch sieht man hier so gut wie gar nicht. Aber das bedeutet leider nicht, dass sie nicht an Hunger leiden. Sie bekommen zwar genug zu essen, es fehlt aber an Nährstoffen durch Gemüse, Fleisch oder auch Fisch. Das verursacht einige Krankheiten, aber vor allem wachsen sie nicht richtig, sind immer müde und können sich schlecht konzentrieren. Viele Kinder leiden auch an Parasiten im Bauch und sind deshalb unterernährt. Auf 380 Millionen Kinder wird die Zahl der Kinder geschätzt, die nicht ausreichend Nährstoffe erhalten. Diese Unterernährung wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten und sie daran hindern ihr eigentliches Potenzial zu entfalten.

  1. Gewalt

Mit Gewalt meine ich hier nicht Kriminalitat oder Gewalt in den Straßen, nein ich spreche von häuslicher Gewalt. Laut Frauenministerin Ana María Romero-Lozada hat Peru weltweit den dritthöchsten Wert bei gewaltsamen Übergriffen auf Frauen. Pro Monat werden ca. 10 Frauen durch ihre eigenen Männer getötet. Diese Zahl ist für mich schwer zu fassen und kaum vorstellbar, dass das nur die Ziffer für Ermordungen ist, die Körperverletzungen ausgenommen. Wenn ich meine Freunde oder Kollegen aus dem Projekt frage, warum das so ist, begründen diese es mit der Machokultur in ihrem Land. Mir ist auch schon aufgefallen, dass bei solchen Vorfällen häufig nur die Frau bemitleidet wird, dass der Mann beschuldigt wird, ist selten. Sie werden zwar meistens schon gerichtlich verurteil, aber die Moral, die Strafe der Gesellschaft fehlt. Das ist meine persönliche Wahrnehmung, die wahren Gründe können ganz andere sein. Und auch Kinder leiden an häuslicher Gewalt. Ich saß letztens mit einem ungefähr 9 jährigem Jungen an seinen Hausaufgaben. Wir waren fast fertig, als es Zeit nach Hause zu gehen war und die Glocke klingelte. Ich meinte, dass wir seine Aufgaben noch schnell beenden konnten, er aber packte schnell seine Sachen zusammen, entschuldigte sich, denn wenn er zu spät nach hause kommt, würde sein Vater ihn schlagen. Und das sind keine Popoklapser, sondern richtige Schläge, unter anderem auch mit dem Gürtel. Auch Lehrer sind teilweise noch gewalttätig, auch wenn das inzwischen verboten ist.

  1. Mein schlechtes Gewissen

Letztens haben wir mit den Kindern MICANTOs einen Ausflug zum reichsten College in Cajamarca gemacht. Es war ein schöner Tag, alle waren ziemlich aufgeregt und fröhlich. Sie wurden mit offenen Armen empfangen, es wurde zusammen gespielt und am Ende haben sie sogar Geschenke bekommen. Die Kinder haben sich riesig gefreut, es waren Süßigkeiten und Getränke dabei, die sie davor noch nicht gekannt haben. Ich allerdings war wütend und traurig. Warum geben die Reichsten aus Cajamarca denn nicht mehr ab? Warum nur billige Süẞigkeiten in Plastiktüten, wenn sie mehr geben könnten, ohne das es ihnen schaden würde? Und schnell wurde mir bewusst, wenn ich ihnen diesen Vorwurf mache, muss ich ihn mir auch selber machen. Wieso fällt es uns so schwer zu teilen? Warum haben wir immer Angst schlechter dazu stehen? Woher kommt dieser Wunsch möglichst reich zu sein? Warum häufen wir Dinge an, die wir überhaupt nicht brauchen? Warum interessieren uns die Arbeitsbedingungen nicht, solange unsere Kleidung nur billig ist?  Sind wir wirklich benachteiligt, nur weil wir kein iPhone besitzten?

  1. Straẞenhunde

Jeden Tag auf meinem Arbeitsweg habe ich Todesangst. Nicht wegen Raubüberfallen oder Diebstählen, sondern wegen Hunden. Als ich anfangs gefragt wurde, ob ich Angst vor Hunden habe, habe ich immer noch ganz mutig verneint. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass es einen Unterschied zwischen peruanischen Straẞenhunden und deutschen Haustierhunden gibt. Umzingelt von 5 laut bellenden Monstern klopft einem das Herz nämlich ganz schön, während man überlegt, was man alles in seinem Leben eigentlich noch machen wollte, bevor man von Hunden zerfleischt wird. Und alle die mich jetzt auslachen: kommt nur mal her und lasst euch mal anknurren, dann versteht ihr was ich meine. Übrigens ist meine Angst nicht unbegründet, fast alle Einheimischen haben ungefähr genauso viel Angst wie ich, viele können dir auch eine Narbe zeigen, natürlich von einem Hundebiss.

  1. Fehlende staatliche Unterstützung

Mir fällt oft auf, dass MICANTO viele verschiedene Institutionen in einer ist. Die Kinder kommen her, um ihre Hausaufgaben zu machen und sich für Prüfungen vorzubereiten. Aber auch um sich ihre Herzen auszuschütten, wenn es daheim gekracht hat. Sie kommen um Spaẞ zu haben und mit anderen Kindern zu spielen. Aber es wird sich auch um Kinder gekümmert, die keine Papiere haben und nicht registriert sind. Kinder, die nicht zur Schule gehen, weil sie kein Geld fur die Aufnahme haben, oder mit 10 noch nicht lesen oder schreiben können und Kinder, die in schwierigen Verhältissen leben, Waisen oder Halbwaisen sind. Um diese Fälle kümmert sich MICANTO, ohne vom Staat unterstützt zu werden. Aber es fehlen hier eben funktionierende Jugendämter, Horte, Förderschulen und Anlaufstellen, die Kinder in Not auffangen und ihnen helfen vorwärts zu gehen. Ich hoffe ihr versteht was ich meine, ich weiß, dass es auch in Deutschland Leid und Armut gibt, dass es eine Vielzahl an Problemen zu bekämfen gilt, aber wir sollten uns mehr umschauen, über den Tellerrand blicken und dankbar für unser Sozialsystem sein.

  1. Schulsystem

Fragt man meine Kollegen im Projekt nach dem peruanischen Schulsystem, können die Reaktionen teilweise heftig ausfallen. Bemängelt wird vor allem die hohen Kosten für einen Schulbesuch. Gezahlt werden muss nicht nur eine Gebühr zur Einschreibung, sondern auch die Uniform, die Schulutensilien und der Schulweg. Fallen die Kosten für den Weg nicht an, kann man sich sehr glücklich schätzen, denn dass bedeutet, dass man einen Platz in der nächst gelegenen Schule bekommen hat. Es passiert tatsächlich, dass Schulen wegen Überfüllung niemand mehr aufnehmen und das gar nicht selten. Hat man einen Platz bekommen, werden die Kinder in riesigen Klassen von 30 und mehr unterrichtet. Schüler, die das Tempo nicht mithalten werden ausgeschlossen, eine Förderung für Schlechtere gibt es nicht. Und wer durchfällt hat wenig Chancen auf einen Schulplatz. Es kann also passieren, dass ein Kind von 13 Jahren vor dir steht, dass weder lesen noch schreiben kann, weil es keinen Schulplatz mehr bekommt.

  1. Zurüchkehren

Es ist für mich inzwischen unvorstellbar, wieder nach Deutschland zu kommen. Natürlich freue ich mich auf meine Familie, Freunde, auf Menschen, die mich schon ewig kennen. Ich freue mich, auf der Straße nicht mehr aufzufallen und auf einen guten bayrischen Schweinebraten. Aber hier alles zurücklassen und in mein Luxusleben zurückkehren? Warm aus der Leitung fließendes Wasser als das normalste auf der Welt anzusehen? In einem isolierten Haus zu sitzen, ohne an tausende Kinder zu denken, die gerade frieren? Essen zu kaufen, ohne an Menschen zu denken, die heute nichts haben werden? Zum Arzt zu gehen, ohne an jene zu denken, denn es viel schlechter geht, aber kein Geld für den Besuch haben?

  1. Peru geht es nicht am schlechtesten

Ich würde mir gerne einreden, dass es keine Menschen gibt, denen es schlechter geht, als die ich hier sehe. Aber Peru ist ein aufsteigendes Land, mit zuletzt starker Wirtschaftsleistung, auch wenn das nur langsam bei der Bevölkerung ankommt. Aber die meisten  Kinder haben genug zu Essen, sie können lesen und schreiben, gehen zur Schule und haben durchaus Aufstiegschancen. Sie haben zwar mit Unterernährung und verschiedenen anderen Erkrankungen zu kämpfen, aber akut lebensbedrohliche Umstände sind selten. Und trotzdem sehe ich so viel Leid und Schmerz, soviel Hoffnungslosigkeit und Armut, dass es mir das Herz zerreist. Eine ganze Familie lebt in einem Zimmer, mit unsicherer Stromverbindung und nur kaltem Wasser, das noch dazu sehr oft ausgeht. Krankheiten bleiben unentdeckt weil kein Geld für einen Arztbesuch da ist. Kinder sind nicht offiziell registriert, von den Eltern verlassen, von der Tante verachtet. Hunderte “Häuser”, vielleicht ist das bessere Wort Lehmhütten, sind jedes Jahr vor Fluten und plötzlichen starken Regenfällen gefährdet, was ganze Familien obdachlos machen würde. Und da soll es noch so viel mehr schlechter gehen? Ich kann und will es mir nicht vorstellen.

Trotz all diesen Problemen bleibe ich dabei: Peru ist ein wunderschönes Land, ich fühle mich unendlich wohl. Ein Stück Herz werde ich hier lassen. Und jetzt denke ich nicht mehr an meinen Abschied, mir bleibt ja noch die Hälfte!

Ganz liebe Grüße,

Julia

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