Tanzen für die Inklusion

1. Mrz 2017 | von | Kategorie: Danica Helmlinger in Bolivien, Freiwillige 2016/2017

Wie bereits in meinem letzten Blogeintrag angedeutet, möchte ich heute über etwas ganz Besonderes schreiben: Das erste integrative Tanz- und Theaterfestival in Sucre, veranstaltet vom ETI, dem Projekt, in dem ich arbeite.

Das Fest zu veranstalten hatte zwei Hauptzwecke. Zum einen sollten mit dem Gewinn aus den Eintrittskarten für jeden Residenzbewohner Weihnachtsgeschenke besorgt werden können. Weihnachtsgeschenke meint hier allerdings nicht neue Sneakers, Kleider oder gar ein Handy sondern Lebensmittel wie Reis, Zucker, Tee, Speiseöl, Kekse und Schokolade, vor allem letzteres war etwas ganz besonderes für die Beschenkten, da es eben alles andere als alltäglich ist.
Die Mehrheit der Bewohner kommt nämlich vom Land, was hier in Bolivien meistens bedeutet, dort zu leben, wo es weder einen Arzt noch gefestigte Straßen gibt. Der nächste Nachbar lebt häufig auch kilometerweit entfernt. Die Familien der meisten Residenzbewohner sind folglich auch sehr arm und leben von ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Mit dem Lebensmittelkorb, den jeder als Geschenk zum Abschied vor den großen Ferien aus dem Erlös des Festes bekam, sollte den Residenzbewohnern und ihren Familien ein schönes Fest ermöglicht werden.

Das andere Ziel war es, den Menschen in Sucre, von denen ein Großteil vielleicht auch noch nie Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung hatte, zu zeigen, dass diese Menschen genau so wie jeder andere Talente haben, z.B. gut singen oder mitreißend tanzen können, und dass diese Talente so gut sind, dass es sich lohnt, dafür ein Festival zu veranstalten. Und ich kann nur betonen, dass es sich wirklich gelohnt hat! Mit welcher Energie und Kreativität die Kinder und Jugendlichen dabei waren, welchen Mut jeder einzelne hatte, vor einer großen, fremden Menschenmenge zu reden, zu singen oder zu tanzen, das war einfach großartig! Ich war so stolz auf jeden einzelnen Teilnehmer :).
Schon etwa zwei Monate vorher liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Was wird alles aufgeführt? Wo wird das Fest stattfinden? Wer ist für was zuständig? Das waren nur einige der vielen Fragen, die in diesem Zusammenhang aufgetaucht sind.
Jeder Einzelne war nun gefragt. Lehrerin Marcelina, der ich morgens bei der Arbeit mit den Erwachsenen und mittags bei der Hausaufgabenbetreuung helfe, 4 Lehramtsstudenten, die im ETI aushelfen und ich haben uns überlegt, was die Kinder der Hausaufgabenhilfe aufführen könnten. Es fielen Vorschläge wie ein Theaterstück oder einen Tanz, doch schließlich fiel die Entscheidung auf eine Modenschau von Berufen mit recycelten Kostümen. Als goldener Abschluss sollte ein Gruppentanz folgen.
Mit den Erwachsenen, die morgens ins Projekt kommen um verschiedene Handwerklichkeiten wie Schmuckherstellung zu lernen, nähten wir die verschiedenen Kostüme: Ein Feuerwehrmannanzug aus Safttüten und ein Sportleroutfit aus alten Plakaten sind nur ein kleines Beispiel. Jeder der Mitarbeiter im ETI hat mitgeholfen, Plastiktüten oder altes Papier zu sammeln und die Lehrerin Eliana, die für die Nähwerkstatt zuständig ist, hat aus Windelpackungen sogar ein recyceltes Brautkleid genäht!

 

Ich fand es sehr schön zu sehen, wie jeder mit Herzblut auf diese Veranstaltung hingearbeitet hat. Mit einigen Jugendlichen haben wir noch einen afrobolivianischen Tanz eingeübt, bei dem auch ich mittanzen sollte. Jeden Nachmittag haben wir uns dafür auf dem Sportplatz getroffen und getanzt, wobei ich mit dem bolivianischen Rythmusgefühl und der Leidenschaft fürs Tanzen nicht wirklich mithalten konnte 😀

Eine Woche davor bin ich mit ein paar Jugendlichen aus der Residenz losgezogen, um Eintrittskarten zu verkaufen und Passanten zu der Veranstaltung einzuladen, und dann war es auch schon soweit!

Am Mittag schmückten wir die Bühne, brachten die Kostüme und Requisitien an ihren Platz und dann hieß es auch schon umziehen! Wir hatten alle ziemliches Lampenfieber und die Stimmung hinter der Bühne war angespannt. Doch als es dann tatsächlich losging, lockerte sich die Lage. Ein Auftritt folgte dem anderen und schließlich hieß es auch für mich: „auf die Bühne!“. Zwar lief nicht alles wie geplant, eine der Tänzerinnen aus unserer Gruppe konnte nicht zur Veranstaltung kommen, allerdings waren wir danach ziemlich erleichtert und konnten den Rest des Festivals in vollen Zügen genießen.

 

 

Die Kindergartenkinder führten mit ihren Erzieherinnen einen Ententanz auf, eine Schulklasse spielte das Weihnachtsevangelium der Geburt Jesu nach und schließlich folgten die Chuntunquis, ein Tanz, der die Freude der Hirten bei der Nachricht über die Geburt des Gottessohnes immitiert und der in der im Departamento Chuquisaca, dem „Bundesland“ in dem ich lebe, in der Vorweihnachtszeit getanzt wird.
Tatsächlich habe auch ich ein bisschen von den Residenzbewohnern gelernt, wie man Chuntunquis tanzt und ich finde es ist eine sehr schöne und frohe Art, der Geburt Jesu zu gedenken. Ein Residenzbewohner, durch einen Unfall im Rollstuhl, hielt eine Rede in der auch sehr persönliche Gedanken miteinfloßen. Über die neue Situation, das Gefühl des Gefangenseins und der Hilflosigkeit, aber auch über die Stärke und die Hoffnung, die er erfahren durfte.
Als Gäste waren die Ballettschule Sucre und zwei Clowns regionaler Berühmtheit eingeladen, was vor allem den Kindern im Publikum großen Spaß bereitet hat.
Auch wenn die Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hat, hat es sich total gelohnt! Ich hoffe, dass die Zuschauer dadurch aufmerksamer und offener für das Thema Inklusion geworden sind.
Dem ETI, seien es die Kinder, Lehrer oder Therapeutinnen, wird dieses Fest sicher noch lange in guter Erinnerung bleiben 🙂

 

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