Uganda- 11 Dinge die ich sehr mag und 11 Dinge die ich nicht mag

8. Jan 2017 | von | Kategorie: Barbara Menke in Uganda, Freiwillige 2016/2017

Liebe Freunde und Verwandte,

nun bin ich schon seit über 5 Monaten in Uganda und ich denke, dass ich mittlerweile schon eine Bilanz ziehen kann, was ich hier in diesem Land mag und was eher weniger. Hauptsächlich mache ich das nur, weil ich mich einmal so richtig über alles das mich nervt aufregen wollte und mir dachte, dass die Feiertage doch genau richtig dafür sind. Ihr seid alle voll Liebe und Freude über das Fest der Geburt Christi und das neue Jahr und merkt gar nicht, wie ich mich über diese Dinge echauffiere (geschickt, nicht?). Aber auch wenn es hier über 30° C sind, in den Weihnachtspaketen aus Deutschland wurden mir Tannenzweige und Räucherstäbchen geschickt und die verbreiten nun ganz wunderbaren Weihnachtsduft in meinem Zimmer, weshalb ich doch noch in festliche Stimmung gekommen bin. In Gedanken bin ich bei euch allen und auf dem Weihnachtsmarkt, esse dort vegane Crêpes und trinke Punsch (Glühwein war nur dann cool, als man es noch nicht durfte), vermisse die wunderschöne Freiburger Weihnachtsdekoration und Mamas klassische Weihnachtsmusik aus dem Wohnzimmer. Ich danke euch, für all die liebe Weihnachtspost aus der Ferne und hoffe, ihr hattet besinnliche Festtage und einen wunderbaren Start in das Jahr 2017!

Bevor ich aber diese Liste schreibe, möchte ich euch noch auf den neuesten Stand meiner aktuellen Tätigkeit bringen. 🙂 (Übrigens werden die Bilder, die auf dem Kopf sind richtig herum angezeigt, wenn man sie anklickt!) Jetzt in der Trockenzeit haben die Schulen leider geschlossen und es wird erst Anfang Februar weiter gehen, weshalb ich mir eine neue Beschäftigung für diese Wochen suchen musste. Derzeit arbeite ich hauptsächlich sehr viel im Office, wo wir Freiwilligen Tim, Teresa und ich mit den Mitarbeitern einen Reiseführer über Masaka schreiben (man kann Flyer entweder hässlich oder sehr hässlich gestalten, wir mussten wirklich einmal aufräumen dort) und zu Hause arbeite ich an einem Umweltprojekt, das im Mürz gestartet werden soll, wo wir besonders Workshops zur Nachhaltigkeit u.ä. geben und den Menschen erklären, wie sie ihre Lebensmittel lange haltbar machen können. Ansonsten geht es gerade darum, neue Schüler für das kommende Schuljahr anzuwerben (Weiße sind da sehr gut für die Werbung) und sicher zu stellen, dass die bedürftigen Kinder eine Patenschaft bekommen, damit auch sie die Chance haben eine Schule zu besuchen. Dafür fahren wir in die umliegenden Dörfer, reden mit den Eltern und nehmen Namen und Daten der Kinder auf. Heute hat ein Freund von mir, Moses, der hier in Masaka ein eigenes NGO-Projekt aufgebaut hat und bei dem wir immer mal mithelfen, Axel und mich zu einer Schule auf einem Berg gefahren, wo wir uns erst die aktuellen Baustand der neuen Schulgebäude ansahen und dann in die umliegenden Dörfer fuhren, um nach Kindern zu sehen, die eigentlich im Schulalter sind, jedoch keinen Unterricht bekommen. Wir fragten nach Namen und Alter, Verwandten und generellen Lebensstandards und ich bin heute ein Wenig traumatisiert aus diesem Treffen heraus gekommen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir lernten eine Familie kennen, eine blinde Mutter mit neun Kindern, der Vater kam kürzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben, deren Haus beim letzten starken Wind einstürzte. Das Jüngste der Kinder konnte nicht gerettet werden und starb unter dem Schutt, das Haus ist immer noch eine Ruine, denn eine Reparatur kann sich die Mutter nicht leisten. Zwei der Kinder haben einen aufgeblähten Hungerbauch, fast die Hälfte ist HIV-positiv. Wir wollen diese Kinder zur Schule schicken und wenn Moses und seine Mitarbeiter Sponsoren finden wird dies auch möglich sein. Er war die letzten Jahre so erfolgreich, dass die Bergschule gerade sogar ausgebaut wird, mit Schlafsälen für die Schüler und einer Küche (heute habe ich mein erstes Mahl über offenem Feuer auf Stöcken zubereitet. Es gab -Überraschung- braune Bohnen).

Dies alles sind Erfahrungen für die ich unendlich dankbar bin, denn sie zeigen mir, was so ein Auslandsjahr doch bewirken kann, es zeigt mir, dass jede Kleinigkeit zählt, dass wir zählen und dass ich dankbar sein kann für alles, das ich in meinem zu Hause in Deutschland habe.

Moses und die Kinder vor ihrem eingestürzten Haus

Moses und die Kinder vor ihrem eingestürzten Haus

Unsere Schüler für das kommende Schuljahr. Fünf von fünf benötigen eine Patenschaft.

Unsere Schüler für das kommende Schuljahr. Fünf von fünf benötigen eine Patenschaft.

Dinge die ich sehr mag:

  • Meine Arbeit. Wir schreiben irgendeinen Abend vorletzter Woche und es ist wieder einmal Stromausfall, weshalb ich nicht meinem gewohnten Internetkonsum nachgehen und mir Blogs über leckere vegane Gerichte durchlesen kann, und so überkommt mich eine kreative Phase und ich bin plötzlich motiviert, Arbeitsblätter für 25 Kinder per Hand zu schreiben. Der Plan ist, einfach einen Wiederholungstest des Stoffs der letzten Stunde zu schreiben, was ich schon nach ungefähr zwei Stunden mühevoller Arbeit zu tiefst bereue, als ich noch nicht einmal die Hälfte fertig habe. Aber so einen Luxus wie Kopierer oder gar Overheadprojektoren gibt es auf den Dörfern Ugandas eher nicht und so habe ich die begonnenen Arbeit tatsächlich irgendwann spät in der Nacht noch zu Ende geführt. Am nächsten Tag bin ich dann spontan zur Schule nach Kayijja gefahren (dort, wo ich Science unterrichte) und als ich so überraschend im Türrahmen meiner Klasse Primary 5 stand wurden ihre Augen riesengroß, die Schüler riefen laut „Yes!“ und einige gaben sich ein High-Five. Das war denke ich mein bisher schönster Moment in Uganda, denn diese große Freude über meinen Besuch zeigte mir nicht nur, dass die Kinder meinen Unterricht mögen und sogar etwas dabei lernen, sondern dass sie es auch gerne tun. Die Meisten erinnerten sich auch noch an den Großteil aus der letzten Stunde (es ging um das Immunsystem, mein Lieblingsthema), einige erreichten sogar die volle Punktzahl und das machte mich unfassbar stolz. Auch beim Patenschaftsprojekt machen wir große Fortschritte. Wir konnten ein paar Schulgebäude ausbauen, bzw. sogar eine ganz neue sanitäre Einrichtung bauen und weitere Kinder zur Schule schicken. Es ist wunderbar, diesen Fortschritt selbst mitzuerleben und es macht mich, wenn ich nicht gerade wieder Malaria habe, wirklich täglich glücklich hier zu sein.

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Natürlich musste ich ein Foto meiner Arbeit machen und nach Hause schicken 😀

  • Feiertage. Da in Uganda Weihnachten erst am 25. gefeiert wird war der 24. hier tatsächlich ein ganz gewöhnlicher Tag, was wir deutschen Freiwilligen so nicht wirklich auf uns sitzen lassen konnten, da wir den Heiligen Abend schon den Tag davor im Blut hatten und so sind wir daher gemeinsam Essen gegangen und haben versucht auch bei 33° C ein bisschen festlich zu sein. Das eigentliche Weihnachtsfest habe ich zusammen mit den neuen Freiwilligen Teresa und Tim in einem Waisenhaus, dem „Motherhouse“ in Masaka gefeiert. Wir bekamen ein großartiges Buffet mit traditionellem Weihnachtsessen und die Kinder haben für und mit uns Gesungen, Getanzt und auf Trommeln gespielt. Wegen der Klimaerwärmung blieb der sonst für Weihnachten typische Regen in Uganda aus, weil sich die gesamte Regenzeit verschoben hat, aber wir hatten auch bei über 30° C sehr viel Freude mit den vielen liebenswerten und unfassbar süßen Kindern. Es war wirklich schön, wenn auch sehr anders.

Zwei Mädchen aus dem Kinderheim, die Mütze bringt weihnachtlichen Spaß

Zwei Mädchen aus dem Kinderheim, die Mütze bringt weihnachtlichen Spaß

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Bilou und die fast passende Weihnachtsmütze 🙂

  • Über Silvester bin ich mit den Eirene-Freiwilligen, Teresa der Eine-Welt-Freiwilligen und Tim dem Opam-Freiwilligen an den Lake Bunyonyi in den Südwesten Ugandas, an der Grenze zu Ruanda und dem Kongo, gefahren, wo wir elf fünf großartige Tage auf einem Steg am See verbracht haben. Die nächste größere Stadt heißt Kabale und sieht aus wie die Kulisse für einen Westernfilm. Auch die Gegend um den See herum ist die Schönste, die ich bisher in Uganda sah! Wirklich, es ist atemberaubend! In der Nacht vom 31. auf den 1. wurden wir mit einem Motorboot auf Toms Island (der Originalname heißt „Insel der 100 Vögel“ oder so ähnlich) gebracht und bekamen dort von den Einheimischen eine Führung über die Insel mit anschließendem Buffet und BBQ für die Fleischesser unter uns (es gab Ziege). Bis Mitternacht wurden dann Spiele mit den anderen dort anwesenden Gruppen aus Italien, Frankreich und Ruanda gespielt (tatsächlich gewannen wir die Meisten, gerade bei Strategiespielen kommt niemand gegen die deutsche Genauigkeit an) und um kurz nach elf fuhren wir dann mit Kanus auf den See hinaus. Überall schwammen Kerzen auf dem Wasser und wir Kanus ordneten uns in einer kreisförmigen Formation an, um dann Punkt Mitternacht eine Flasche Sekt herumzugeben, uns in die Arme zu fallen und dann in den See zu springen. Wir haben selten so ein romantisches Silvester gefeiert. 😀
Sonnenuntergang auf den Kanus

Sonnenuntergang auf den Kanus

"Gegend, viel Gegend!" (Aussicht von unserem Hotel aus)

"Gegend, viel Gegend!" (Aussicht von unserem Hotel aus)

  • The African Spirit. Viel mehr als in Europa, haben die Ugander das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrem Kontinent Afrika. Die Musik die sie spielen (Reggae), die Lieder die sie singen und die Gedichte die sie schreiben, alles beschreibt den ganzen Kontinent, nicht ein kleines Land darin. Die Einheimischen begrüßen uns mit „Welcome to Afrika“, „How do you like Afrika“ und „Is it your first time in Afrika“ und berichten mit leuchtenden Augen von der Schönheit Afrikas. Die Schönheit in Uganda kann ich auf jeden Fall schon bestätigen, Kenia, Ruanda und Tansania auch bald und mehr wird sich hoffentlich noch ergeben. Deshalb haben wir denke ich auch so viele allgemeine Stereotypen die Afrika betreffen und so Wenige über Europa, weil hier die Zusammengehörigkeit viel mehr über den Kontinent verteilt ist und meiner Erfahrung nach auch wirklich viele Leute so sind wie in unserer Vorstellung. Wenn ich mich mal locker mache und entspanne kommt immer irgendein gut gelaunter Ugander vorbei und beglückwünscht mich mit: „Yes, that’s the African Spirit“ (Ja, das ist der Geist Afrikas).
  • Ein typisches Bild? Ja, vielleicht. Trotzdem super? Auf jeden Fall! (Aufgenommen in der Nähe Ngogwes am Viktoriasee)

    Ein typisches Bild? Ja, vielleicht. Trotzdem super? Auf jeden Fall! (Aufgenommen in der Nähe Ngogwes am Viktoriasee)

  • Die Natur. Ohne zu Übertreiben kann ich sagen, dass ich die Natur Ugandas sehr viel schöner finde, als alles, das ich bisher in Deutschland und Europa sah. Die Farben sind wunderschön, die Größe der Pflanzen überwältigend und der üppige Wachstum des Regenwaldes majestätisch, wie wir es uns mit unseren „kleinen“ Misch- und Nadelwäldern kaum vorstellen können. Steht man zwischen Schlingpflanzen und Akazien kommt man sich so winzig vor. Ich liebe es, Spaziergänge zwischen den Kaffee- und Bananenplantagen zu machen und Axel, Tim und ich laufen mittlerweile immer von der Stadt zurück anstatt ein Boda zu nehmen, damit wir die Aussicht über das Tal unterhalb unseres Berges genießen können. Uganda ist wirklich unfassbar grün und im Kontrast zu den roten Straßen ergibt das eine Farbenpracht, von der man nie genug sehen kann. Zudem ist immer gutes Wetter. 😀
  • Der Regenwald in Ngogwe. Ich fühlte mich selten so winzig!

    Der Regenwald in Ngogwe. Ich fühlte mich selten so winzig.

  • Auf den Buvuma-Islands am Viktoriasee

    Auf den Buvuma-Islands am Viktoriasee im Napoleon Golf

  • Grassroots. Das Grassroots ist ein kleines Café in der Stadtmitte von Masaka Town, das vegane und vegetarische Gerichte anbietet und ich bin dort quasi eingezogen. Da es sogar WLAN gibt, erledige ich dort nahezu die gesamte Büroarbeit bei einem Grünen Smoothie und ein bisschen Guacamole. Wer hätte gedacht, dass ich so ein Stück des grünen Freiburgs inmitten von Uganda finden würde.. Ich könnte mich dort jedenfalls wohler nicht fühlen und auch alle anderen Freiwilligen wurden von mir schon dorthin verschleppt (alles nur zu ihrem Besten natürlich) und haben das Café kennen und lieben gelernt.
  • Freundlichkeit und Offenheit der Menschen. Es passiert nicht selten, dass ich irgendwo auf den Straßen Masakas unterwegs bin und mir plötzlich ein strahlender Ugander entgegenrennt, meinen Namen ruft und mich fragt, wie Dies und Das läuft und ich einfach überhaupt keinen Schimmer habe, wer das ist. Weil die Ugander einfach so unfassbar freundlich und offen sind, komme ich täglich mit wirklich SO vielen neuen Leuten in Kontakt, die ganzen Gesichter kann ich mir einfach nicht merken. Meistens fällt das auch gar nicht auf, weil ich einfach breit zurück grinse und frage, wie „Stuff“ so läuft und mein Gegenüber direkt zu erzählen beginnt und ich mich dann Meistens wieder erinnere.. Unangenehm wird es erst, wenn ich mich erneut jemandem vorstelle und nach seinem Namen frage und er mich daran erinnern muss, dass wir uns schon zuvor trafen und einander vorgestellt wurden. (Zitat Axel, gestern: „Gut dass du diese Peinlichkeit auf dich nehmen musstest, ich hatte auch kein Ahnung mehr wer das ist, bis er es dir wieder gesagt hat“.) Aber neben meiner Unfähigkeit, mir Gesichter zu merken, bringt diese Freundlichkeit unglaublich viele Vorteile, egal was ich meine einheimischen Freunde frage, sie sind für alles begeisterungsfähig und immer mit dabei.
  • Die große Gastfreundschaft. An einem verlängerten Wochenende habe ich mich mit den Eirene-Freiwilligen in Ngogwe getroffen, wo wir in einem Projekt namens YARD unterkamen und einer der runden Lehmhütten mit Reetdach nächtigten durften. Alle Mitarbeiter des Projektes waren unheimlich freundlich, luden uns stets zum Essen ein, und setzten sich abends mit uns ans Lagerfeuer, machten laute Reggea Musik an und zwangen uns, mit ihnen zu tanzen. 😀 Wie selbstverständlich fuhr uns einer an einem Tag an den Viktoriasee zur der Busisi-Fähre, diese bringt die Bewohner des Festlandes umsonst auf die nächste Insel und holt sie abends nach getaner Arbeit wieder ab. Wir sind mit aufgesprungen und hatten mit den Einheimischen einen ganz wunderbaren Tag auf der grünen Insel, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kannten und sie auch nur eher spärliches Englisch sprachen.
  • Rosanna, Anna und ich am Ufer des Lake Victoria

    Rosanna, Anna und ich am Ufer des Lake Victoria

    Aussicht von der Busisi-Fähre auf die Landzunge der Insel

    Aussicht von der Busisi-Fähre auf die Landzunge der Insel

  • Doch nicht nur dort, egal, wo ich hinkomme, ich werde mit einer selbstverständlichen Freundlichkeit und Liebe empfangen, die in Deutschland vermutlich sogar eher fremd wäre. Einmal begleitete ich eines der Mädchen mit nach Hause in den Slum Nyendos. Die winzige Backsteinhütte hatte nur ein Zimmer in welchem sich das ganze Leben abspielt und auch nur einen Stuhl, welcher für Gäste ist, denn es ist unhöflich, diese auf dem Boden sitzen zu lassen. Auch wenn mir das unangenehm auf höchster Stufe war, saß ich nun als Einzige auf einem Stuhl und die ganze aufgeregte Familie mit großen Augen um mich herum, in der Erwartung, ich würde gleich irgendetwas besonders Außergewöhnliches machen, weil ich nun mal weiß bin. Es kann aber auch etwas nervig sein, wenn wir beispielsweise in der Schule nicht mit den Lehrern draußen aus Plastikschüsseln essen, sondern richtiges Geschirr bekommen und an den Tisch des Direktors gesetzt werden und niemand verstehen kann, warum wir das gar nicht möchten (weil wir sind ja weiß und das gewohnt und so weiter). Trotzdem schafft es die selbstverständliche Gastfreundschaft Ugandas gegenüber Fremden und Reisenden, dass man sich in diesem Land einfach nur wohl fühlen kann.

  • African Time. In Deutschland war ich bekannt als die, die stets zehn Minuten zu spät kommt (Einige Freundinnen, Laetitia, Amelie und Felicitas, haben irgendwann angefangen, mir falsche Zeiten für unsere Treffen zu nennen, damit ich am Ende pünktlich da bin, sehr raffiniert). Hier bin ich dafür bekannt, die deutsche Pünktlichkeit in Person zu sein und immer schon an Ort und Stelle zu stehen, wenn ein Treffen verabredet war. Das liegt aber einfach nur daran, dass die Einheimischen noch viel mehr zu spät kommen und nie wissen können, seit wann ich schon warte. Und das ist großartig! 😀 So kann ich in meinem Zehn-Minuten-zu-spät-Modus bleiben und trotzdem jedes Mal noch pünktlich sein. (Zitat Papa: „Du darfst alle guten Eigenschaften aus Uganda mitnehmen, nur das mit der Zeit bitte nicht, dann tauchst du hier wahrscheinlich gar nicht mehr auf“.) Ich muss sogar zugeben, dass mich das Zu-spät-Kommen der Ugander ab einer Stunde dann auch nervt. In der Sprachschule habe ich aber gelernt, dass elf Uhr noch bis elf Uhr neunundfünfzig ist und man bei einem verabredetem Treffen um elf erst um zwölf Uhr eins zu spät ist, deshalb darf ich mich auch nicht beschweren..

  • Die Tradition. Uganda ist voll von Traditionen. So läuft alles gleich ab und folgt dem selben Schema, Hochzeiten, Jubiläen, Beerdigungen, Taufen, bist du auf einer gewesen, bist du auf allen gewesen. Dazu kommen hunderte von kleinen Bräuchen die sich stets wiederholen. Am Liebsten mag ich die Trommelinszenierungen und traditionellen Tänze, die an orientalische Bauchtänze, nur in unfassbar viel schneller, erinnern. Die Ugander haben schon versucht, mir einige dieser Dinge beizubringen, aber ich bin noch eher am Scheitern. Zurück in Deutschland werde ich euch dann alle mit meinen neuerworbenen Künsten vom Hocker werfen, ich habe ja noch sieben Monate Zeit zu üben. 😉
  • "Bodenverdichtungsmaßnahme".)

    Auf einer Hochzeit wird der traditionelle Tanz Ugandas aufgeführt (Zitat Tim: "Bodenverdichtungsmaßnahme".)

  • Boda-Boda Fahrten. Egal ob lang oder kurz, ich liebe Boda fahren und ich genieße es jedes Mal. Auch wenn ich natürlich nicht selbst fahren darf, spüre ich doch den Wind durch meine Haare streifen und die Sonne auf meiner Haut brennen, die vom Fahrtwind abgekühlt wird. Meine liebste Zeit sind die Dämmerung und der frühe Morgen, wenn der Tag gerade anbricht und nach frischem Gras und Tau riecht oder abends, wenn er zu Ende geht und alles in eine ganz neue Atmosphäre getaucht wird. Die Lichter gehen an, die Stimmung verändert sich (wird abends meistens noch besser) und dann eine gute Fahrt über die Hügel der Stadt mit Blick auf die Lichter Masakas – versucht das zu Steigern! 🙂 Was ich auch wirklich gut finde, sind Fahrten auf der Ladefläche eines Trucks. Nur drei Plätze aber zwölf Leute? Kein Problem, es gibt ja eine Ladefläche, da passen auch zwanzig Personen drauf, man muss nur richtig Stapeln können. Auch unsere Fahrt zum Lake Bunyonyi war eher abenteuerlich -elf Leute in einem 5-Sitzer. Über vier Stunden lang. Bei solchen Fahrten fühle ich mich dann stets wie der maximale Afrika-Trekker, der in tarnfarbener Kleidung die tiefe Wildnis erkundet (nur ohne die tarnfarbene Kleidung und ohne die Erkundung, aber der Berg auf dem wir heute unterwegs waren zählt sicher als Wildnis, es gab grüne Kobras).
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Ein Boda, Vier Leute? Auf jeden Fall kein Problem! 😀

  • Meine Katze. Vor einigen Wochen hat mir Father Edward ein kleines Kätzchen geschenkt, das kaum größer war als meine Hand. Sie heißt Lilli und macht hier alles besser. Sie ist niedlich und neugierig und hat schon mein ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt. Außerdem folgt sie mir über das Gelände auf Schritt und Tritt, Miaut laut wenn ich nicht mehr in Sichtweite bin und ist mit ein Grund dafür, wenn ich zu spät komme, weil sie auf meinem Schoß eingeschlafen ist und ich sie nicht wecken möchte. Gerade Zahnt sie noch und hat daher größte Freude daran, meine Gegenstände, Kleider, Arme und Beine nicht nur zu Zerkratzen sondern auch zu Zerbeißen. (Aber ihre großen Kulleraugen machen alles wieder gut!)

Dinge die ich nicht mag:

  • Posho and Beans. Dies ist ein ugandisches Gericht, das einfach nur Maismatsche, die zu einem Einheitsbrei verrührt wurde, gemischt mit braunen Bohnen, enthält und welches es jeden (!) Tag in den Schulen und dem Kindergarten zum Mittagessen gibt. Wenn gerade die Season dafür ist, peppen sie es mit einer Avocado oder Tomate auf, ansonsten hilft nur ganz viel Salz um irgendeinen Geschmack herzustellen. Abends gibt es bei mir jeden Tag Matooke (Pampe aus Kochbananen, ersetzt hier die Funktion der Kartoffel bei uns), Maniok (eine Wurzel) und Dodo (Grünzeug, dass wahllos im Garten gerupft wurde, wird auch liebevoll einfach „weed“ (=Unkraut) genannt). Ihr seht also, kulinarisch hat Uganda der deutschen Küche gar nichts zu bieten! 😛
  • Wasser- und Stromausfälle. Ich hatte keine Ahnung, für was ich alles Wasser brauche, bis ich keines mehr hatte. Kochen, Trinken, Duschen, Waschen, Spülen, Zähne putzen, Hände waschen oder einfach mal die Toilette abspülen, ohne Wasser geht gar nichts mehr! Und ich muss mit meinem Eimer und meinem gelben Einheitskanister erst einen Hügel hinab steigen um Wasser aus dem Auffangbecken zu holen und selbst das geht nicht immer. Warm geduscht habe ich seit Deutschland nicht mehr, aber mittlerweile habe ich mich wirklich gut an den Eimer gewöhnt. Es funktioniert und das zählt. Seit mehreren Wochen habe ich chronischen Wasserausfall und das Wasser wird wohl auch eher nicht wiederkommen. Auch Strom ist hier nur dann da, wenn nicht irgendwelche wichtigen Leute gerade beschlossen haben, der gesamten Stadt den Strom abzustellen oder wieder einmal eine Palme auf die Stromleitungen gefallen ist. Weil der Strom so häufig ausfiel und mein Handy tatsächlich aus war, wenn die Akku leer ging, habe ich mir hier eine PowerBank gekauft, jedoch besitzt diese den ugandischen Elektronikstandart und war nach einer Woche kaputt. Aber dadurch, dass ich einer höheren Macht wegen nicht ständig an meinem Handy oder Laptop erreichbar sein kann, habe ich begonnen wieder unfassbar viel zu lesen, was wirklich gut tut.
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Da seid ihr neidisch was? Wer will nicht an Weihnachten bisschen Wäsche mit der Hand waschen? 😀

Ein kleiner Junge teilt sich mit uns Christians Wasserstelle in Ngogwe

Ein kleiner Junge teilt sich mit uns Christians Wasserstelle in Ngogwe

  • Dass Schmatzen ein Ausdruck von Höflichkeit ist. Je lauter, desto besser! Ich bin einer jener Menschen, die es schrecklich finden neben Personen zu sitzen die Schmatzen, laut Kauen oder auch nur zu laut Atmen. Und es ist jeden einzelnen Tag eine neue Zerreißprobe für mich, nicht unbemerkt irgendetwas unter dem Tisch kaputt zu machen, um meine, durch diesen Geräuschpegel ausgelöste, Anspannung loszuwerden. Diese für meine Ohren und Ausgeglichenheit schmerzhafte Erfahrung, die ich hier ein Jahr lang machen werde, dürfte Balsam für Mamas Seele sein, die mich immer zur Therapie schicken wollte, wenn ich mich über zu laute Geräusche am Esstisch aufgeregt habe. Liebe Frau Mutter, das hier ist Therapie genug für mich! Am Schlimmsten wird dieses Geräusch übrigens, wenn die Priester und Gäste Fleisch genießen. Einmal wollte ich dagegen vorgehen und dabei ergab sich folgendes Gespräch:
Ich: „Ist es denn wirklich nötig, dass es hier so gut wie jeden Tag Fleisch zu den Mahlzeiten gibt?“
Father Stew: „Aber es gibt doch nur einmal die Woche Fleisch!“
Father Paul: „Ja, an den anderen Tagen gibt es Hühnchen oder Fisch.“
Ich: „Und Huhn ist kein Tier oder wie?“
Father Paul: „Nein, das ist Geflügel. Vögel gehören nicht dazu.“
Ich habe erst einmal verdutzt nachfragen müssen, ob man denn in Uganda im Biologie Unterricht nie die sieben TIER-Klassen durchnimmt, zu denen doch auch unsere lieben Vögel gehören. Tatsächlich nicht. Immerhin weiß ich jetzt, was ich nun nach den Ferien als Erstes unterrichten werde..
Father Edward zum Abschluss: „Jetzt fehlt nur noch, dass du uns erzählen willst, dass du auch keine Grashüpfer isst, weil das Insekten sind und du die zu Tieren zählst.“
  • Die Straßen und der Verkehr. Die Straße die zu einer meiner Schulen führt wird liebevoll „Discoroad“ genannt, weil man während der Fahrt so richtig schön durchgeschüttelt wird. Schlaglöcher so tief wie Kraterspalten, Schlammlachen und Felsbrocken die den Weg versperren sind alltägliche Hindernisse, bei starkem Regen ist sie nicht befahrbar. Nebenbei ist die Masakaroad, die Straße, die die Autos, Matatus und Busse von Kampala nach Masaka führt, die „tödlichste Straße der Welt“. Aber das liegt hier an den Unfällen und nicht der Beschaffenheit der Straßenoberfläche, denn der Verkehr ist wirklich grausam. Es gibt hier und da ein paar Ampeln in größeren Städten, aber die werden flächendeckend und mit offensichtlichem Einverständnis der Polizei in ganz Uganda ignoriert. Sicherheit wird auch eher klein geschrieben. Dass man sich nicht Anschnallt erwähnte ich ja bereits in einem der ersten Einträge, mittlerweile bin ich aber nicht nur bei Ben, sondern auch schon mit Einheimischen im Auto mitgefahren und das war gar keine Freude mehr. Sie fahren wie die gesengte Sau durch die Innenstadt, Rücksicht auf Passanten wird eher nicht genommen und Gehupt wird jedes Mal, wenn es ein anderes Transportmittel wagt, auf der selben Straße unterwegs zu sein (also tendenziell immer). Einmal ist ein anderes Boda so nah an mich heran gefahren, dass es mein Bein streifte und verbrannte, die Brandblase ist auch immer noch nicht ganz verheilt. Auch sind die Fahrer nicht immer nüchtern oder clear, daher komme ich den Leuten beim Verhandeln um den Preis immer etwas näher um zu riechen, ob sie eine Fahne haben oder noch gut gerade stehen können. 😀 Mein neuer Nachbar Tim hat mich anfangs auch gefragt, ob es Teil der Prüfung zum Dasein als Matatufahrer sei, wie man möglichst riskante Überholmanöver fährt und wie man mit nur einer Hand lenkt, um mit der anderen gleichzeitig ein Handy zu bedienen. Es geht ja nur um das Leben von so zwanzig Personen..
Kampala

Kampala

  • „Ooh, sorry!“ In Uganda ist es üblich, sich für alles zu entschuldigen. Ganz gleich, ob man selbst etwas verbrochen oder überhaupt nichts damit zu tun hatte. Fällt also eine Person neben dir hin, hilfst du ihr nicht auf oder fragst, ob sie sich wehgetan hat, nein nein, du schaust sie mitleidig an, sagst „ooh, sorry!“ und wartest, bis die Person selber wieder aufgestanden ist (ist mir natürlich noch nicht passiert, war auch gar nicht peinlich). Aber egal ob du dir einen Fleck Ketchup auf dein T-Shirt gekleckert hast oder erzählst, dass deine Schwester gestorben ist, die Reaktion ist immer „ooh, sorry“ und mittlerweile kann ich das gar nicht mehr hören, weil es für mich so die unpersönlichste Reaktion geworden ist, die man auf etwas haben kann. Schlimmer noch als „Kale“ (=okay, fine) für das mich meine Freunde in Deutschland schon zu hassen angefangen haben. Sie erzählen mir eine emotionale Geschichte aus ihrem Leben und ich antworte mit „kale“, einfach weil das in Uganda die Antwort auf absolut alles ist.. Ich bin aber schon am Abgewöhnen dran. 😀
  • Mosquitos. Nicht nur, dass sie mit ihrer Anwesenheit ab der Dämmerung jeden noch so schönen Abend stören, sie sind auch unfassbar laut, sodass ich wirklich nicht schlafen kann, wenn sich auch nur Eine in meinem Zimmer befindet. In Masaka Town hat jemand folgenden, sehr passenden Spruch auf eine Mauer gesprayt: When you think you are too small to make a difference, you have never spent a night with a mosquito (Wenn du denkst, du seist zu klein um einen Unterschied zu machen, hast du noch nie eine Nacht mit einem Mosquito verbracht). Diesen Satz würde ich so unterschreiben, letzten Monat hat mir eine der Stechmücken tatsächlich Malaria gebracht und sich und ihre ganze Sippe so nicht gerade sehr beliebt bei mir gemacht. Anfangs hielt ich es für eine gewöhnliche Grippe, als jedoch auch Fieber hinzu kam, kam mir die Sache dann verdächtig vor. Ich ließ mich also in der nächsten Klinik auf Malaria testen und als der Test positiv ausfiel, fuhr mich Father Paul, einer der Priester mit denen ich zusammen wohne, in das örtliche Krankenhaus für die Behandlung. Wer dieses Fieberthermometer schon alles vor mir im Mund hatte möchte ich nicht wissen (auch das zweite und dritte nicht, die haben alle nicht funktioniert), aber ich habe danach nachgelesen was man sich wohl für Krankheiten über Speichel holen kann und das sind alles keine Schlimmen. Weil ich bei meinen Sozialpraktika im St. Josefs Krankenhaus in Freiburg gelernt habe, wie man richtig Blutdruck und Puls misst, durfte ich das selbst machen und meine eigenen Krankenakte ausfüllen, hat Spaß gemacht. Dr. Maura Lynch, eine irische Ärztin die seit 49 Jahren in Uganda arbeitet, hat mir die passenden Medikamente gegeben und nach weniger als einer Woche war ich schon wieder gesund. Ich hatte auch Glück, dass ich vorher täglich eine Prophylaxe eingenommen habe, denn so wurde ein großer Ausbruch der Erkrankung von vorneherein verhindert und meine Malaria verlief wirklich erträglich. Drei Wochen später hatte ich allerdings noch eine zweite Malaria und weil mein Immunsystem das nicht erwartet hatte, war der zweite Ausbruch der Krankheit gar kein Spaß mehr. Ich hatte auch die Prophylaxe abgesetzt und diesmal so die volle Wucht Malaria abbekommen (und Dr. Maura hatte Urlaub). Ich hasse Mücken.
  • Die Erwartungshaltung an den „reichen“ Weißen. Hier könnte ich so viele Beispiel aufzählen, das ist eigentlich wirklich sehr traurig. Es beginnt mit den Straßenkindern Masakas (die mittlerweile alle meinen Namen wissen, die Ankunft eines neuen Weißen verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Manchmal laufe ich durch die Stadt und plötzlich rennen mir einige Kinder hinterher und rufen „Hey Barbara, how are you?“ und strecken mir ihre kleinen Händchen entgegen und ich habe diese Kinder noch nie zuvor gesehen) und endet mit armen Erwachsenen, die zu mir kommen und mich fragen, ob ich nicht ihr Sponsor werden möchte. Einer dieser Menschen ist Hamidu, der mich in der Kirche ansprach, ob ich etwas Zeit für mich hätte, er würde gerne mit mir sprechen. Natürlich setzte ich mich zu ihm und hörte mir an, was er zu erzählen hatte (eine tragische Geschichte, bei der ich nicht ganz sicher bin, ob wirklich alles stimmt) und lud ihn am Ende sogar zu mir ein, damit er etwas Essen und Trinken konnte. Ich gab ihm Namen und Telefonnummern von Menschen, an die er sich wenden konnte und hoffte, dass es ihm bald besser gehen würde. Von da an kam Hamidu andauernd vorbei, wenn ich nicht da war hinterließ er Briefe und er erwartete immer mehr von mir. Was noch mit der Hoffnung auf Schulgeld begann, endete bald in der Hoffnung, ich könnte ihn nach Deutschland bringen. Dies ist nur eine von vielen Geschichten, wo Einheimische viel zu viel von uns Weißen erwarten und das macht mich wirklich traurig. Spreche ich sie darauf an, erzählen sie mir, dass sie denken, wir würden alle in Geld schwimmen und in Europa gäbe es keine Armut. Erzähle ich ihnen, dass auch bei uns Menschen in Armut oder auf der Straße leben werden ihre Augen groß und rechne ich ihnen vor, was es sie so ungefähr kosten würde nach Deutschland zu gehen, verschlägt es ihnen vollkommen die Sprache. Bis sie auf die Idee kommen, dass ja auch ich sie einfach dorthin bringen könnte, ich habe ja ein Zimmer dort und sicher auch genug Geld. Genauso die Bodafahrer. Mir wurde noch nie ein fairer Preis angeboten, den ich nicht erhandelt habe, sie verlangen beim ersten Fragen immer viel zu viel von mir. Egal ob bei Transportmitteln, auf Märkten oder als fliegender Händler, mit den (Touri-)Weißen macht man in Uganda einfach die besten Geschäfte!
Matooke-Markt

Matooke-Markt

  • Die Latrinen. Wer hasst sie nicht, diese kleinen, übelriechenden Öffnungen im Boden. Hier reicht es wirklich irgendwo in der Nähe (oder auch nicht in der Nähe, ganz egal) des eigentlichen Gebäudes ein Loch zu graben und ein paar Stöcke drumherum zu stellen und man darf dieses Örtchen Latrine nennen. Meist von Kakerlaken besiedelt (das ist mein Ernst, und die Tiere können fliegen!) eher unattraktiv für penible Personen wie mich, und besonders im Dunkeln sowieso unbetretbar. Leider ist dies sowohl in den Schulen und dem Kindergarten, als auch in den meisten Restaurants und Bars die einzige Möglichkeit für einen „short call“ (kurzen Anruf =Toilettengang) fortzugehen und deshalb habe ich mir jetzt Gummistiefel besorgt, mit denen ich dann tapfer dorthin stapfen kann.
  • Dass man beim Gehen nicht Essen darf. Es wird als unhöflich empfunden, wenn die Mahlzeit nicht genossen, sondern schnell heruntergeschlungen wird. So verspeisen die Einheimischen alles im Sitzen oder Stehen, sogar ihre Rolex (rolled-eggs), welche ja eigentlich zum Mitnehmen gemacht ist. Diese Regel der Höflichkeit breche ich aber nahezu täglich, weil ich jeden Morgen genau so aufstehe, dass ich gerade noch Zeit habe, mir ein Toast zu machen und dies dann hektisch auf dem Weg zur Arbeit auf die Hand zu essen. So fange ich mir morgens erst einmal ein paar böse Blicke der vorbeikommenden Passanten ein, bevor ich dann wieder in die fröhlichen und lachenden Gesichter der Schüler blicken kann. Doch nicht nur aus Höflichkeit wird dieses Verhalten verpönt, ein Einheimischer erzählte mir, dass hungernde Menschen auf der Straße einen noch größeren Hunger bekommen, wenn sie essende Passanten vorbeieilen sehen.
Unser Rolex-Dealer in Kabale. Wir haben ihn reich gemacht!

Unser Rolex-Dealer in Kabale. Wir haben ihn reich gemacht!

  • Die deutsche Grammatik. Ab und zu Unterrichte ich an meiner Nachbarschule The Archbishops School Deutsch. Das gehört nicht zu meiner regelmäßigen Tätigkeit, ich helfe nur aus, wenn ich gerade gebraucht werde. Und versteht das nicht falsch, ich mag nicht die Grammatik an sich nicht, ich bin in Deutsch in der Schule immer gut gewesen und meine Freunde in Deutschland und vor Ort nennen mich liebevoll „Grammatik-Nazi“ (kurze Anmerkung an all diese: Wenn ich euch verbessere tue ich das für euch, nicht für mich 🙂 ), aber diese zu unterrichten bringt gar nicht mal so viel Spaß. Wenn ich die Schüler hier die einzelnen Wörter durchdeklinieren lasse, bin ich doch froh, dass mein lieber Herr Vater so manche Nacht lange wach geblieben ist, um mit mir für Latein die einzelnen Deklinationsklassen zu lernen, das ganze Grammatikzeugs aus dem Lateinunterricht bringt mir jetzt tatsächlich doch endlich noch etwas. Ich muss sagen, ich war noch nie besser darin, gebeugte Personalpronomen oder Relativsätze zu erklären, aber trotzdem würde ich Deutsch nicht als Fremdsprache lernen wollen. Wir haben wirklich so viele Fälle, Regeln und dann aber auch immer irgendwelche unsinnigen Ausnahmen, sodass man einfach keine Merksätze aufstellen kann, die immer für alles gelten können!
  • Die Bürokratie. Wie meine weise Mutter voraussehen konnte, bin ich in Uganda mit einer offenen Handtasche herumgelaufen und habe mir so nicht nur das Handy entwenden lassen, sondern kurz vor Weihnachten auch den Geldbeutel verloren. Darin befanden sich, neben sehr viel Geld da ich gerade vom Automaten kam, so ziemlich alle wichtigen Dokumente und so hatte ich die schöne Aufgabe, mich erneut mit der ugandischen Bürokratie auseinanderzusetzten. Nach einem kurzen Anruf in Deutschland, um meine Kreditkarte sperren zu lassen (Zitat der Dame am Apparat: „Sie klingen aber ganz schön fröhlich für jemanden, der gerade seine Karte verloren hat..“ -die ugandische Gelassenheit tut mir offenbar gut!) ging ich also nach einer Woche Prokrastination zur Polizei, nach meiner letzten Erfahrung auf dem Revier hatte ich keine Eile was dies anging, und wollte meinen Verlust zu Protokoll geben. Dabei ergab sich folgendes Gespräch:
Ich: „Guten Tag, ich habe meinen Geldbeutel verloren oder er wurde mir geklaut und ich würde gerne den Verlust eines offiziellen Dokuments zu Protokoll geben.“
Polizeibeamtin: „War etwas Bedeutendes im Gelbeutel?“
Ich: „Ja, ein offizielles Dokument.“
Sie: „Ist das wertvoll?“
Ich: „Nicht wirklich, aber wichtig.“
Sie: „Aha. Wenn es nicht wertvoll ist, kannst du bitte morgen wieder kommen, ich wollte gerade ein bisschen Pause machen.“
  • So viel also dazu. Da die Beamtin keine Lust hatte, sich meines Verlustes anzunehmen, wandte ich mich also an einen der männlichen Polizisten, die mich die ganze Zeit anstarrten und nach einem kurzen Check, ob ich schon verheiratet bin, nahm er sich dann gerne Zeit für mich. So schnell wie noch nie hier bekam ich meine Unterlagen, direkt neben den Stempel auf dem Verlustdokument auch die Handynummer des Beamten und als uns der Polizeipräsident sah, auch noch seine Unterschrift darunter. Mit diesem Dokument fuhr ich dann nach Kampala zum Immigration Office, um mir eine neue Reentry-Permit-Card ausstellen zu lassen, damit ich nach meiner Aufenthalt in Kenia nächsten Monat auch wieder ins Land hinein komme, jedoch waren dem Büro gerade die Karten ausgegangen. Mit fünf Wochen Warten und 200$ ließe sich laut der Mitarbeiterinnen eventuell schon eine neue Karte besorgen, sie könnten nur nicht so genau sagen, ob ich bis dahin nicht trotzdem 100$ Gebühren an den Grenzen zu zahlen hätte. An diesem Tag war ich sehr sehr froh, dass ich auch schon einige Beziehungen in Kampala aufgebaut habe und so habe ich über die Tante des Schwagers eines Freundes die Telefonnummer der Chefin des Büros bekommen, die mir schließlich erklärte, dass der Stempel in meinem Reisepass gleichbedeutend mit einer solchen Karte sei und ich mit Vorzeigen des Passes Uganda jederzeit verlassen und wieder betreten könne. Sie erklärte mir auch, dass ihre Mitarbeiterinnen sich gerne Geld für Arbeit geben ließen, die eigentlich gar nicht nötig sei (200$ für eine Permit-Card), zu stören schien sie das aber nicht. Das Beste des Tages war aber eigentlich Tims Anliegen. Er wollte sein Visum gerne verlängern und zu einem East-Africa-Visa (Ruanda und Kenia eingeschlossen) ändern lassen und die fleißigen Beamtinnen schlugen vor, seinen Wunsch für einen extra-Zuschuss von 50$ sogar noch am selben Tag zu erledigen. Tim nahm dies an, ließ seinen Pass dort und als wir den Anruf bekamen, dass wir ihn wieder abholen könnten, war das Tor bei unserer Ankunft keine zehn Minuten später schon verriegelt und er Gatekeeper erklärte uns, dass wir leider nicht mehr reinkämen. Es ist mir dann aber doch noch gelungen ins Amt hineinzukommen, suchte die Chefin und ließ mir den Pass geben. Als Gegenleistung wollte sie entweder ein Trinkgeld oder einen ugandischen Tanz von mir sehen. Ich entschied mich für den Tanz. Zurück in der Wohnung sahen wir uns das neue Visum an und stellten fest, dass man einfach mit Kugelschreiber „Special Pass“ hineingekritzelt und einen Stempel darunter gesetzt hatte. Gültig vom 06.01.17 bis zum 05.01.17. Das Visum war also Minus einen Tag lang gültig! Wir riefen die Chefin erneut an und sie sagte, wir können den Pass am nächsten Tag vorbei bringen und sie verbesserte es. Als Tim tags darauf vor ihrem Büro stand und sie nicht da war, rief er sie an und sie sagte, Zitat: „oh sorry, ich hatte vergessen, dass ich heute gar nicht Arbeite!“.
Ihr seht also, ohne Geduld kommt man hier nicht voran. 😛 Übrigens hat die Katze mein Handy in heißem Tee ertränkt, weshalb ich nun wieder einmal ein neues Gerät habe. Und da sich meine deutsche SIM-Card gerade zum Transport in meinem verloren gegangenen Geldbeutel befand, habe ich jetzt auch eine neue Nummer. Diese benutze ich nun auch für WhatsApp, auf der Anderen werde ich gar nicht mehr erreichbar sein, also schreibt mich doch einfach an: +256 775644055.

Von Herzen wünsche ich euch allen noch fröhliche und besinnliche Ferien und ich hoffe, dass ihr zwischen dem ganzen Stress der Städte auch Zeit für die Familie und zum Plätzchen backen habt. Und auch wenn Weihnachten schon vorbei ist, falls ihr ein paar Plätzchen übrig habt (bevorzugt mit Schokolade oder Marmelade darin) könnt ihr sie mir sehr gerne nach Uganda schicken! 😀

Eure Barbara

4 Kommentare
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  1. Hallo Barbara,

    habe das alles in einem Rutsch durchgelesen, hohe Erlebnisdichte und sprachliche Ausdrucksfähigkeit.
    Entschuldige, wenn ich wieder auf mein Lieblingsthema zurückkomme: Was für eine Art von Malaria hattest du denn? Malaria tropica, Malaria tertiana oder Malaria quartana? Und vielleicht interssieren dich dann die beiden folgenden Vorlesungen:

    https://www.youtube.com/watch?v=TudMOs2uOGM
    https://www.youtube.com/watch?v=4tC96HdMjYw

    Viele Grüße von

    Martin

  2. Hallo liebe Barbara,
    habe den Kommentar gestern irgendwie zu deinem ersten Blog Eintrag abgegeben, keine Ahnung wie das passierte, der sollte eigentlich hier her. Also hab ich ihn nun heute hierher kopiert.

    Ich habe gerade Dein link zum Blog erhalten und bin ganz tief in Deine Welt eingestiegen.
    Vielen Dank, dass Du uns so tief an Deinem Leben teilhaben lässt, erst wollte ich alles lesen aber es ist recht viel den zweiten Teil habe ich gerade ausgedruckt und werde ihn heute Abend zu Ende lesen.
    Ich darf jetzt leider weiter arbeiten obwohl ich gerne lesen wollte Du schreibst so lebendig!
    Schön dass es Dich gibt und wir unterstützen Dich weiterhin aus Freiburg mit Gebet.(Sabine, Cornelia, Barbara und ich) Wir sprachen heute morgen schon wieder in der Runde einen Segen über Deine Familie. Du weißt ja wir machen das jeden Montag. Gott liebt Kommunikation und Dich auch!
    In dem Sinn kann ich nur sagen Du tust gutes für die Welt und dadurch für Dich. Genieße weiterhin die schönen Dinge von den schlechten hast Du Dich ja jetzt durchs schreiben befreit!!!!
    Liebe Grüße aus Freiburg
    Alexander

  3. Vielen herzlichen Dank für diesen eindrucksvollen Blog, von dem mir Ihr Vater erzählt hatte!

    Tatsächlich war ich zuletzt über ein Jahr für ein humanitäres Projekt im Irak tätig und bin fasziniert, wie viele Ihrer Erfahrungen sich in Afrika ähneln, wie viele aber auch komplett unterschiedlich sind. Und ich kann mir – ebenfalls aus eigenem Erleben – vorstellen, wie unangenehm es ist, wenn man helfen möchte, aber auch an seine Grenzen stößt – bzw. sogar das Gefühl vermittelt bekommt, ausgenutzt werden. Dann aber gibt es auch wiederum wundervolle Begegnungen, die einem signalisieren, dass es all das wert war…

    Sie sehen also, dass Ihr Blog gerade auch in seiner Textdichte hier eine Menge Menschen erreicht und Gedanken anstößt.

    Ihnen also weiterhin alles, alles Gute, Gottes Segen und Schutz für Ihr Engagement!

  4. Hi Barbara,
    gerade frisch aus dem Krankenhaus entlassen,habe mir den Oberarm gebrochen und bin operiert worden, habe ich voll Interesse Deinen Blog gelesen. Toll, wie Du Deine Situation beschreibst und schon ähnlich, wie Dein Papa das kann, mir immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zauberst.
    Ich freue mich, wie Du wirklich wertvolle Erfahrungen für Dein Leben machst, und wenn Du zurückkommst, wirst Du das Leben hier aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, da bin ich mir sicher. Ich wünsche Dir einfach weiterhin Gottes Segen über Deinem Weg und viel, viel Gesundheit, vor allem keinen Malaria-Rückfall mehr.
    Ich denke immer wieder an Dich. Liebe Grüsse aus dem verschneiten Freiburg. Deine Verena

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