Kampala, Masaka und korrupte Polizisten

18. Okt 2016 | von | Kategorie: Barbara Menke in Uganda, Freiwillige 2016/2017

Hallo Freunde der Sonne,

Bei euch ist es derzeit vermutlich wärmer als bei mir, denn in Uganda herrscht gerade Regenzeit und es kühlt aufgrund der Regenschauer täglich mindestens einmal ab. Dies ist großartig, denn so ist es zwar immer angenehm warm aber bisher noch nicht so drückend heiß.

Ich hoffe, ihr habt viel Zeit und eine gemütliche Sitzmöglichkeit mitgebracht, denn diese Einträge werden wieder einmal etwas länger sein (Nun, wer hätte das erwartet). 😀

Jetzt bin ich schon seit über zwei Monaten in Uganda und habe so viel erlebt, dass ich gar nicht weiß, wie ich all diese Erlebnisse, Begegnungen, Eindrücke und neuen ersten Impressionen in Worte fassen soll. Thomas und ich haben den Sprachkurs erfolgreich abgeschlossen (inklusive Erste-Hilfe-Kurs auf afrikanische Weise –ich verfüge nun endlich über das Fachwissen, mit Schlangenbissen umzugehen) und ich kann behaupten, dass wir sogar Luganda gelernt haben. Mich erneut als Schülerin zu erleben, hat mich wieder einmal vor die Frage gestellt, warum man heute noch freiwillig Lehrer wird, und an dieser Stelle ist ein großes Dankeschön an unseren Sprachlehrer Jackson angebracht, der uns trotz der Papierflieger, des Störens und der akut ausfallenden Motivation bis zum vorletzten Tag nicht aufgegeben hat und uns mit viel Kompetenz und Witz unterrichtete! Zumindest kann ich mich mittlerweile mit den Priestern in meiner neuen Bleibe und meinen Kollegen in Kindergarten und Schule unterhalten, mit den Bodafahrern einen fairen Preis verhandeln und, und das ist am Wichtigsten, mich mit den Kindern verständigen und sie fragen, warum sie sich mit Stühlen auf den Kopf hauen.

Christian, Rosanna, Anna, Axel, Karl, Phillip, Thomas, Sebastian, ich (v. r. n. l.) und natürlich Jackson

Unsere chaotische Sprachschulcrew: Christian, Rosanna, Anna, Axel, Karl, Phillip, Thomas, Sebastian, ich (v. r. n. l.) und natürlich Jackson

Ausflug mit Rosemary und Marc zum Entebbe Beach Resort am Wochenende

Ausflug mit Rosemary und Marc zum Entebbe Beach Resort am Wochenende

Die Eirene-Freiwilligen aus der Sprachschule und ich waren an einem der Wochenenden auf dem diesjährigen Nyege-Nyege Festival, einem internationalen Musik Festival in Jinja am Nil, zu welchen großartige Bands und DJs aus ganz Afrika und Europa kamen und drei Tage am Stück durchgetanzt wurde. Es waren fast genau gleich viele Weiße wie Schwarze dort und es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Die ausgelassene Stimmung, die Gespräche mit Fremden und das Sitzen am Nil, während des Sonnenuntergangs sind Erinnerungen, die ich nur zu gerne teile. 🙂

Der wunderschöne Standort am Nil

Der wunderschöne Standort am Nil

Nachts auf dem Nyege-Nyege Festival

Nachts auf dem Nyege-Nyege Festival

Von meinem ganzen sechs Wöchigen Aufenthalt in Kampala gibt es glücklicherweise nur eine unschöne Begegnung von der ich berichten kann. Am letzten Abend vor unseren Umzügen in die verschiedenen Städte Ugandas haben wir beschlossen, noch einmal alle gemeinsam auszugehen, bevor wir uns trennen müssen. Auf dem Weg zum Club wurden zwei unserer Bodas angehalten, unter anderem das, auf dem Sebastian und ich saßen. Wir sollten die Fahrer bezahlen und Christian, Rosanna, Sebastian und ich wurden in das Polizeiauto (ein Panzer mit Sitzen oben drauf) gesetzt, und von Polizisten mit Maschinengewehr bewacht, die ständig „SILIKA!“ schrien, sobald wir zu kommunizieren versuchten. Das Auto fuhr aus der Stadt heraus, zu einer kleinen Blechhütte mitten im Wald und ließ uns dort aussteigen. Es folgte ein langes Gespräch mit den Polizisten, bei welchem wir versuchten freizukommen und sie uns erklärten, dass es ein Verbot sei, zu zweit auf dem Boda zu sitzen und wir fünf Millionen UGS (1400€) zahlen sollen, wenn wir uns freikaufen wollen. Selbstverständlich hatten wir kaum Geld dabei und schon gar nicht eine solche Summe. Keiner von uns hatte sein Handy mit, um jemanden anzurufen und so drohten uns die Polizisten mit einer Nacht im Gefängnis und wir drohten ihnen mit einem späteren Anruf bei der deutschen Botschaft. Letztendlich filzten uns die Männer bis auf die letzte Hosentasche, nahmen uns alle Schilling ab, die wir mit uns trugen und ließen uns gehen. Da wir ohne Geld nach Hause kommen mussten und die Polizei unsere Sicherheit offenbar nicht interessierte, suchten wir vier den Weg aus dem Wald heraus und liefen die nächsten Stunden mitten in der Nacht zurück in die Stadt zum Institut.

Ich bin froh, dass sowohl die Eirene-Freiwilligen, als auch ich, das Thema Korruption auf dem Vorbereitungsseminar schon als Einheiten behandelt hatten, weshalb wir wussten, wie vorzugehen war und nicht in Panik gerieten. Die Polizisten handelten tatsächlich genau nach „Drehbuch“, was uns den Umgang mit der Situation wirklich erleichtert hat. In Uganda ist es keine Seltenheit, dass sich die Polizei mit den „Bazungu“ (Weiße, Fremde) etwas Extrageld beschafft, diese Gehaltserhöhung nennen die Einheimischen hier gerne „Soda-Money“, da sich die Männer davon ein, zwei Soda mehr am Abend gönnen können. Und auch wenn dieses Erlebnis auf den ersten Blick schlimm aussehen mag, war ich zu keinem Zeitpunkt in ernsthafter Gefahr, wir Vier sind stets beieinander geblieben, haben uns an die vorgegeben Verhaltensregeln gehalten und hatten sogar das Glück, gegen Ende des Weges einen Taxifahrer zu finden, der bereit war, uns mitzunehmen, obwohl wir kein Geld bei uns hatten. Er vertraute uns, dass wir ihn bezahlen würden, sobald er uns bei dem Hotel mit unseren Habseligkeiten abgelassen hatte, was für uns nach der weiten gelaufenen Strecke wirklich wie die Rettung vorkam.

Auf dem Weg zurück zum Institut sah ich die vielen Straßenkinder auf dem Boden schlafen, genauso wie die Obst- und Kleinhändler, alle ohne Decken, Kopf an Kopf, es sah aus, als hätte man einen Schalter umgelegt und das ganze städtische Treiben des Tages für ein paar Stunden lahmgelegt. Die Händler und Kleinkrämer schlafen in ihren Ständen und Auslegeplanen, keiner von ihnen hat ein zu Hause, in das er abends gehen kann, und dies zu sehen und zu erleben war schrecklich. Außerdem bekamen wir in der Innenstadt einen bewaffneten Raubüberfall mit, der erst zu einer Schlägerei wurde und dann in einer Schießerei endete, nur wenige Meter vor uns und ich gebe zu, dass ich in dieser Situation dann doch noch sehr viel, sehr große Angst hatte. Trotzdem sind wir Vier gut und unversehrt zurück gekommen und ich bin froh um diese Erlebnisse. Mir wurde einfach nur wieder einmal vor Augen geführt, wie gut es uns geht und dafür können wir täglich unendlich dankbar sein. (Übrigens wurde letzte Woche mein Handy gestohlen und ich gab der Polizei Geld, damit sie es Tracken, passiert ist aber überhaupt nichts, soviel also dazu).

Das Gute dieser Nacht -ein atemberaubender Sonnenaufgang

Das Gute dieser Nacht -ein atemberaubender Sonnenaufgang

Am Tag darauf musste ich mich leider von meinem Zimmernachbarn Thomas verabschieden, aber ich werde ihn spätestens beim Zwischenseminar in Kenia wiedersehen, wenn nicht gar schon früher, wenn wir einmal jeweils für einen Monat das Projekt des anderen besuchen gehen (Thomas, du kannst dich schon mal freuen). 😀

)

Ein Selfie zum Abschied

Mein Umzug von Kampala nach Masaka vor fünf Wochen verlief reibungslos. Axel, einer der Eirene-Freiwilligen aus der Sprachschule, der auch in Masaka Town wohnt, und ich, konnten einfach mit dem Bus fahren (eine zwei Stunden Fahrt, die wegen des Verkehrs sieben Stunden dauerte) und unser Gepäck wurde am Tag zuvor schon von meiner Kontaktperson Ben mit dem Auto transportiert.

Die beiden Städte sind sich zwar in der Mentalität sehr ähnlich, jedoch war mein neuer Aufenthaltsort doch eine positive Überraschung. Kampala ist wild gewachsen, chaotisch, für mich Deutsche unfassbar unstrukturiert. Die großen Straßen sind ganztägig verstopft, zugemüllt, der Geräuschpegel immer voll aufgedreht, Händler, Prediger, hupende Autos und ständig Menschen, die meinen Arm festhalten und meine helle Haut und mein blondes Haar berühren wollen. Masaka Town hingegen besteht nur aus drei großen Straßen, die zwar ineinander verzweigt, jedoch übersichtlich und weniger vollgestopft sind. Alles ist zu Fuß gut erreichbar und es gibt weniger Kleinkrämer, dafür umso mehr Plots (richtige Häuser, mit Geschäften oder Imbissen darin). Die Stadt ist unfassbar hügelig und grün, da sie sich in der Nähe des Viktorialakes und zwischen dem Nabugabolake und dem Lake Mburo befindet, weshalb ich von der Terrasse aus eine atemberaubende Aussicht auf die vielfältige ugandische Pflanzenwelt und teilweise auch auf den Regenwald habe. (Lieber Herr Vater, hier habe ich endlich gelernt, bei Autofahrten aus dem Fenster zu sehen, du wärest stolz).

Der Taxipark Kampalas

Der Taxipark Kampalas

Masaka Town, von Axels Balkon aus fotografiert

Masaka Town, von Axels Balkon aus fotografiert

Mein Weg zur Schule

Für die Naturquote: Mein Weg zur Schule

Ich bin im Gästedistrikt des Generalvikars Msgr. Serverus Jjumba in der Kurie untergebracht, etwas außerhalb von Masaka Town, in dem Dorf Kitovu. Mit dem Boda bin ich in zehn Minuten in der Stadt und in einer viertel Stunde bei den Schulen, in welchen ich unterrichte. Mein neues Heim ist ein großes Gelände mit verschiedenen Wohnhäusern, einigen für die Priester, für Gäste, für die drei Mädchen, die hier arbeiten und für die jungen Männer, die sich um die Tiere und die Landwirtschaft kümmern. Es werden Kühe und Schweine gehalten und ziemlich viele Hühner, die mich freundlicherweise jeden Morgen wecken, auch Sonntags. Außerdem haben wir eine supercoole Katze namens Snowball, die zwei verschiedene Augenfarben hat. Gegessen wird weiterhin im Speisesaal, meine Wäsche wasche ich in einer Waschschüssel (ab einer bestimmten Zeit und viel Geschrubbe schmerzhaft und hinterlässt Brandblasen) und Duschen muss ich tatsächlich mit einem Eimer, da die Dusche seit Monaten kaputt ist. Aber ich muss sagen, dass ich das eigentlich gar nicht so schlecht finde, so werde ich wenigstens wach. Von meinem Zimmer aus habe ich Ausblick auf einen Hügel, der so auch in unserem schönen Schwarzwald in den Weinbergen stehen könnte, nur, dass ich morgens immer mal ein paar der scheuen Affen beobachten kann, die dort herumtollen, wenn nicht zu viele Menschen unterwegs sind.

Ein Affe, der sich morgens auf das Gelände der Kurie getraut hat

Ein Affe, der sich morgens auf das Gelände der Kurie getraut hat

Als gute Katholikin gehe ich natürlich weiterhin Sonntags zur Messe, mittlerweile mit dem Generalvikar, weshalb ich in den letzten Wochen selten einen „normalen“ Gottesdienst miterlebt habe. Mein neuer Zimmernachbar Chris (ein Volontär aus Amerika) und ich werde ständig zu Hochzeiten, Jubiläen, Beerdigungen oder Taufen mitgenommen. Das sind immer riesengroße Feste, mit hunderten von Leuten und viel Programm zur Unterhaltung, wie Gesänge, Schauspiel oder traditionelle Tänze zu Trommelmusik. Auch wenn das immer Mal schön ist, muss ich tatsächlich zugeben, dass ich die Gottesdienste aus Kampala vermisse. An den letzten Sonntagen dort waren Thomas und ich nicht mehr im St. Augustines Institut in der Messe, sondern sind dafür in das Jugendcentrum “Sharing“ gegangen. Der Gottesdienst läuft genau so ab, wie ich es mir vorgestellt hatte, die Frauen tragen wunderschöne bunte Kleider, die Männer Anzüge und die Kinder schicke Sonntagskleidung, die wir höchstens zur Erstkommunion auspacken würden. Egal, ob arm oder wohlhabend, es ist ein Festtag und jeder putzt sich heraus. Wir sitzen auf Plastikstühlen und singen drei Stunden lang Gospel, die zwischendurch immer mal von einem Gebet, einer Lesung oder der Kommunion unterbrochen werden.  Alle loben und preisen Gott indem sie Singen, Tanzen oder beim Hosanna wild die Arme über die Köpfe werfen. Immer wenn sich ein Besucher ganz besonders erfüllt fühlt, ruft er „God is good“ und die Gemeinde ruft „all the time“ zurück. In Masaka habe ich bisher leider noch nichts Vergleichbares gefunden. Die Kathedrale in meinem Dorf wurde von Pilgern erbaut und so ist auch der gesamte Ablauf der Messe sehr westlich (wäre es nicht auf Englisch oder Luganda, ich könnte mitsprechen).

Auf dem Karneval in Kampala, im Hintergrund die hektische Innenstadt

Auf dem Karneval in Kampala, im Hintergrund die hektische Innenstadt

Anstelle von Fasnachtswägen, werden die Süßigkeiten hier von Kamelen verteilt

Anstelle von Fasnachtswägen werden die Süßigkeiten hier von Kamelen verteilt

Menschenmassen auf den Straßen

Menschenmassen auf den Straßen

Sebastian und mein kreatives Kostüm

Sebastian und mein kreatives Kostüm

Ich wünsche euch allen noch eine wunderschöne restliche Woche und viele sonnige, herbstliche Tage,

Barbara 🙂

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