Unfassbar dankbar – für die paar Sätze Englisch?

8. Okt 2016 | von | Kategorie: Konstantin Bertling in Ecuador

Dankes-Schweinehaufen nach einem Unterrichtsstündchen Englisch 😀

Seit mittlerweile fast schon einem Monat habe ich einen komplett anderen Arbeitsplan, von dem ich euch noch gar nichts habe wissen lassen. Morgens arbeite ich jetzt nicht mehr im Kinderheim, sondern bin mit den Sozialarbeitern der Fundación Calasanz unterwegs. Ganz grobe Erklärung: Das Kinderheim „Casa Hogar de Jesús“ ist Teil einer Fundación, benannt nach dem Heiligen „San José de Calasanz“. Dieser setzte sich zu Lebzeiten dafür ein, dass Kinder aus armen Verhältnissen eine Chance auf Bildung hatten.

Und dieser Gedanke wird heute durch die Sozialarbeiter der Fundación fortgeführt: Es gibt viele arme Familien in Santo Domingo. Viele Familien können sich die Schulgebühren nicht leisten, viele Familien können sich die nötigen Schulartikel nicht leisten. Manche Familien können sich noch nicht einmal Lebensmittel für ihre Kinder leisten. Die Arbeit der Sozialarbeiter besteht darin, die Familien und deren Kinder zuerst einmal ausfindig zu machen, und dann durch Gespräche ausfindig zu machen, wie man diesen Kindern und Familien helfen kann. Beispielsweise ein großer Teil der Arbeit liegt in der Präventionsarbeit, direkt mit den Kindern:

Zweimal im Monat treffen sich die Sozialarbeiter eines bestimmten Viertels mit allen Kindern, die sie in diesem Viertel betreuen. Bei diesen Treffen werden dann Vorträge, bspw. Über Kindesentführung, Umgang mit der Armut der Eltern, usw. gehalten. Auch wenn sich dies erstmal komisch anhört: Es ist schon häufiger passiert, dass Kinder in Santo Domingo nach Schulschluss von Entführern vor der Schule abgefangen und entführt wurden. Deswegen gibt es jetzt einerseits diese Vorträge, andererseits steht jetzt bei Schulschluss vor vielen Schulen eine Polizeistreife zur Prävention. Bei den Treffen mit den Kindern werden aber nicht nur so unschöne Themen behandelt, es wird auch viel gebastelt, viel gelacht, und einfach viel miteinander gesprochen. Mein Part bei diesen Treffen war bisher eigentlich immer das Übernehmen eines kurzen Englischunterrichts: Da es hier an einigen Schulen gar keinen Englischunterricht gibt, bzw. dieser an vielen Schulen eher dürftig ausfällt, lag meine Aufgabe einfach darin, den Kids ein paar Froskeln und Sätze auf Englisch beizubringen. Hierbei versuchte ich mich immer an den Englischunterricht aus Grundschulzeiten zurückzuerinnern, sodass am Ende der Unterricht immer mit einer Runde „Head and Shoulders, Knees and Toes“ endete. Ich selber hielt damals als Kind diese Form des Unterrichts nicht für besonders sinnvoll. Hier ist das aber etwas ganz Anderes: Die Kinder sind hochmotiviert, singen laut mit, und sind am Ende einfach nur unfassbar dankbar für diese Minieinheit Englischunterricht. Das war echt ein beeindruckendes Gefühl, eine Dankbarkeit seitens der Kinder, die ich in Deutschland noch nie erlebt habe. Dabei habe ich doch nur ein paar Sätze Englisch geredet.

Mehr Bilder von einer dieser Vorträge könnt ihr euch hier angucken: Link zum OneDrive-Ordner

(Nicht wundern, sind sehr viele Bilder und viele Bilder doppeln sich auch, aber die ecuadorianische Einstellung zu Fotos lautet nunmal: „Toma más fotos!“ = Mach noch mehr Fotos! :D)

Wenn ich dann einmal nicht gerade als Englischlehrer unterwegs bin, sitze ich im Auto mit dem noch jungen Sozialarbeiter Fabián. Dieser ist nicht direkt in die oben beschriebene Arbeit mit den Kindern involviert, sondern kümmert sich um speziellere Einzelfälle. Z.B. waren wir vorletzte Woche bei einem Herrn, der während des schlimmen Erdbebens vor einem halben Jahr, aus dem zweiten Stock seines Hauses heruntergefallen ist. Sein Haus ist natürlich vollkommen zerstört; aber zusätzlich ist er jetzt auch noch querschnitzgelähmt. Unsere Aufgabe bestand dann erst einmal darin, die Daten des Herrn aufzunehmen, und ihn dann zum Amtsbesuch zu begleiten, bei dem es darum ging, ob er eine Art Behindertengeld erhalten wird oder nicht. Zusätzlich dazu haben wir uns dann noch an verschiedenen Stellen nach einem Job für ihn umgehört.

D

Trotz der vielen neuen, coolen Aufgaben: Emiliano hol' ich trotzdem noch jeden Tag vom Kindergarten ab 😀

Nachmittags kehre ich dann immer ins Heim zurück, und packe hier und dort mit an. Als ich Anfang August ankam, lebten im Heim 20 Kinder; zwei Monate später leben jetzt 38 Kinder im Heim. Zusätzlich findet man jetzt auch wieder Kinder jeden Alters im Heim: Der Jüngste, Emiliano, ist jetzt 20 Monate alt; der Älteste ist 16 Jahre alt. Diese hohe Anzahl an Kindern, zusätzlich so verschiedenen Alters, stellt natürlich eine große Herausforderung für die Erzieher da, die sie aber dennoch gut meistern.

Mittlerweile ist auch eine weitere Freiwillige angekommen, Bernadette aus der Nähe von Stuttgart. Sie arbeitet sehr viel mit den ganz kleinen Kindern und macht dabei einen echt guten Job; wahrscheinlich, weil sie auf Grund fünf kleinerer Geschwister sehr erfahren im Umgang mit so kleinen Kids ist.

Das war es jetzt aber erst einmal für den Eintrag heute. Ich habe das Gefühl, je länger ich weg bin, desto schlechter wird mein Ausdrucksvermögen in der deutschen Sprache. Naja, dafür wird dat Spanisch ja auch besser 😀

Danke auch noch einmal für die vielen Rückmeldungen auf meinen Blog. Es freut mich sehr, dass so viele sich für meine Arbeit hier in Ecuador interessieren und ich euch von meinen Erfahrungen berichten kann.

Viele Grüße y mucho arroz (viel Reis)

Wünscht euch

Konni

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6 Kommentare
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  1. Moinsen Konni

    Schön von dir zu hören. Natürlich erkenne ich deine Stilmittel.
    Ja unser Englisch Unterricht war ja….. Hust. Bleib gesund Jung.

    Dein Chex

  2. Hallo Konstantin,

    ich glaube dir gern, dass es ein tolles Gefühl ist, von seinem Wissen abgeben zu können, vor allem an Menschen, die das auch noch zu schätzen wissen. Von diesen Erfahrungen wünsche ich dir noch viele weitere. Im Übrigen liest man heraus, dass die Arbeit mit den Sozialarbeitern sehr spanned ist. Ich glaube du siehst Dinge, die die Verhältnisse hier bei uns in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

    Ich wünsche dir weiter viele gute Erfahrungen und bleib gesund – und bis zu deinem nächsten Blog,
    viele Grüße
    Hartwig

  3. Hi Konstantin,

    vielen Dank für Deine neuen Eindrücke. Es ist immer eine Freude, von Dir aus Ecuador zu hören. Kleine stilistische Schwächen, die Du da merkst sollten Dich nicht beunruhigen, der Inhalt zählt, und der ist spannend. Außerdem balanciert Du dies garantiert mit Deinen neu erworbenen Spanischkenntnissen aus, die wohl die meisten Deiner Leser nicht zu bieten haben …so wie ich zum Beispiel.
    Deine Schilderungen machen sehr deutlich, wie existenziell dünn die Schutzhülle für Kinder (wohl aber auch für Erwachsene) in vielen Ländern unseres Planeten ist. Und welches Privileg Ihr Kinder und wir Eltern miteinander hatten und haben. Dein Engagement, davon etwas weiterzugeben und damit zu wachsen bewundere ich!
    Ich wünsche Dir weiter gute Tage, bleib gesund und freue Dich über das Glück, das „Deine“ Kinder Dir mit ihrer Freude und Fröhlichkeit zurück schenken.
    Bis bald aus Hennef, y mucho arroz!
    Stefan

  4. Hallo Konstantin,
    leider etwas verspätet- aber, trotz Ferien, ist hier immer was los. Die Vorabiklausuren fangen an- dafür muss geübt werden… erinnerst du dich noch??? Das kommt dir sicher vor, wie vom anderen Stern….
    Ich finde nicht, dass dein Deutsch einroster- du hast einfach was zu sagen und das ist das wichtigste. Du weißt ja: wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über! Das ist bei deinem block eindeutig zu spüren.
    Über die Notlagen von Kindern in der dritten Welt hört man viel- besonders durch unsere Sternsingeraktionen. Du kannst dir vor Ort ein Bild davon machen. Das ist doch ganz großartig. Sieh nur zu, dass du ordentlich Spanisch lernst- in Sprache und Schrift— du bist ja eher der Sprechertyp, aber das andere ist auch wichtig, wenn man daran anknüpfen will.
    Da ich dich als aufgeschlossenen, unternehmungslustigen jungen Mann kenne, kommst du in Equador sicher auch gut an- genieße jeden Tag… nutze die Zeit, auch aus weniger guten Erfahrungen kann man was lernen, oftmals mehr als aus den guten….
    Bleib gesund und weiterhin so motiviert!
    Viele Grüße aus merry old Germany von Helga

  5. Hola Konstantin,

    die Fotos sprechen für sich. Die Kinder sind glücklich und motiviert und freuen sich über die Zuwendung und Aufmerksamkeit, die der neue Englischlehrer ihnen vermittelt. Es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Wir wünschen Dir weiterhin viel Freude bei der Arbeit und eine gute Zeit.

    Muchos saludos
    Sonja und Familie

  6. Hallo Konni,
    Ich finde deinen Bericht toll. Und wie du so über die Dankbarkeit der Kinder schreibst, das beruehrt mich schon sehr. Wenn man so bedenkt wie verwöhnt die Kinder hier sind, aber sie kennen es ja auch nicht anders.
    Ich finde gut was du machst. Weiter so. Bleib gesund und Grüße an die Kinder. Dirk.

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