Alltägliche Abenteuer

Es ist 05:30 Uhr, ich höre draußen die ersten Taxis hupen, spüre mit der Sonne auch die Hitze des Tages wiederkommen und merke, dass das Mückennetz in der Nacht auf mich gefallen ist. Das alles fühlt sich überhaupt nicht ungewohnt an, denn so beginnt für mich seit sechs Wochen fast jeder Tag.

Ich habe also meinen Alltag hier gefunden. Dazu gehört eben auch das frühe Aufstehen – aus freiem Willen, sollte ich vielleicht ergänzen. Denn so kann ich vor dem Frühstück noch Joggen gehen und ein bisschen Sport machen. Das wäre zu jeder anderen Tageszeit unvorstellbar und würde auf der Straße zusammen mit meinen blonden Haaren einige Blicke auf mich lenken. Außerdem ist es einfach wunderschön, über das Tal zu schauen und den Sonnenaufgang hinter den Bergen zu beobachten.

So komme ich morgens schon gut gelaunt im Centro an. Meistens tatsächlich als Erste, aber ich bin wahrscheinlich auch die deutsche Pünktlichkeit in Person. Bei der Arbeit finde ich mich immer besser zurecht. Das heißt, ich kann die meisten Kinder mit ihrem Namen ansprechen und weiß, wie der normale Tag abläuft: Erst die Hausaufgaben, dann die Übungen und dann nach Hause. Das ändert sich nicht, egal wie kreativ die Ausreden sind. Ich beherrsche das 1×1 wahrscheinlich im Moment besser als je zuvor. Denn schriftlich dividieren funktioniert auf jeder Sprache gleich und so helfe ich vor allem bei den Mathe Übungen.

Davon abgesehen habe ich in den letzten Wochen im Centro viel Zeit mit Zeichnen verbracht. Denn fast alle hatten die Aufgabe, die Nationalsymbole Nicaraguas (siehe Bild) oder sogar aller Länder Mittelamerikas zu malen. Nachdem ich es unzählige Male nachschauen musste, weiß ich jetzt auch, wie man „Sacuanjoche“ schreibt, den Namen der Nationalblume von Nicaragua. Ich verstehe immer noch nicht, warum jemand gerade mich nach Hilfe beim Zeichnen fragt, weil ich ja nicht unbedingt die größte Künstlerin bin. Aber für die Kinder gebe ich natürlich mein Bestes. Eigentlich fühlt es sich für mich im Centro gar nicht wie Arbeit an, denn es macht so viel Spaß.

Wie schreibt man "Sacuanjoche"?
Wie schreibt man "Sacuanjoche"?

Trotzdem freue ich mich, dass ich diese Woche drei Tage frei habe, weil heute Nationalfeiertag ist. Am 15. September wird in Nicaragua der Unabhängigkeitstag gefeiert. Deshalb ist die ganze Stadt mit Flaggen und typischen Symbolen geschmückt (siehe Bild). Gestern gab es schon einen großen Umzug mit traditioneller Kleidung, Musik und Tänzen. Heute ist dagegen eher ein ruhiger Tag, von den laut knallenden Feuerwerken jede halbe Stunde mal abgesehen. Ein guter Zeitpunkt, um mich mit Freunden zum Fußball spielen zu treffen. Denn wer mich kennt, weiß, auf dem Fußballplatz fühle ich mich wie zuhause.

Miniatur-Nicaragua
Miniatur-Nicaragua: Wer findet die Sacuanjoche?

So habe ich mich sehr gut in Juigalpa eingelebt und bin ich immer beschäftigt. Vieles ist schon zu Gewohntem geworden und trotzdem gibt es jeden Tag noch etwas Neues zu entdecken. Morgen fahre ich über das Wochenende nach Granada und besuche Lea, die Freiwillige dort. Ich kann es kaum erwarten, eine andere Seite des wunderschönen Nicaraguas kennenzulernen!