Kann ich bleiben?

6. Jun 2016 | von | Kategorie: Freiwillige 2015/16, Johanna Saalfrank auf den Philippinen
„Can we stay here longer
Can we stay until tomorrow
Can we stay here forever“ – The Woodsland
Die Zeit rennt. Und ich mag sie anhalten. Die Stunden. In so vielen Momenten. Tage sollten aus mehr als 24 Stunden bestehen. Ich holt das Meiste raus, aus den verbleibenden Wochen. Kann ich noch n bisschen länger bleiben?
Ich werde in den nächsten Wochen an einem Seminar teilnehmen. Genau 50 Tage und endet am Tag meines Abfluges. Es geht mir alles viel viel zu schnell. Trotzdem musste ich bereits von ein paar Menschen Abschied nehmen. Wie soll ich das machen, wenn mir selbst noch nicht einmal bewusst ist, dass Ende Juli alles „vorbei“ ist?
Egal. Ich rede mir ein, ich werde die kommende Zeit nutzen. Jede einzelne Minute. Jede Stunde mit den Freunden hier. Alle kleinen Momente, die doch Routine geworden sind. Das morgendliche Wasserauffüllen, das Quietschen meiner Zimmertür. Die kitschigen Lieder im Radio. Das Moskitonetz am Abend. Es kommen immer mehr dieser Situationen, in denen ich in die Augen meines Gegenübers schaue, wir kurz verweilen und dann ein bisschen traurig unseren Blicken ausweichen. Beiden wird bewusst wird, dass bereits Juni ist. Juni! In Deutschland fängt der Sommer an! Mein Kopf kann das noch nicht wahrhaben. War es doch immer viel viel kälter in Europa. Egal.
Genießen wir jede Sekunde

Genießen wir jede Sekunde - machen Erinnerungen

Gerade in den letzten Wochen hatten wir an den Wochenenden viel Zeit mit den Kindern verbracht und die Sonntage uns gegenseitig verschönert. Es war der Monat der Blumen. „Flores de Mayo -Blumen des Mais“. Wir schauten Filme mit Popcorn, singen Karaoke und verbringen eine wunderbare Zeit. Runden alles damit ab, dass Ende Mai ein kleines Fest organisiert wird. Mit vielen Blumen, zu Ehren Marias und einer Runde Wasserplanschen. Eines der schönsten Momente, die ich mit den Kindern teilen durfte.
Flores de Mayo

Flores de Mayo

Flores de Mayo - Mahl

Flores de Mayo - Mahl

Es fällt mir immer schwerer, aber ich versuche es. Ich hab also probiert, mich ein bisschen von unseren Kleinen zu verabschieden. Kaufe Bändl und knüpfe schweren Herzens Armbänder. 70 Stück. Auf dem Weg zu meiner wahrscheinlich letzten Mobil Library bin ich trotzdem ruhiger. Ich versuche alles einzufangen. Mit etwas Tränen in den Augen erinnere mich an Oktober. Schon 9 Monate her. Als wir damit angefangen haben, gelaufen sind und auf Matten saßen. Jetzt haben wir Tische, Stühle, Schüsseln dabei. Die Kinder warten schon und wir müssen sie nicht mehr abholen.
Der Kakao-Reisbrei...

Der Kakao-Reisbrei...

Wir binden einander die Bänder an die Handgelenke. An die dünnen Ärmchen, deren Hände unzählige Male Meine umschlossen haben.
ein kleines Danke für viele Wochen

ein kleines Danke für viele Wochen

Zu den Kindern am Friedhof fühle ich mich besonders verbunden. So oft war ich in den letzen Wochen dort. Fast täglich. Lächle die Familien, die Besitzerin des kleinen Ladens an. Unvorstellbar, dass ich das hier nicht mehr wiedersehen werde. Wir verabschieden uns lachend. Es ist schön, dass es nichts so ganz besonders ist. Dass es wie immer ist. Es ist fast wie immer.
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so viele kleine Ärmchen

Ich bleibe alleine sitzen, an der Stelle, an der wir unterrichten. Ich will nicht gehen. „Ate Johanna, I will miss you!“ einer der Jungs sitzt neben mir und schaut mich mit großen Augen an. Ich werde dich auch vermissen. Ich drehe mich noch einmal zu ihm um, sehe ihn gehen. Wir fahren zurück zum Shelter und ich verdrücke einige Tränen.
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Mir wird bewusst, wie sehr ich alles hier liebe. Und alles, was man zusammen erlebt macht es nochmal schlimmer „Bis Bald“ zu sagen. Man schließt Minuten in sein Herz und will, dass es so bleibt. Dass es nie endet. Ich werde wohl auch noch ein paar Tränen hier lassen. Das ist Teil davon. Jeder Ort, jeder Mensch hat seine Zeit und man muss akzeptieren, dass diese begrenzt ist.
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