Eine arme Kirche für die Armen?

14. Feb 2016 | von | Kategorie: Freiwillige 2015/16, Lukas Matzick in Benin

„Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“ – Papst Franziskus

Ich werde im folgenden Eintrag ein wenig Wut herauslassen. Diese Wut im Bauch ist geblieben, auch nachdem ich darüber geschlafen habe und auch, nachdem ich noch den ganzen Tag nachdenken konnte vielleicht hat sich das Gefühl sogar noch verstärkt!

1. Advent in Dogbo… Chrispalde, eines der Mädchen nebenan, klingelt mich um 7:30 Uhr aus den Federn, um mich mit in den katholischen Gottesdienst zu nehmen. Um 9:00 Uhr ist der heute und noch dazu auf Französisch. Die Kirche ist sogar um diese Uhrzeit schon aufgeheizt und so laufen die Ventilatoren auf Hochtouren. Die Messe nimmt ihren normalen Gang. Außer dem Ablauf verstehe ich heute auch größtenteils, was der Priester spricht. Da alles nach der französischen Version auch noch auf Adja wiederholt wird, dauert der Gottesdienst entsprechend lange. Auch wird mir heute nochmal bewusst, dass die Kirche hier wohl eher keine Geldsorgen hat, denn die Holzfiguren (Holz ist teuer) sind riesig und vielfach vorhanden.

Das einzig für mich adventliche, ist die dominierende liturgische Farbe Violett im Altarraum. Außer diesem einen Symbol, würde ich das Datum spontan auf Mitte Juli schätzen, aber nicht kurz vor Weihnachten. Dem Fest, an dem Jesus zu uns auf die Erde gekommen ist- geboren in einem bescheidenen Stall.

Bevor der Gottesdienst beendet wird, gibt es noch eine dritte Kollekte. Zuerst öffnet ein Priester unter tosendem Beifall einige Umschläge, die die Gesamtsumme von 1000000 (einer Million) Franc CFA enthalten. Das entspricht einem Wert von etwas über 1500 €!

Erst jetzt erklärt mir Chrispalde, dass das Geld für den bereits begonnenen Kirchenneubau ist.

Nun beginnt aber erst der Hauptteil:

Anfangs gehen die „Großspender“ nach vorne, geben ihr Geld ab und der Name wird zusammen mit dem Betrag für alle ausgerufen. Schließlich werden die Beträge immer kleiner und auch der Jubel wird verhaltener. Aber natürlich ist die Aktion noch nicht vorbei. Immer wieder feuert der Mann am Ambo die Leute weiterzuspenden.

Wenn ich nur auf den Geldzähltisch schaue wird mir schwindelig. Was man mit dem Geld helfen könnte! Ich habe fast das Gefühl, wenn Jesus in der Kirche gewesen wäre hätte er et was gesagt wie:„ Mein Tempel soll eine Stätte sein, an der die Menschen zu mir beten können! Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!“

Durch den nicht abreißenden Strom und die durchgehenden Anfeuerungen baut sich ein gewisser Druck  auf. Ich bin froh, nur Opfergeld eingepackt zu haben, denn ich bin mir nicht sicher ob es mir sonst so leichtgefallen wäre, auf meiner Position zu bleiben. Ich fange auch einige Blicke zu dem Reichen, Weißen auf, die ich aber mit einem nichtssagenden Lächeln abwehre.

Am Ende wird dann auch noch das Gesamtergebnis verkündet: 2 800 000 FCFA! Das sind fast 4300 €! Und wofür? Für einen Kirchenneubau, in einem Land, einer Stadt, in der Kinder nicht zur Schule gehen können oder Hunger haben.

Gerade hier, wo man diese Kirche für die Armen platzieren könnte, wird daraus eine Kirche von den Armen.

Von dem gesammelten Geld könnte man über 200 Kinder zusätzlich in die Schule schicken und noch viel mehr Mahlzeiten verteilen.

Am Montag fragt mich ein Mitarbeiter des Projekts, der mich im Gottesdienst gesehen hat, wie viel ich denn gespendet hätte. Auf meine Antwort:„Null!“, reagiert er mit Unglauben und auch meine Argumente kann oder will er nicht nachvollziehen.

Denn nach der vorherrschenden Meinung, braucht man eine große Kirche, um anständig Gottesdienste feiern zu können. Niemand, wirklich niemand soll dauerhaft stehen bleiben im Gottesdienst. Da die Kirche nicht über Geldeinnahmen, z.B. aus der Kirchensteuer, verfügt, wird viel von den Gläubigen finanziert. Auch soll Dogbo (angeblich) eine Diözese werden (der nächste Bischof ist im 20km entfernten Lokossa), weshalb der Kirchenneubau „angeordnet“ wurde. Außerdem haben „wir“ in Europa ja auch solche großen Kirchen! Dieses Argument klingt für mich am sinnvollsten, denn ich denke, dass einige Kirchen in Europa sicherlich auch so finanziert wurden und auch denke ich, dass dieser gewisse Druck nicht unbedingt aufgebaut werden sollte!

Meiner Meinung nach ist es dennoch nicht sinnvoll, das Geld von den Ärmsten der Armen einzutreiben…

Ich glaube der Papst hat dennoch eine sehr große Aufgabe vor sich!

Liebe Grüße und bis bald

Lukas

P.S. Dieser Blogeintrag hat etwas in meinem Rechner geschlummert, wie das Gottesdienstdatum verrät, aber ich habe etwas gebraucht, um diese Thematik verarbeiten zu können. Dieses Ereignis hat mich etwas von der Kirche zurückgeschreckt hat; seitdem war ich noch zweimal im Gottesdienst- an Weihnachten und am Aschermittwoch.

P.S.S. Eine mögliche Erklärung für dieses Vorgehen erhielt ich wenig später: Ein Freund meinte, dass die Kirche solche Praktiken aus dem Voodoo übernommen hat, denn dort müssen regelmäßige Opfergaben für die „Zauber“ dargebracht werden, von denen die Fetischeure nicht schlecht leben!

P.S.S.S. Ein weiterer Blogeintrag ist fast fertig gestellt.

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