Es scheint mir wie Erinnerungen an längst vergangene Zeiten

Der Beginn dieses Jahres scheint schon ewig her zu sein und Weihnachten erst… Und so muss ich voll Schreck feststellen, dass ich noch nicht einmal über die Vorweihnachtszeit berichtet habe und wieder einmal beschleicht mich das Gefühl, dass ich mich in einem Dauerlauf gegen die Zeit befinde. Nichtsdestotrotz schadet es ja nicht, noch einmal ein bisschen in Erinnerungen zu schwelgen und euch an einigen schönen Momenten meines Jahresendes teilhaben zu lassen.

„Viva Cristo Rey! – Para siempre en nuestros corazones!“ („Es lebe Christkönig! – Für immer in unseren Herzen!“) hieß es Ende November. Anlass für wochenlange Vorbereitungen, viele strahlende Gesichter und Festtagskleidung war nicht nur die Verabschiedung des Kirchenjahres sondern auch der Patronatstag der Schwesterngemeinschaft („Siervas Misioneras de Christo Rey“). Nach dem feierlichen Gottesdienst gab es mit dem Bischof, den Schwestern, allen Mädchen, dem Personal und Freunden des Heims ein Mittagessen, das ich wohl nie vergessen werde. Dafür wurde bereits ein halbes Jahr lang liebevoll das „Festtagsschwein“ gefüttert, gepflegt und schließlich geschlachtet. Es wurde also Schwein in verschiedensten Variationen mit allerlei Beilagen, Soßen und liebevollen Kleinigkeiten serviert und es gab wohl keinen, der nicht proppevoll und zufrieden den Tisch verlassen hat.

ein kleiner musikalischer Eindruck:

Festgottesdienst mit Festmusik 🙂
Bei einem solchen Fest darf keiner fehlen: Die Schwestern, alle Mädchen und das gesamte Mitarbeiterteam
das Festtagsschwein
Darf ich vorstellen: das Festtagsschwein
mmhh! Wenn da mal nicht für jeden etwas dabei ist!

Da aber bekanntlich auf jeden Abschied auch ein neues Willkommen folgt, haben wir nicht nur das alte Kirchenjahr verabschiedet, sondern genauso gebührend das neue Jahr mit Beginn der Adventszeit eingeleitet. Was mich wirklich überrascht hat, ist die Tatsache, dass der Advent keine Bedeutung zu haben scheint – Adventskränze gibt es nicht wirklich und auch mit meinem „zählen“ der Adventssonntage stand ich ganz schön allein da. Statt feierlichen Adventssonntagen habe ich hier sogar Wortgottesdienste zum 3. Adventssonntag erlebt. Was allerdings in der nicaraguanischen Vorweihnachtszeit wirklich besonders ist, sind die ersten Tage des Advents: Purísima. Ein Fest, das mir sowohl von seiner Bedeutung, als auch von seinen Bräuchen völlig fremd war, aber definitiv zu den kulturellen Highlights gehört, die ich bis jetzt kennenlernen durfte.

Historisch und religiös gesehen, erinnert das Fest (das in etwa eineinhalb Wochen dauert) daran, dass Maria, die Mutter Jesu, im Gegenteil zu allen Menschen keine Ursünde besaß und auch sonst sündenfrei war.

Man stelle sich so viele Farben, Menschen, Musik und Begeisterung vor, wie es nur geht, und verdoppele die Menge noch einmal. Wer – wie ich dachte – die sogenannte „Bajada“ (die Marienstatue in der Kathedrale wurde vom Hochaltar herabgehoben) und damit der Beginn der Woche wäre der Höhepunkt gewesen, lag weit daneben. Und doch: eine so emotionale und pompöse Messe habe ich noch nie erlebt – ich glaube, dass ich nicht mal zu meiner eigenen Erstkommunion oder Firmung so eine dicke Gänsehaut hatte. Den ganzen Gottesdienst über wurde die Marienstatue von der Nationalgarde bewacht (nein, Staat und Kirche sind hier nicht getrennt) und in Deutschland hätte man die Kirche wohl wegen Überfüllung geschlossen. Armeeorchester, feierliche Mariengesänge und die ungebremste Begeisterung zu allen meinen Seiten – ich erinnere mich noch gut an die atemberaubende Stimmung!

Die sagenumwobene Marienstatue der Kathedrale in festlichem Gewand
Die sagenumwobene Marienstatue der Kathedrale in festlichem Gewand

Im Verlauf der folgenden Woche erstrahlten allerorts geschmückte Marienaltäre und die Marienhymnen nahmen kein Ende – solange bis auch ich mit den Mädchen im Heim mitschmettern konnte! J Morgens um 6 Uhr füllte sich die Kathedrale bis auf den letzten Platz zum Gottesdienst (ich habe mich nicht nur einmal gefragt, zu was für einem Anlass man so viele Menschen um diese Uhrzeit in den Erfurter Dom locken könnte!). Jeden Nachmittag wurde die Marienstatue angebetet und danach zu ihren Ehren Süßigkeiten und kleine Geschenke an alle verteilt. Im Heim „Madre Albertina“ war jeden Tag ein Mitarbeiter für das Spendieren verantwortlich. Wie gut, dass ich wenige Tage vorher ein etwa 8kg (!) schweres Paket aus der lieben Heimat bekommen hatte und so konnte ich mit Weihnachtskeksen, Süßigkeiten und Kakao den Mädels und Mitarbeiterinnen einen kleinen „Adventsgruß aus Deutschland“ bescheren, der auf rege Begeisterung gestoßen ist. An anderen Tagen gab es Limo, Banane und Lollys oder ein besonders leckeres Mittagessen. Zudem wurde jeden Abend in einer feierlichen Prozession die Marienstatue der Kathedrale aus einem anderen Stadtviertel zur Kathedrale getragen. Dafür gestaltete das jeweilige Stadtviertel einen Wagen – natürlich ging es neben der religiösen Aussagekraft auch darum, den schönsten und beeindruckensten Wagen zu haben. Ich weiß nicht, ob in dieser Woche einige Leute überhaupt Zuhause waren oder sich einfach dauerhaft in der Innenstadt aufhielten.

So kann man einen Wage schmücken...
So kann man einen Wage schmücken...
... oder auch so!
... oder auch so!

In der Nacht vom 7. zum 8. Dezember schließlich fand das Fest („Mariä Unbefleckte Empfängnis“) in der Purísima seinen Höhepunkt. Dazu öffnen jährlich in ganz Nicaragua die Menschen ihre Haustüren und lassen Fremde in ihr Haus, die vor dem Marienaltar beten und singen. Als Dankeschön werden an alle, die kommen, Süßigkeiten, Obst, kleine Geschenke und sogar Lebensmittel verteilt. Auch mit den Mädchen waren wir bis tief in die Nacht unterwegs. Völlig erledigt und mit einem Bus, der bis zum letzten Fleck mit all den Dingen vollgestopft war, kamen wir kurz vor Mitternacht endlich wieder Zuhause an. Mein Gastpapa musste mir sogar mit meinen Sachen helfen… Zu dieser Nacht kamen in den folgenden Tagen weitere kleinere Gebete und Feiern, von denen jeder eine mehr oder weniger kleine Kleinigkeit mitbrachte.

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wir haben wohl die Nacht zum Tag gemacht! 🙂
und wirklich ÜBERALL gab's eine "Kleinigkeit" - unfassbar!
und wirklich ÜBERALL gab's eine "Kleinigkeit" - unfassbar!

Ansonsten präsentierte sich die Adventszeit mit viel Arbeit und wenig Zeit zum Durchatmen – der Adventsstress hat mich also sogar bis ans andere Ende der Welt verfolgt. Und habe ich mich in den vergangenen Jahren bis zum Heiligen Abend wenig weihnachtlich gefühlt, so war es dieses Mal noch weniger der Fall, was nicht heißt, dass ich nicht zufrieden war. Ein kleiner Schock erwartete mich jedoch Mitte Dezember, als wir mit dem Mitarbeiterteam zur Weiterbildung an die Pazifikküste fuhren. Die Information, dass es ein schönes und großzügiges Haus sei würde, hatte ich etwas unterschätzt und so kam ich mir etwas seltsam vor, als ich den weißen, polierten Fliesenboden, die Klimaanlage und vor allem den Pool im Garten sah. Irgendwie fühlte sich dieser Luxus fast schon unbequem und ungewohnt an… Trotzdem hatten wir wunderbare Tage und einen kleinen Vorgeschmack auf den Urlaub.
So füllte mich die Arbeit voll und ganz aus und wie die Mädchen war auch meine Vorfreude auf die Ferien groß (vor allem, weil ich meinen ersten Besuch erwartete!).

Ich war völlig von den Socken als ich dieses Weiterbildungsambiente gesehen habe!
Ich war völlig von den Socken als ich dieses Weiterbildungsambiente gesehen habe!
ohne Worte!
ohne Worte!

Mein Freund landete am Abend des 17.Dezembers hier in Nicaragua und endlich hatte ich jemanden, mit dem ich einen kleinen Teil meines großen Nica-Abenteuers teilen konnte. Natürlich war es auch etwas ungewohnt, weil ich plötzlich nicht mehr wusste, in welche Welt ich eigentlich gehöre; weil mir das erste Mal bewusst wurde, wie ich mich bereits verändert habe; und nicht zuletzt, weil ich die Schlüsselrolle des Dolmetschers trug – was mir so einige Knoten im Hirn beschert hat. Man muss ehrlicherweise sagen, dass wir uns irgendwie erst einmal neu kennenlernen mussten – wieder bin ich um eine Erfahrung reicher! Doch vom ersten Moment an haben wir die gemeinsame Zeit auch in vollen Zügen genossen, denn so schnell die Zeit sonst vergeht, so schnell würden auch diese guten 3 Wochen vergehen.

Wir erkunden endlich zusammen Nicaragua!
Wir erkunden endlich zusammen Nicaragua!
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und auch die Mädchen im Heim "Madre Albertina" waren sichtlich begeistert 🙂

So war auch das Weihnachtsfest schneller herangerückt, als wir es für möglich gehalten hätten. Ich glaube, ich habe das erste Weihnachtsfest meines Lebens ohne Kirchbesuch gefeiert, was nicht etwa daran liegt, dass meine Gastfamilie nicht in die Kirche gehen würde – nein, ganz im Gegenteil!. Da irgendwie nicht ganz klar war, wann die Messe beginnen würde, Besuch erwartet wurde und mit Beginn des Glockengeläuts (die Kirche ist von unserem Haus aus hör- und sichtbar) das Weihnachtsessen fertig war, entschieden wir kurzerhand lieber gemütlich und mit viel Ruhe gemeinsam zu essen. Die Zeit bis Mitternacht verbrachten wir mit Weihnachtsliedern – in spanischer wie in deutscher Sprache –, Tanz und wunderbar gemütlichem Beisammensein. Besonders um Mitternacht dann erinnerte mich das Ambiente stark an Sylvester, denn es wurden überall Raketen, Chinaböller, Knallfrösche und Wunderkerzen gezündet. Es folgten zahlreiche Umarmungen, „Feliz Navidad“s (Frohe Weihnachten) und viele gute Glückwünsche.

… (hier müssten noch viel mehr Erlebnisse und Erfahrungen geschrieben stehen, aber für den Moment soll es erst einmal genug sein!)

So viele Dinge, die passieren, – und es sind noch längst nicht alle – und so viele Erinnerungen, die mir bleiben und die mir niemals irgendjemand wegnehmen kann!

Nach wie vor schlafe ich jeden Abend unendlich dankbar und glücklich ein. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass die Zeit so schnell verfliegt…

Allerherzlichste Sonnen-Grüße und bis ganz bald
Katharina