Weihnachten mit allen Sinnen

22. Dez 2015 | von | Kategorie: Freiwillige 2015/16, Johanna Saalfrank auf den Philippinen

„Stille Nacht, Heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht..“

Der Geruch von Zimt, Nelken und Butterplätzchen auf den Fingerspitzen. 27°C und brennende Sonne auf der Haut. Es ist knapp zwei Wochen her, als ich so unseren Shelter verlassen habe und das erste Mal einen Hauch von Weihnachten gespürt habe – Ich habe den Frauen gezeigt, wie man Plätzchen backt. Das Weihnachten auf den Philippinen wird besonders. Es wird anders. Es ist interessant.

Es tut echt gut, auch wenn man für Butter ein Vermögen ausgibt

Es tut echt gut, auch wenn man für Butter ein Vermögen ausgibt

Angefangen von Weihnachtsdekorationen in den Malls, die schon ab Mitte September keine Seltenheit mehr waren, über die kitschigen Christmassongs in den Monaten Oktober und November, bildet der Dezember den Höhepunkt des „Weihnachtswahnsinns“. Und so gab es in den letzten Wochen in unserem Shelter Tuluyan fast keinen Tag, an dem wir nicht Familien eingeladen, Weihnachtsdekoration gebastelt oder unsere Partner bei den Feiern unterstützt haben.

ganz dezente Dekoration im Hintergrund

ganz dezent im Hintergrund

In den letzten drei Wochen insgesamt sechs Veranstaltungen, bei denen verschiedene Firmen und Vereine mit den Kindern spielen, sie mit Kleidung, Süßigkeiten, Spielzeug und einem gutem Essen beschenken.

Es laufen solche Christmassharings – Weihnachtsteilen, wie sie hier genannt werden fast immer wie folgt ab:

Zunächst stellt sich die Firma, Organisation oder der Verein kurz uns, den Familien und Kindern vor und dann wird gespielt. Von Sackhüpfen, Eierlauf mit kleinen Citrusfrüchten ist alles dabei. Manchmal folgt eine Art Talentshow, bei der jeder der Lust hat etwas vortanzen oder vorsingen kann – Gewinner ist der, bei dem das Publikum bebt. Nach dem Spiel und Spaß gibt es für alle zusammen ein Essen, das fast immer aus Reis, frittieren Hähnchen und philippinischen Spaghetti, Nudeln mit süßer Hackfleischsoße, besteht. Anschließend bekommt jedes Kind von einem Vertreter der Firma eine voll gefüllte Tüte überreicht, es wird nach einem kurzen „Salamat po“ (- Danke) in die Kamera gelächelt und schon trennen sich die Wege der Straßenkinder und den Mitarbeitern. Die Kleinen reißen die Geschenke auf, naschen die Kaubonbons und begutachten Ihre neuen FlipFlops oder schauen mich fragend an, während sie einen Schreibblock in ihren Händen halten. Nach etwa drei Stunden verlassen satte, ausgepowerte Kinder und zufriedene Firmen die Gebäude – ohne auch nur einmal die Weihnachtsgeschichte gehört zu haben.

Sackhüpfen . ein internationales Spiel

Sackhüpfen . ein internationales Spiel

Mädchen beim Auspacken

Mädchen beim Auspacken

Wenn ich, aus ein paar Metern Entfernung diese „Partys“ beobachte, die mich sehr an einen Kindergeburtstag erinnern, habe ich das Gefühl, dass es mehr um Entertainment als um Weihnachten geht. Ja, die Kinder spielen und natürlich freut es mich, wenn die Kinderaugen leuchten, wenn sie aus vollstem Halse lachen können und sich nicht darum sorgen zu müssen, wo sie beim nächsten Hunger ein bisschen Reis herbekommen. Aber es schein mir manchmal alles so durchgeplant, so gespielt. Ich habe oft das Gefühl, es ist vieles inszeniert um möglichst viele Teilnehmer glücklich zu machen. Und ich möchte auch gar nicht sagen, dass es manchmal in Deutschland nicht genauso laufen würde, aber trotzdem hätte ich mir an vielen Stellen ein bisschen mehr Besinnlichkeit, Ruhe und das Erinnern an den eigentlichen Grund gewünscht. Stattdessen beobachte ich eine Mädchengruppe, die zu Justin Bieber, Miley Cyrus oder Dawin, für meine Verhältnisse doch ziemlich anrüchig, tanzt. Es ist natürlich meine persönliche Meinung und man kann es sicher nicht auf die gesamte Kultur der Filipinos überschreiben und ich hab auch keineswegs etwas dagegen, wenn man Weihnachten „richtig feiert“ und es nicht so romantisch wie in Deutschland zugeht, jedoch denke ich, dass man den eigentlichen Grund nicht vergessen darf.

Auch deshalb ist es nicht leicht in Weihnachtsstimmung zu kommen. Jedoch helfen uns genau hier die Sinne. Sei es der Duft der frischgebackenen Plätzchen, der Geschmack von Vanillekipferln auf der Zunge oder der Chor, der in der Kirche sich an der deutsche Strophe von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ probiert, obwohl wohl nie jemand einsam wachen wird. Vorallem Traditionen und Vertrautes machen doch unser Weihnachten aus.

Apropos Tradition.

Die traditionelle philippinische, nicht kommerzialisierte, Vorweihnachtszeit erlebe ich hier bei den Schwestern. Die Vorweihnachtszeit beginnt neun Tage vor Weihnachten – das „Simbang gabi“. Es wird jeden Abend ein Gottesdienst gefeiert, bei dem immer Teile der Weihnachtsgeschichte vorgelesen werden und dazu gepredigt wird. Das Weihnachtsfest selbst wird Mitternacht, von der Nacht vom 24. auf den 25. gefeiert werden. Am Heiligabend trifft man sich, nach der letzten Simbang gabi – Messe, in den Familien und isst zusammen Um 24.00 Uhr werden die Geschenke ausgepackt und der eigentliche Weihnachtsgottesdienst findet statt.

traditionelle "parol lantern" - dezente Deko

traditionelle "parol lantern" - schlichte Deko

Dekoration im College

Dekoration im College

Es ist unglaublich interessant, wie verschieden Weihnachten an verschiedenen Orten unseres Planeten gefeiert wird, wie es doch fast immer ein Familienfest ist und welch starken Einfluss die Werbung und die Medien darauf haben. Ich finde wir sollten ihnen gerade bei einem solchen Fest nicht zu viel Macht geben und uns doch wenigstens eine Stille Nacht gönnen, die wir ganz traditionell genießen.

Maligayang Pasko at Manigong Bagong Taon.

Fröhliche Weihnachten und einen schönen Start ins neue Jahr!

Johanna

Merry Christmas - Meine "Chefin" Sr. Cecille und ich

Merry Christmas wünschen Sr. Cecille und Johanna

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