Störung im System

Es begann alles mit den Schreien des Tokays, die mich in der ersten Nacht wachhielten. Zu der Zeit dachte ich noch, dass das die Balz-Rufe irgendeines komischen Vogels seien; mir war gar nicht bewusst, dass Geckos Geräusche machen können. Der Schrei des Tokay-Geckos besteht aus einem kurzen „Toktoktoktoktok“-Stakkato, gefolgt von mehrmahligem lauten „Tak-kooh“-Rufen, die so ulkig klingen, dass sie jeden unweigerlich zum Schmunzeln bringen. Zusätzlich noch der Gesang von Grillen oder der der Mönche aus dem benachbarten Tempel. Mir wurde bewusst, dass ich nicht mehr in meinem geräuschlosen abgedunkelten WG-Zimmer in Deutschland bin, in dem geschlossene Fenster jeden Laut fern halten. Nein, ich befand mich nun im Volunteer’s Dorm von Wat Opot. Im ländlichen Kambodscha. Sozusagen mitten in der Natur.

Tokay-Gecko
Tokay-Gecko

So wie vieles Anderes hier stellte das erstmal eine Störung im System für mich dar. Aber meinen bisherigen Beobachtungen zufolge kommen diese kleinen Irritationen in Kambodscha stets mit einer Menge Humor daher. In der zweiten Nacht war ich so durstig, dass ich quer über das fünf Hektar große Gelände lief, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Lucy, einer der drei Hunde von Wat Opot, kannte mich anscheinend noch nicht und lief laut kläffend um mich herum. Ich versuchte, das Tier mit meiner Wasserflasche zu verscheuchen, wodurch das Kläffen aber nur noch lauter wurde. Der Wachmann auf dem Gelände leuchtete mir mit der Taschenlampe ins Gesicht und ich rief reflexartig: „I live here!“ Daraufhin schenkte er mir sein breitestes Grinsen und wünschte mir eine gute Nacht. („Ria-dtrey sua-sdey!“)

Junge in Schuluniform
Junge in Schuluniform

Die Kinder sind laut, stark und wild. Ihr Selbstbewusstsein scheint unerschütterlich und von Anfang an wurde ich ausgefragt und –getestet. Man muss ja erstmal schauen, ob der Neue auch reinpasst. Dabei sind sie entwaffnend ehrlich, mit frischem Witz ausgestattet und haben von Höflichkeitsfloskeln noch nie etwas gehört. Ihr Lieblingswitz ist: „Lenny! Lenny! Lenny!“ (Sie rufen mich „Lenny“, weil die Aussprache einfacher ist.) „What?“

„Wat Opot!“

Wat Opot, mit Blick auf den Girl's Dorm
Wat Opot, mit Blick auf den Girl's Dorm

Am letzten Samstag habe ich mit ein paar Jungs Krabben auf einem Matschfeld gesucht. Wir haben nach den schmalen Löcher Ausschau gehalten, die sie beim Graben hinterlassen, sie mit der Schaufel vergrößert und ich hab meinen Arm hinein gesteckt und gefühlt, ob ich einen Krabbenzange zu fassen bekomme. Wenn die Kinder dann einen großen Eimer Krabben zusammen haben, werden Selbige häufig abends im Girl’s Dorm gekocht und gemeinsam verspeist. In Deutschland würden erst dreiundzwanzig Bedenken geäußert, bevor sowas überhaupt in Erwägung gezogen würde; Ähnliches habe zumindest ich bisher erlebt. Hier scheint alles freier, ursprünglicher. Ich kann soviel lernen von den Kids, auf eine gewisse Art und Weise haben sie mir viel voraus.

Es gibt noch soviel mehr zu erzählen, z. B. von den Killing Fields oder meinem Ausflug zu dem nahegelegenen Phnom Chisor (ein nahegelegener  buddhistischer Tempel auf einem Hügel). Ihr könnt’s euch aber anschauen; Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Das nächste Mal ein paar Infos darüber, was ich hier den ganzen Tag so mache!

Lennart

Im Restaurant in Phnom Penh
Im Restaurant in Phnom Penh

PS.: Im letzten Eintrag ist ein dicker Fehler. Die zweite Verantwortliche im Projekt, Melinda, kommt morgen aus Österreich und nicht aus Australien wieder. „Austria“ und „Australia“ klingen ähnlich; das müsst ihr mir zugestehen. Auf jeden Fall bin ich gespannt auf das Zusammenleben und –arbeiten mit ihr!

Phnom Chisor
Phnom Chisor
Der Himmel leuchtet jeden Abend in anderen Farben
Der Himmel leuchtet jeden Abend in anderen Farben