Flug ins Ungewisse

Zunächst: Ich bin gut angekommen! Seit Mittwoch lebe ich nun in der Wat Opot Children’s Community zusammen mit anderen Freiwilligen, Mitarbeitern und circa fünfzig Kindern und versuche immer noch, mich an die Temperaturen und das nächtliche Grillen-Konzert zu gewöhnen. Ich bevorzuge es aber, ganz von vorn anzufangen…

… die letzten Wochen vor der Abreise waren die schwierigsten! Im Grunde erfreute ich mich gerade des Lebens; lag häufig in der Sonne, ging abends mit Freunden ins Restaurant und verbrachte sehr viel Zeit mit meinem Freund. In der Gewissheit, dass das alles bald vorbei sein würde, klammerte ich mich an jeden Moment und versuchte, die Zeit bis zum letzten Moment auszukosten. Häufig verdrängte ich die baldige Abreise gar und mein Umfeld wunderte sich, warum ich mir so wenig anmerken ließ. Die Zeit bis zum 4. August verging rasend schnell und erst in der Hektik der letzten Wochen mischte sich auch Aufregung und Vorfreude dazu. Am Samstag vor der Abreise fand dann die Abschiedsparty statt, inklusive Grillfleisch, Sekt und Mini-Pool, welcher stets voll besetzt war. Ich bekam nochmal die Möglichkeit, alle meine Berliner Freunde auf einen Haufen zu schmeißen und kaputtzuknuddeln.

Die Meisten verewigten sich noch in meinem kleinen Büchlein mit guten Wünschen und herzigen Liebesbekundungen, welches ich versprach, erst in Kambodscha zu lesen. Und eh’ ich mich versah, stand ich schon mit Handgepäck und Trekking-Rucksack (fast so groß wie ich) am Flughafen.

Der kleine Lenny und die große weite Welt…

Ein Satz meiner Mutter („Das wird alles gut, wir sind doch alle Weltenbürger!“) und das gute Zureden meiner beiden Lieblingsmenschen vermochten es, meine Aufregung zu stillen. Im Flieger war ich dann der heimliche Star, weil selbige – für alle sichtbar auf der Aussichtsplattform – gemeinsam ein Herz aus ihren Armen bildeten. Eine Gruppe junger Frauen huldigte dieser rührenden Geste mit lauten „Oh, süß!“-Rufen, mein Herz machte einen Sprung und das Flugzeug hob ab.

Nach 23 Stunden hatte ich den Flug-Marathon hinter mir, allerdings nicht ohne mich mit meinem Sitznachbarn, dem sonnigen Sonny, anzufreunden. Der Deutsch-Vietnamese besucht seine 85-jährige Mutter in Saigon und hat mich für den nächsten Sommer zu geschmortem Schweinebauch in seine Wohnung in Berlin eingeladen. Es tut gut, nach meinem Freiwilligendienst schon Pläne zu haben!

Angekommen in Phnom Penh lernte ich noch meine Projekt-Leiterin Melinda kennen. Diese musste aber direkt weiter wegen eines zweiwöchigen Aufenthalts in Australien. Mit zwei anderen Frewilligen, Jackie aus Neuseeland und Linda aus den USA, fuhr ich im Jeep die eine Stunde in die Provinz Takeo nach Wat Opot. Auf dem Weg prasselte ein dichter Bilderregen auf mich herab:

Lebenspraktisch
Lebenspraktisch

Meine ersten Eindrücke waren gelber Staub, der von den vielen Motorrollern aufgewirbelt wurde, Palmen über Reisfeldern, knochige Wasserbüffel am Straßenrand, Menschen, die unter ihren Stelzenhäusern in der Hängematte lagen. Unzählige Straßenstände mit Souvenir-Buddhastatuen, frittiertem Hühnchen, Tropenfrüchten und allem, was das Herz begehrt. Autos, aus deren Kofferräumen Motorräder herausragten oder zwanzig junge Arbeiter, die auf der Ladefläche eines Lastwagens in den Feierabend fuhren, hatte ich bisher noch nicht gesehen und erzeugten eine Gänsehaut bei mir. All diese Dinge rauschten so schnell an mir vorbei, dass ich gar nicht genug Zeit hatte, alles zu verarbeiten. Sie machten die Neugierde größer, was mich wohl in Wat Opot erwarten würde…

… aber davon mehr beim nächsten Mal!

Lennart