Eine andere Facette Brasiliens

25. Jun 2014 | von | Kategorie: Kinderträume in Brasilien, Reise
Ein deutscher Fan im Gespräch mit einem Jugendlichen von AdoleScER. Foto: Renato Spencer/Getty Images

Ein deutscher Fan im Gespräch mit einem Jugendlichen von AdoleScER. Fotos: Renato Spencer/Getty Images

Stadien, Shoppingcenter und Strandressorts – das ist die eine Seite Brasiliens, die die Fans der deutschen Nationalmannschaft in den letzten Wochen kennengelernt haben. Heute haben sie eine ganz andere Facette von Brasilen erlebt. Zusammen mit einer Gruppe von zwölf Fans sind wir nach Caranguejo, ein Armenviertel in Recife, gefahren. Hier hat die Organisation AdoleScER einen ihrer Projektstandorte. Gewaltprävention und Gesundheitsarbeit mit Jugendlichen sind die wichtigsten Säulen der Arbeit von AdoleScER.

Da sind wirklich Welten aufeinander geprallt. Heute wird in Brasilien das Johannesfest (São João) gefeiert. Die Menschen zünden viele Böller, in den Straßen werden Feuer gemacht und von überall her dröhnt laute Musik. Außerdem ist es leider auch ein Tag, an dem Alkohol und Drogen in Caranguejo besonders präsent sind.

An einer Hauswand deutet eine Zeichnung auf den Namen des Armenviertels hin.

Immobilienspekulation bedroht die Heimat der Menschen, die hier leben, denn Caranguejo liegt recht zentral in der Metropole Recife. Die langjährige Projektkoordinatorin Gunde Schneider erklärt den Besuchern den Ortsnamen: „Caranguejo bedeutet Krebs. In den Becken hinter den Wohnhäusern fischen viele Bewohner und verkaufen ihren Fang dann an Großproduzenten. Der Name hat aber auch eine andere Symbolik. Das Viertel Caranguejo existiert so seit etwa 40 Jahren und es hat sich in der Zeit wenig verändert. Wir gehen nicht nach vorne, sondern bewegen uns lediglich zu den Seiten, wie ein Krebs – bis wir bald an die Hochhäuser Recifes stoßen.“

Die Jugendlichen bei AdoleScER beschäftigen sich mit Themen wie Bürgerrechten, Gewaltprävention oder Drogen. Nach dem Prinzip der peer-education klären sie ihre gleichaltrigen Freunde auf. Dieses Schneeballprinzip hat den Fans anschaulich vor Augen geführt, was nachhaltige Projektarbeit in der Praxis bedeuten kann.

Die Jugendlichen haben uns gezeigt, wo sie leben und wie ihr Alltag aussieht. Die Fans haben die Eindrücke und Informationen wie Schwämme aufgesogen. „Das ist eine komplett andere Welt“, war häufig von den Fans zu hören. „Aber wir kommen nicht nur wegen des Fußballs. Wir möchten auch das Land kennenlernen und verstehen“, hat einer aus der Gruppe gesagt. Die Lebensumstände an sich, aber auch der Umgang mit den Hürden und die lebensbejahende Einstellung haben die Fans sichtlich beeindruckt. Fließend Wasser gibt es hier erst seit ein paar Monaten. Das ist mit ein Grund für die hygienischen Verhältnisse in dem Viertel.

Gruppenfoto zum Abschied

Gruppenfoto zum Abschied

Die schlecht funktionierende Müllentsorgung hat die Fans geschockt und viele Fragen aufgeworfen: „Ist das nicht gefährlich, wenn man hier jeden Tag barfuß lang läuft? Kommt die Müllabfuhr zu euch? Wieso gibt es keine Mülleimer? Welche Visionen habt ihr für euer Viertel?“ Die Jugendlichen haben erzählt und die Fans haben an ihren Lippen geklebt. Sie sind eingetaucht in eine andere Welt. Hinterher haben mich viele der Fans angesprochen und versucht, ihre Eindrücke zu artikulieren. Immer wieder sind die Worte „Ungleichheit“ und „Kontraste“ gefallen – sowohl zwischen Deutschland und Brasilien, als auch innerhalb Brasiliens. Beim Abschied haben sich die Fans mit Trikots der Nationalmannschaft und einer Geldspende für die Eindrücke bedankt. Besonders bedankt haben sie sich dafür, mitgenommen worden zu sein in diese andere Welt, in der die Menschen so wenig haben und doch so viel daraus machen.

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