Doch, mich gibt’s noch…

Jetzt ist schon wieder viel Zeit ins Land gezogen, alles läuft auf die 2. Halbzeit meines Freiwilligendienstes zu und deshalb wird es auch mal wieder Zeit, über einige Dinge zu berichten.

Evo Morales, seine Partei MAS und sein Weihnachtsgeschenk
2014 sind Wahlen hier in Bolivien. Gewusst hatte ich das zwar, aber so richtig bewusst wurde mir das erst in den Wochen vor Weihnachten, als es immer um das Weihnachtsgeld ging.
Evo Morales hat nämlich verfügt, dass allen Arbeitern ein zweites Weihnachtsgehalt ausgezahlt werden muss. Das sollte ihn wohl beliebt machen und einen Schritt näher an seine Wiederwahl bringen. Dass das aber alles gar nicht so gut und rosig läuft, wie es sich Evo vielleicht vorgestellt hat, hat sich mir in dieser Zeit gezeigt.
Erst einmal gibt es viele Unternehmen, die jetzt große finanzielle Probleme haben, weil sie nicht wissen, wo sie das zusätzliche Geld, das sie ausgeben müssen, herbekommen sollen (Lösungsmöglichkeiten scheinen Entlassungen, unbezahlte Urlaube,… zu sein). Zahlen sie das doppelte Weihnachtsgehalt aber nicht aus, kann ihnen eine Strafe aufgebrummt werden, die vierfach so hoch ist wie das Weihnachtsgehalt.
Außerdem hat das doppelte Weihnachtsgehalt zur Folge, dass für Lebensmittel etc. die Preise steigen. Und das nicht nur ein bisschen. Diese Preise werden später nicht wieder runtergehen und für die Menschen, die das Geld nicht ausbezahlt bekommen, arbeitslos oder alt sind und nicht mehr verdienen, bedeutet das eine riesige Belastung.
Diese Tatsache treibt die Menschen auch wieder auf die Straßen um zu demonstrieren, zum Beispiel gegen die geplante Erhöhung der Buspreise.
Das mag jetzt sicherlich einseitig klingen, aber ich sage hier nur, wie ich die Situation erlebt habe und dass ich echt etwas erschüttert bin darüber. Ich weiß nicht, ob man sich eine Wiederwahl erkaufen kann oder was man sich bei so einer Aktion denkt.
Die Wahlen an sich scheinen für einige Leute hier sowieso schon entschieden und die Wiederwahl Evo Morales‘ und seiner Partei MAS (Movimiento al Socialismo) sicher, da die Opposition in den letzten Jahren nach und nach relativ handlungsunfähig gemacht worden sein soll…
Es wird bestimmt spannend zu sehen, was sich da in der nächsten Zeit vor den Wahlen noch alles tut.

Ein bolivianisches Weihnachten
Weihnachten in Bolivien ist traditionell sehr familienbezogen, man trifft sich am 24.12. spätabends und geht dann gemeinsam in die Kirche. Viele haben ihren Jesus aus der Krippe dabei, um ihn segnen zu lassen. Die Jesuskinder tragen hier, anders als in Deutschland, Kleidung und Mütze. Einige Familien kaufen auch jedes Jahr ein neues Kleid für ihr Jesuskind. Nach dem Kirchenbesuch (also schon am 25. frühmorgens) geht es dann heim und es wird ein ganz bestimmtes Gericht gegessen, von dem ich den Namen vergessen habe.
Da ich hier keine Familie habe, habe ich Weihnachten mit meiner Nachbarin verbracht. Wir sind am 24. vormittags auf den Weihnachtsmarkt gegangen, den kann man sich aber nicht wie einen Christkindlmarkt vorstellen, sondern es ist eher ein großer Flohmarkt, wo es alles Erdenkliche (Geschenke, Spielzeug, Essen, Kleidung, Töpfe, Porzellan, etc.) zu kaufen gibt. Unter anderem gibt es auch die Jesuskinder und die Kleidungen zu kaufen und so habe ich da dann auch mein eigenes kleines Jesuskind erstanden.

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unsere Christkindl... 🙂

Als wir wieder daheim waren, eröffnete uns eine Freundin, die vorbeigekommen war, dass man sich in Bolivien sein Jesuskind nie selber kaufen dürfe, sondern es geschenkt bekommen müsse. Daraufhin sind wir nachmittags nochmals los und meine Nachbarin hat sich auch ein Jesuskind gekauft, abends nach dem Essen haben wir sie uns dann gegenseitig geschenkt. Und dann sind wir auch mit unseren zwei Jesuskindlein in die Kirche. Ich konnte den Gottesdienst ehrlich gesagt nicht besonders genießen, ständig sind Leute rein- und wieder rausgelaufen, dann haben ein paar Handys geklingelt und dass beim Hochaltar hinter den Figuren eine bunte, blinkende Lichterkette hing, hat mich auch etwas irritiert. Ganz zu schweigen davon, dass ich in Gedanken einfach mehr bei der Weihnachtsmesse zu Hause war.
Es heißt, dass man auf sein Jesuskind ganz besonders gut aufpassen muss, weil es sonst kein Glück bringt. Dass das Jesuskind meiner Nachbarin auf dem Nachhauseweg seine Mütze verloren hat und mein Jesuskind mittlerweile schon zwei Mal runtergefallen ist (mein Kripplein ist aber auch sehr wackelig) und einen Teil von seinen Zehen verloren hat, ist jetzt hoffentlich kein schlechtes Zeichen. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich meine Oma fragen, ob sie dem Jesuskindlein nicht Söckchen stricken kann, damit es mir das Runterfallen nicht übel nimmt…

Serrano und die Weihnachtstänze
Richtig spannend und ein ganz tolles Erlebnis waren dann die Weihnachtsfeiertage, die ich mit meiner Nachbarin und einigen Freunden in Serrano, einem Dorf, ca. 5 h Fahrtzeit von Sucre entfernt, verbracht habe. Schon das Hinkommen fand ich sehr interessant, weil ich das erste Mal bewusst die so viel diskutierte Korruption erlebt habe. Der Bus wurde nämlich von der Polizei aufgehalten und kontrolliert. Es wurde festgestellt, dass das Busunternehmen 15 Tickets mehr verkauft hatte als die maximale Anzahl zugelassener Fahrgäste erlaubt hätte, und zusätzlich noch ganz viele Kinder (nicht registriert und ohne zu bezahlen) auf dem Schoß ihrer Eltern saßen. Nachdem sich der Polizist aufgeregt hatte, erklärte er, wie gefährlich es sei, wenn die Kinder nicht registriert seien, und wie sie denn dann identifiziert werden sollten, gesetzt den Fall, es passiere ein Unfall. Nacheinander sollten die Eltern rausgehen und ihre Kinder anmelden und auch dafür bezahlen, sonst könnten wir nicht weiterfahren, hieß es. Keiner von den Eltern rührte sich vom Fleck und es ging dann eine Frau hinaus, die sich vorher auch sehr über die sogenannte „Kleinlichkeit“ der Polizei aufgeregt hatte. Die muss den Polizisten dann den gewünschten/passenden Geldbetrag zugesteckt haben, denn plötzlich konnten wir ohne jeden weiteren Kommentar weiterfahren. An der zweiten Haltestelle, an der ursprünglich die anderen 15 Leute noch zusteigen sollten, ist man dann einfach vorbeigefahren. In Serrano angekommen habe ich dann die bolivianischen Weihnachtstänze erlebt und durfte auch mittanzen, was sehr viel Spaß gemacht hat. Es ziehen dabei Musikgruppen, begleitet von Tänzern, durchs Dorf und zu den Häusern, in denen eine Krippe aufgebaut ist. Dort wird dann zu Ehren des Jesuskindes gespielt, getanzt, getrunken, bis es weitergeht zur nächsten Krippe.
In Serrano hatte ich im örtlichen Museum (besteht aus einem Raum) dann auch die Möglichkeit, die größte Charango der Welt zu bestaunen, die steht übrigens auch im Guinness-Buch der Rekorde.