Von hohen Zäunen und dicken Mauern

Die letzten 4 Wochen waren ziemlich hart für mich. Nach der Euphorie der ersten beiden Monate ist die Realität, der ich hier in Johannesburg jeden Tag begegne, über mich hergefallen. Von einem Moment auf den anderen sieht man nur noch das, was nicht so gut läuft. Was nicht heißt, dass Südafrika als Staat nichts auf die Reihe kriegt. Aber an manchen Stellen ist es doch sehr schwer, für mich als Mensch mit einem schönen Heim und guten Perspektiven für das Leben, eine vollkommen entgegengesetzte Realität zu erleben und zu akzeptieren.

Da sind die Minenaufstände von vor ein paar Wochen, wo Polizisten unzählige Arbeiter erschossen haben, weil sie gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestierten. Da ist ein Mann, der in der Straße mitten am Tag zusammengeschlagen wird, blutend liegen gelassen wird und keinen kümmert’s. Da sind die Menschen, die den Tag auf den Straßenkreuzungen verbringen, um Autofahrern ein paar Cents aus der Tasche zu locken. Da ist der tägliche Kampf ums Überleben ein ganz anderer, als man sich das vorstellen kann.

Auch die Kinder im Projekt haben nicht die gleichen Chancen wie andere Menschen hier in Südafrika. Das kann man akzeptieren und sein Bestes geben, um dazu beizutragen, dass sich etwas ändert. Aber diese unfairen Zustände können einen auch lähmen. Das ist mir passiert. Man soll nicht alles zu nah an sich heranlassen. Aber wie kann man denn weggucken??

Natürlich weiß man, dass nicht alles auf der Welt gleich ist, dass es andere Lebensentwürfe gibt als die, die ich kenne. Dass es Realitäten gibt, die sehr viel härter sind, als was man sich vorstellen kann. Aber alle Theorie hilft in dem Fall nicht, mit seinen Emotionen klarzukommen, wenn man dann alles jeden Tag sieht. Warum sind Dinge so, wie sie sind? Und warum bin ich nicht stark genug, meine Emotionen in dem Fall zu unterdrücken und mich zusammenzureissen? Das Projekt an sich leistet großartige Arbeit! Auch wenn am Ende nicht alle Kinder einen Platz in einer öffentlichen Schule finden, für viele verbessern sich die Perspektiven auf eine weiterführende Ausbildung enorm. Das ist ein gutes Gefühl. Zumindest ein stückweit kann man dazu beitragen, dass sich etwas ändert.

Trotz allem ist es für mich persönlich jeden Tag eine Herausforderung, die Dinge zu sehen und nicht wirklich viel tun zu können. Theoretisch müssten sich einige Dinge im System ändern, um allen eine gute und nicht zu teure Ausbildung zu gewährleisten. Und dann müsste sich noch einiges in den Köpfen der Menschen ändern, um Menschen, die nicht aus dem eigenen Land kommen, Ausländern und
Flüchtlingen, die gleichen Chancen einzuräumen wie den eigenen Kindern. Hier wird nämlich ein deutlicher Unterschied zwischen ‘foreigners’ und ‘internationals’ gemacht.

An manchen Tagen ist es eine Herausforderung, der ich mich nicht gewachsen fühle. Man nimmt die Sorgen der Arbeit mit nach Hause, wer kennt das nicht. Aber diese Sorgen sind existenzielle Sorgen, plain and simple, aber doch die größten Sorgen, die ein Mensch im Leben haben kann. Jeden Tag aufs Neue. Wie kann ein Mensch das jeden Tag aushalten, frage ich mich? Ich muss es zum Glück nicht, dafür bin ich mehr als dankbar! Aber ich kann es auch nicht aushalten, an diesem Punkt stoße ich auf eine meiner Grenzen…

Um nochmal auf die Bild in der Überschrift zurückzukommen: Vielleicht haben besser situierte Südafrikaner einfach um alles eine Mauer oder einen Zaun gebaut und kommen so besser mit allem klar. Ich meine, die Häuser haben Zäune, die Einkaufszentren, die Unis, die Schulen… Vielleicht braucht man das hier. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich eine solche Mauer um mich herum bauen will, schließlich sind wir alle Menschen dieser Welt und sollten nicht wegsehen!