Der Titicacasee und die ersten Tage im Projekt…

6. Sep 2012 | von | Kategorie: Freiwillige 2012/13, Magdalena Hengst in Bolivien

Vor 2 Wochen war ich nach Ende meines Sprachkurses zum ersten Mal im Zentrum „Michme“, eine von vielen Projektstellen Palliris, indem ich von nun an arbeiten werde.

Dieses Zentrum ermöglicht 4-18-jährigen Kindern und Jugendlichen außerschulische Bildung  bzw. Hausaufgabenbetreuung und Verpflegung. Jeder  Tag fängt um 9 Uhr mit einem Frühstück an. Anschließend betreue ich zusammen mit einer Pädagogin (Elena, eine Bolivianerin, die vor einem Jahr als Freiwillige für ein Jahr in Deutschland in einer Schule tätig war) 10-12-jährige Kinder. Es werden Hausaufgaben gemacht, es gibt Sportangebote und Zeit zum Spielen. Nach dem Mittagessen müssen die Kinder, die vormittags „Michme“ besuchen, zur Schule (normalerweise erhält die eine Hälfte der Kinder einer Schule vormittags, die andere nachmittags Unterricht, da die Raumkapazitäten anders nicht ausreichen würden) und ich betreue eine Gruppe von etwa 6-10-jährigen bis 5 Uhr. Soviel zu meinem Tagesablauf.

Es ist wirklich schön, wie offen die Kinder hier auf einen zugehen, Fragen haben und sich mit einbeziehen lassen. Da ist es doppelt erschreckend wenn man erfährt, mit welchen Hintergründen die Kinder oft belastet sind. Viele werden zu Hause von ihren Eltern geschlagen und ich habe von einem Jungen erfahren, dessen Mutter schon mit 13 schwanger wurde. Es gibt Eltern, die auf der Straße wohnten, bevor sie von Palliri unterstützt wurden und auch Vergewaltigungen spielen eine Rolle. Das Schöne an Palliri ist, das die Organisation sich nicht nur um die Kinder kümmert, die hier angemeldet sind, sondern auch die Probleme der Familienangehörigen einbezieht. Dafür Lösungen zu finden ist jedes Mal eine Herausforderung und ich bewundere die Mitarbeiter dafür, wie sie es immer wieder schaffen, Wege zu finden, die den Betroffenen eine verbesserte Situation bieten. Auch wenn ich noch nicht immer alles verstehe, sind solche Gespräche total interessant und geben einen tiefen Einblick über die komplexe Arbeit meiner Organisation.

Ein besonderer Tag war auch mein Geburtstag. Die Kinder haben total süß für mich gesungen und nach bolivianischer Tradition hatte ich abends die halbe Torte im Gesicht, die ich nach einem Essen von meiner Gastfamilie und den anderen Freiwilligen mit denen ich momentan noch zusammen wohne, geschenkt bekommen habe.

Chris pequeño, mein sechsjähriger Gastbruder und ich auf dem Boot auf dem Titicacasee.

Am darauffolgenden Wochenende  ging es dann mit meinen Gasteltern und den beiden Kleinsten zu einem abgelegenen Dorf am Titicacasee. Dort haben wir eine andere Organisation besucht, die von italienischen Padres geleitet wird. Vorab hatten Isa und ich für einen gefühlten Monat Lebensmittel eingekauft, die danach ins Auto verfrachtet wurden.

Am Abend kochten wir dann gemeinsam ein riesiges Essen, jeder wollte in der kleinen Küche helfen und bereitete irgendetwas zu und es war ein riesiges Durcheinander da wir Spanier, Bolivianer, Italiener, ein Kanadier, eine Polin und ich als Deutsche mehr oder weniger erfolgreich versuchten uns auf Spanisch zu verständigen und sämtliche Sprachen und Dialekte hin- und herflogen. Diese Art von Gastfreundschaft hat mich wirklich sehr berührt und es wurde ein lustiger Abend.

Der Titicacasee

Der Titicacasee

Am nächsten Tag wanderten wir dann einen riesigen Berg hoch, auf dessen Spitze vor mehr als 1000 Jahren eine Kirche erbaut worden war. Auch konnte man in Felswänden noch uralte Zeichnungen von Indianerstämmen erkennen, die Jahrzehnte vor den Inka oder Maya gelebt haben. Auch der Ausblick war atemberaubend: Wir sahen  Ausläufe des Titicacasees und wieder einmal konnten wir die riesigen Berge der Anden bewundern.

Das Leben auf dem Land ist wirklich ein Kontrast zur Großstadt  El Alto. Es gibt winzige Dörfer, Häuser denen Dächer, Fenster oder ganze Wände fehlen, Kühe, Schweine und Schafe werden die Straßen entlanggetrieben und viele Familien leben vom Fischfang im Titicacasee. Generell lässt sich sagen, dass dieses Leben sehr viel härter ist und die Menschen um einiges ärmer sind.

Da hoch oben auf dem Altiplano die klimatischen Bedingungen für Landwirtschaft jeglicher Art sehr schlecht sind und Wasserknappheit herrscht, geben die Felder nicht viel her und man sieht auch den Tieren die Nahrungsnot an: Sie sind sehr dünn und klein im Vergleich zu deutschem Vieh und oft sieht man die Rippen und Knochen hervorstehen.

Die folgende Nacht verbrachten wir zu Gast bei einer anderen Organisation, die ebenfalls ein Gästehaus direkt am See besaß. Nachts konnte man das Wasser rauschen hören und am Morgen fuhren wir mit einem kleinen Schiff zu einer nahegelegenen Insel. An sich ist der See sehr gefährdet da er jedes Jahr mehr verschmutzt, doch da wir in keiner touristischen Gegend, sondern in einem ländlichen Gebiet waren, zeigte sich der See von seiner besten Seite und schillerte in den schönsten Blautönen.

So, morgen geht’s wieder ins Projekt, deswegen mach ich Schluss, bis bald,

Maggi

Tags: , , , ,

Kommentieren