„Das ist kein Kampf, das ist ein Friedenscup!”
19. Jun 2010 | von Susanne Dietmann | Kategorie: Reise, Susanne Dietmann in SüdafrikaNur zehn Kilometer liegt das Township Atteridgeville vom Super Stadium entfernt, wohin die deutsche Nationalelf noch vor wenigen Tagen zum öffentlichen Training eingeladen hatte. Und auch das Loftus-Versfeld-WM-Stadion in Pretoria ist nicht weit entfernt. Von der Weltmeisterschaft sind die Menschen in Atteridgeville dennoch gänzlich ausgeschlossen: Die Tickets sind viel zu teuer und ohne Strom können sie die Spiele meist nicht einmal im Fernsehen verfolgen.
Dennoch kommen die Bewohner während der WM jeden Samstag in den Genuss von zwei spannenden Fußballpartien – und das umsonst und direkt vor der eigenen Haustüre. Am 5. Juni war Anpfiff für die erste Partie des südafrikanischen Friedenscup – mit 64 Spielern aus 16 Nationen, von Südafrika über Ruanda bis Burundi, von Mexiko, Türkei und Italien bis Amerika. Während ein Großteil der Spieler in den umliegenden Townships lebt und ausländische Wurzeln hat, sind einige Teams aus dem Ausland zum Friedenscup angereist. So auch Pater Bertrand und seine Kicker aus der Nähe von Toulouse. Viele von ihnen haben selbst afrikanische Wurzeln. Ihr heutiger Gegner: ein südafrikanisches Team aus Atteridgeville.
Statt auf gepflegtem Fußballrasen wird auf staubig-rotem Untergrund gespielt, die Linien wurden kurzerhand mit Asche aufgezeichnet und die Tore sind die Leihgabe eines Fußballvereins. Vor Spielbeginn stehen Spieler und Schiedsrichter gemeinsam auf dem Mittelkreis und beten. Erst dann folgt der Anpfiff. Ein fehlender Spieler in der französischen Mannschaft wird kurzerhand durch einen Südafrikaner ersetzt – beim Friedenscup gelten andere Regeln als auf dem WM-Rasen. „Wir wollen, dass Menschen verschiedener Klassen, Kulturen und Religionen sich beim Fußballspiel begegnen“, erklärt Antoine Soubrier die Idee des Friedenscups. Gemeinsam mit der Ordensschwester Aine Hughes, Caritas-Koordinatorin bei der südafrikanischen Bischofskonferenz, hat er das Turnier organisiert. Das Kindermissionswerk unterstützt das Projekt.
„Das ist kein Kampf“, ermahnt der Schiedsrichter die Spieler, „das ist ein Friedenscup.“ Zwar gibt es am Ende auch zwei Verletzte, aber anders als bei der WM hagelt es in Atteridgeville keine roten und gelben Karten. Zahlreiche Bewohner – vom Kleinkind bis zum Greis – stehen am Spielfeldrand und feuern die Spieler mit Trommeln und Vuvuzelas an. Als Pausensnack gibt es Chips und Orangen. Eine ältere Frau singt und tanzt mit getrockneten Grasbüscheln für das Gelingen eines Elfmeters, bis der Linienrichter sie des Spielfelds verweist.
Viel zu schnell gehen die 60 Minuten Spielzeit um, und als der Applaus der Zuschauer nicht endet, legen die Spieler noch ein „Freundschafts-Elfmeterschießen“ drauf. Und während die WM-Zuschauer noch bis Dienstag zittern müssen, wer die Partie Südafrika-Frankreich gewinnt, steht in Atteridgeville der Sieger bereits fest: 2:1 schlägt die französische Elf die Südafrikaner, beim Elfmeterschießen gewinnen sie eindeutig mit 6:3. „Aber am Dienstag wird das anders, da gewinnen wir“, kommentiert mein Nachbar am Spielfeldrand das Ergebnis. „Vielleicht sollten wir unserer Nationalelf ein paar von unseren Spielern schicken”, schlägt Pater Bertrand vor, „damit sie diesmal ein besseres Ergebnis abliefern.”


