Ein Welpe auf Abwegen
21. Okt 2009 | von Stefanie Frels | Kategorie: Aktuell, Reise, Stefanie Frels in Uganda 2009Heute steht das Kitgum Infant Care Center auf dem Programm. Da Dr. Ojom mit im Vorstand des Kitgum Infant Care Center’s ist, fährt er mich die paar Meter dorthin. Das Center wurde 2002 gegründet, als zwei völlig unterernährte Kinder durch das WFP ins Krankenhaus kamen. Nachdem sie aufgepäppelt worden waren, hielt man es für besser, sie nicht mehr zurückzuschicken, da sie sehr schnell wieder in dem selben schlechten Zustand gewesen wären. Was zunächst auf privater Basis in gemieteten Räumlichkeiten möglich war, wurde schnell recht groß. Als der Vermieter in diesem Frühjahr den Vertrag kündigte, musste innerhalb von drei Monaten eine neue Bleibe her. Inzwischen steht ein neues kleines Gebäude auf dem Land von Terence Acaye, dem Leiter des Zentrums. Ein eigenes Bohrloch haben sie auch.
Ziele des Zentrums sind:
- Ernährung und Schutz von Waisenkindern im Alter von 0-3 Jahren, die bis zum Tod der Mutter noch gestillt wurden
- Basisgesundheitsversorgung und Bildung für die Kinder
- Rückführung der Kinder in die erweiterte Familie spätestens mit drei Jahren
- Entsprechende Weiterbetreuung der Kinder in den Gemeinden, falls keine ausreichend fähigen Pflegeeltern vorhanden sind
Falls niemand willens ist, die Kinder aufzunehmen, bleiben sie in der Obhut des Zentrums. Dies geschieht zum Glück relativ selten. Bisher wurden 139 Kinder betreut, zur Zeit sind 22 im Zentrum und 88 in der Großfamilie, acht werden durch inländische oder ausländische Patenschaften unterstützt, 21 Kinder sind verstorben.
Fünf Caretaker, von denen immer eine nachts arbeitet, sind vor allem um die Ernährung und Pflege bemüht. Leider haben sie keine Ausbildung, die sie befähigen würde, sich auch inhaltlich um die Kinder zu kümmern. Da längst nicht alle Ausgaben des Zentrums durch Spenden gedeckt werden können, hat man ein Geldverleihsystem eingeführt. Die Pflegeeltern der Kinder leihen sich kleine Summe, die sie mit 10 % Zinsen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zurückzahlen. Solche Aktivitäten werden von einem Komitee, das zu einem Grossteil aus Pflegeeltern besteht, durchgeführt.
Gegen Mittag sind Schwester Norma und ich wieder abreisebereit. Es muss nur noch das Schwein, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, verladen werden und die drei Welpen, die Father Mario haben will. Auch ein bisschen Mobiliar aus dem sich verkleinernden Büro von Schwester Norma kommt mit. Nachdem Schwein und Hunde Schutz unter dem ausladenden Schreibtisch gefunden haben, geht es los. Schwester Norma tut sich nicht leicht mit diesem Abschied, war es doch das letzte Mal, dass sie nach Kitgum kam. Viele Menschen haben sich gestern und heute von ihr verabschiedet und manche wollen sogar mit ihr nach Costa Rica gehen.
Zwischendurch halten wir für geröstete Maiskolben und Cassava. Jetzt habe ich auch schon viel mehr den Blick für die noch in den Camps verbleibenden Menschen. Viele trauen sich auch zwei Jahre nach dem Friedensschluss nicht in ihre Dörfer zurück bzw. haben ihr Land verloren oder sind einfach zu alt, um zurückzukehren. Wir halten noch einmal, da sonst die inzwischen munter auf und zugehenden Schubladen des Schreibtischs unsere Lebendfracht zu erschlagen drohen. Ziel ist wieder der Konvent in Lira.
Schwester Norma bringt zunächst ihr Schwein in Sicherheit, die Welpen wollen wir eigentlich nur schnell mit Milch füttern, bis sie abgeholt werden. Da sie auf der Ladefläche aber nur in der Milchschüssel rumstapfen, holen wir sie raus und ich lasse einen entkommen. Die nächste Stunde verbringt der gesamte Konvent mit der Suche nach dem Welpen. Die Vorstellung, dass er heute Abend von den Wachhunden zerfleischt wird, motiviert die Suchenden. Schließlich wird er völlig verschreckt in der Hecke gefunden und sofort wieder in die Box manövriert. Um weitere Katastrophen zu verhindern, wird der Koch mit der gesamten Box zu Father Mario geschickt. Jetzt müssen wir nur noch Abendessen, zum Glück!
