Ein Kraal ohne Tiere

17. Okt 2009 | von Stefanie Frels | Kategorie: Aktuell, Reise, Stefanie Frels in Uganda 2009

Eine Bewohnerin des Dorfes neben der Reisigmauer des Krals.

Eine Bewohnerin des Dorfes neben der Reisigmauer des Krals.

Heute morgen fahre ich mit Martin, dem Leiter des Community Health Departments, und seiner Kollegin in eines der Dörfer. Martin betreut insgesamt neun Gesundheitszentren, die durch ein Team von Krankenschwestern und Ärzten unterstützt werden. Unterwegs treffen wir viele Kinder mit Wasserkanistern, die oft weite Wege zu den rar gesäten Wasserstellen laufen.

Von außen werden die Dörfer durch eine feste Mauer aus ineinander geflochtenen Stöcken und Zweigen geschützt. Innerhalb dieses Kraals gibt es aus demselben Material noch einmal Unterteilungen für die einzelnen Familien. In der Mitte gibt eine große freie Fläche, auf der früher nachts die Tiere untergebracht wurden. Heute sind diese Flächen leer. Zwar gab es schon seit Jahren immer wieder Viehdiebstähle, die jedoch meist unblutig abliefen. Durch die zunehmende Verbreitung von Feuerwaffen wurden diese Überfälle aber immer brutaler, so dass heute viele Gemeinschaften gar kein Vieh mehr besitzt.

Wer noch Vieh besitzt, der bringt es abends zu Soldatenunterkünften und lässt es dort bewachen, was allerdings auch nicht immer Sicherheit bietet. An der Außenmauer des Kraals hat jede Familie ihren eigenen kleinen Eingang, der nachts durch einen Dornenzweig verschlossen wird. An einem dieser Eingänge treffen wir Helen Nachap. Sie ist ungefähr zwölf Jahre alt und hat noch zwei Geschwister. Ihre große Schwester hat selbst schon ein kleines Kind und ihre Mutter sieht schon beinah wie ihre Oma aus. Das Leben hier oben macht die Menschen schnell alt.

Helen geht wie die meisten Kinder hier nicht zur Schule. Zum einen hatte sie ein Augenproblem, welches inzwischen behandelt wurde, zum anderen fehlt der Familie das Geld für Gebühren, Schulbücher etc. Auch die anderen Geschwister gehen nicht zur Schule. Das wenige Geld, was sie durch Sammeln und Verkauf von Feuerholz erwirtschaften, deckt nicht einmal den Lebensmittelbedarf der Familie. Wir dürfen auch die Hütte und den Nahrungsmittelspeicher der Familie besuchen. Letzterer beinhaltet leere Behälter, die nur gefüllt werden, falls das World Food Programme Nahrungsmittel in ausreichender Menge liefert.

In der Hütte liegen Plastiksäcke als Schlafmatten auf dem Boden, ansonsten finden sich auch hier nur zwei Töpfe und ein paar leere Behälter. Zu Essen gibt es heute ein sehr bitteres Blattgemüse, das wild wächst. In Kombination aus Salz und anderen Zutaten kann man daraus etwas machen sagt Martin, aber so wie Helens Familie es essen muss, ist es eben nur bitter und sättigt kaum.

Auf dem Rückweg nach Matany halten wir noch an einer Grundschule. Die Nakiceleet Primary School ist für hiesige Verhältnisse eine der besseren Schulen. Im letzten Jahr haben hier zwei Kinder mit einem „first grade“ die Schule abgeschlossen. Die 15-jährige Sylvia Longes zeigt uns ihre Schule. Sie ist sehr stolz, auf so eine gute Schule gehen zu dürfen. Da manche Kinder von sehr weit herkommen, werden die Klassen abends zu Schlafräumen umfunktioniert.

Zum Waschen gibt es einen offenen kleinen Mauerbau, der von Jungen und Mädchen genutzt wird. Das Wasser muss von weiter her geholt werden, denn der Brunnen an der Schule gibt nur noch salziges Wasser, das man nicht mehr trinken kann. Der inzwischen dazu gekommene Schuldirektor, ein junger und sehr engagierter Mann, spricht auch von mangelnden Lehrmaterialien. So müssen sich zur Zeit ca. 15 Kinder ein Buch teilen, wodurch das Lernen mehrheitlich auf Nachsprechen und Auswendiglernen reduziert wird. Sylvia träumt davon, eines Tages Krankenschwester oder Lehrerin zu werden, obwohl sie weiß, dass ihre Familie nach dem Ende dieses Schuljahres kein Geld für die weiterführende Schule hat. Sie hofft sehr auf eine Unterstützung durch die Pfarrei.

Am Nachmittag erzählt Bruder Günther vom Leben im Krankenhaus. Mit unserer Hilfe wird ein großer Teil der laufenden Kosten der Kinderstation gedeckt. Man versucht durch möglichst niedrige Gebühren vor allem die Mütter dazu zu bewegen, ihre Kinder im Krankenhaus zur Welt zu bringen und sie hier auch entsprechend impfen und rechtzeitig behandeln zu lassen. Für Essen und einen Großteil der Pflege kommt in der Regel die Familie auf, deshalb gibt es auf den Innenhöfen auch viel Platz für Familien und offene Feuer.

Das Krankenhaus leidet auch sehr unter der mangelnden Sicherheit. So musste es mehrfach geschlossen werden, weil Krankenhauspersonal auf dem Weg zu einem Einsatz angegriffen wurde. Die einzige Möglichkeit, sich dagegen zu wehren und die Bevölkerung zu mobilisieren, ist die Schließung, wobei die stationären Patienten bleiben, aber keine ambulanten Fälle mehr behandelt werden. In der Regel ist sich die Bevölkerung dann sehr schnell darüber einig, dass das Krankenhaus und sein Personal schützenswert sind.

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