Viele Narben sind noch nicht verheilt

22. Jun 2009 | von | Kategorie: Jonathan Kempen in Südafrika 2009, Reise

Da ich seit Freitag mit Fieber, Husten und laufender Nase ans Bett gefesselt bin, habe ich im Moment viel Zeit zum Lesen. Heute Morgen habe ich Nelson Mandelas „Long Walk to Freedom“ zu Ende gebracht. In dieser sehr umfangreichen Autobiographie erfährt man viel über die Geschichte Südafrikas und den Kampf gegen die Apartheid.

Heute sieht man nirgends mehr Schilder, die es Schwarzen verbieten, den Strand oder eine Parkbank zu benutzen, doch weiterhin gibt es eine gewisse Apartheid, nicht nur in den Köpfen der Menschen. Schwarze (Africans) und weiße Südafrikaner (Afrikaaner/Buren) leben weiterhin in verschiedenen Wohngebieten, haben unterschiedliche Bildungsstandards und kaufen in unterschiedlichen Supermärkten ein. Sie essen in unterschiedlichen Restaurants und besuchen unterschiedliche Sportveranstaltungen – Fußball für Schwarze, Rugby und Cricket für Weiße.

Es gibt auf beiden Seiten viele Narben, die noch nicht wirklich verheilt sind. Es gibt viele Afrikaaner, die einzig und allein die Apartheid kannten und bis heute nicht mit dem neuen System zurecht kommen. Frikkie zum Beispiel ist ein richtig toller Kerl und überzeugter Christ, doch er hat Jahrzehnte lang in einem System gelebt, welches ihm beibrachte, dass er den Schwarzen überlegen ist. Hin und wieder höre ich von Frikkie Kommentare über die „Kaffer“ (eine sehr abwertende Bezeichnung für Schwarze), doch ich weiß, dass er das eigentlich nicht böse meint.

Es gibt viele Schwarze, die den Weißen als Feind oder Überlegenen sehen. Schon oft haben sich Pfleger bei mir entschuldigt, obwohl ich etwas falsch gemacht hatte. Einmal wurde ich sogar mit „baas“ (Afrikaans für Herr/Meister) angesprochen.

Wenn ich allerdings am Samstagabend vor dem Fußballspiel die südafrikanische Nationalhymne höre, fühlt sich das alles ganz anders an. Sie wird in Zulu, Xhosa, Süd-Sotho, Afrikaans und Englisch gesungen. Ich sehe dann, wie Weiße, Schwarze und Farbige – ehemalige Feinde – gemeinsam singen und den Stolz auf ihr wunderschönes Land bekunden.

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