“Du kannst nichts tun”
10. Dez 2008 | von Julia Schappert | Kategorie: Julia Schappert in Ruanda 2008, ReiseJulia in Ruanda, 12. Eintrag
Zum Tag der Menschenrechte
Zuerst sieht man nur Steine, graue Quader die ordentlich in die Höhe gestapelt sind. Dann ein kleines Gesicht, schmutzig vom Staub. Stück für Stück kommt der Rest des Jungen hervor, als er den Hang hinauf klettert. Auf dem Kopf transportiert er ungebrannte Ziegelsteine. Er ist kaum älter als zehn. Weitere Kinder tragen die Steine den Hügel hinauf.
“Du kannst nichts tun”, sagt Vestine und zuckt die Schultern. “Aber Kinderarbeit ist doch auch in Ruanda verboten”, rufe ich empört, “ich gehe zur Distriktleitung”. “Meinst du, die wissen das nicht?”, fragt Vestine. Sie hat Recht. Das Büro des Sektors ist nur einen Hügel entfernt. Zuviele Probleme, zuwenig Mitarbeiter, zu wenig Geld - die schöne Politik und die Versprechen aus der Hauptstadt lassen sich hier auf dem Land kaum durchsetzen.
“Wenn du diese Baustelle schließt, arbeiten die Kinder morgen woanders,” sagt Vestine. Wieder hat sie recht. Es ist die Saison zwischen den Ernten. Wenn die Kinder nicht arbeiten, können sie nicht essen. Das wissen die Kinder und das wissen auch ihre Eltern, die sie hierher schicken. “Du musst erst die Gesellschaft für das Problem sensibilisieren bevor sich etwas ändert. Erst müssen auch die Eltern begreifen, dass sie ihre Kinder nicht mehr zum Arbeiten schicken sollen.”
Heute ist der Tag der Menschenrechte. Auch wenn sich seit der Erklärung vor genau 60 Jahren bestimmt viel getan hat: Noch lange sind diese Rechte nicht für alle Menschen Wirklichkeit. Der größte Feind der Menschenrechte ist die Armut. Oder in den Worten des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan: „ Immer, wenn wir einen Menschen aus dem Leben in Armut erlösen, verteidigen wir Menschenrechte. Und immer wenn wir versagen, verraten wir Menschenrechte“. Ich kehre um und lasse die Kinder mit ihren Steinen zurück. Ich fühle mich wie ein Verräter.

