Grausamer Streik

Heute Morgen holt mich Schwester Madeleine Schaffhauser von den Ursuline Sisters ab. Sie ist die neue Verantwortliche für unser Patenschaftsprogramm Mount Nicolas in Libode.

In Cala ist noch alles gefroren, aber die Sonne steigt schon langsam über die Berge. Ich kann mich nur schlecht von den beiden Schwestern hier trennen, die mir in der kurzen Zeit, das nun leer stehende Kinderheim als auch das ISIBINDI-Projekt um so vieles näher gebracht haben.

Die Schule in Mount Niclas
Auf der zweieinhalbstündigen Fahrt nach Libode erzählt Schwester Madeleine sowohl von der Entwicklung der Mission in Port St. John’s und in Libode. Wir haben das Projekt in Port St. John’s über viele Jahre unterstützt, zuletzt war Schwester Callista Zeder verantwortlich. Aber nach dem Tod ihrer Mitschwester Kaspar konnte sie nicht als einzige Schwester alleine dort bleiben und kehrte in die Schweiz zurück. Sie hat sich jedoch rechtzeitig vor ihrem Weggang um eine Weiterführung des Programms bemüht. Schwester Madeleine wird die Kinder aus Port St. John mit unseren Geldern noch so lange unterstützen, bis diese ihre Ausbildung beendet haben und auf eigenen Füßen stehen. Dann sollen die Patenschaftsgelder Waisen in Libode helfen, die in Mount Nicolas in die Schule gehen. Die Schule wurde lange Jahre von den Schwestern geführt. Nun haben die Schwestern die Schule an den Staat vermietet. Das hat den Vorteil, dass der Staat für die Kosten der Schule mit neun Jahrgangsstufen aufkommen muss. Das ist bei rund 800 Kindern mit entsprechender Lehrerzahl sehr viel Geld, das die Schwestern nun nicht mehr aufbringen müssen. Die Schule hat ein Board, bestehend aus Eltern, Lehrern und Schwestern. Diese entscheiden gemeinsam über die Entwicklung der Schule. Neben den Lehrerplanstellen, kann das Board zusätzliche Lehrer einstellen, die dann aus einem gesonderten Fonds bezahlt werden.

Streikbrecher werden verprügelt, angeschossen, erhängt
Das angrenzende Hostel liegt in der Hand der Schwestern. Verglichen mit rein staatlichen Schulen ein kleines Paradieses. Zur Zeit ist aber auch dieses ohne Schüler. Die landesweiten Streiks dauern an. Die Schule liegt nahe an der Straße, und es würde sofort auffallen, wenn der Unterricht mit ein paar Lehrern fortgeführt würde. Streikbrecher werden im Moment aus den Klassenraeumen, Krankenstationen und Büros herausgezerrt, beleidigt, verprügelt, angeschossen, erhängt. Die Schüler, die an diesem Unterricht teilnehmen, trifft dasselbe Schicksal.

Schotterpiste nach Cwele
Am Nachmittag fahre ich weiter nach Cwele. Cwele Mission ist nur über eine Schotterpiste zu erreichen und etwa eine Stunde von Libode entfernt. Uns begegnen immer wieder Menschen mit langen Grasbündeln auf dem Kopf. Dieses Gras benutzten die Xsosa um ihre Dächer zu decken. Die meisten Häuser haben weder Strom, noch sind sie an die staatliche Wasserversorgung angeschlossen. Viele junge Frauen mit Wassereimern sind unterwegs.

Mir fällt auf, dass ich viel zu wenige Bilder mache. Aber manchmal müssen einfach nur noch meine Augen reisen und sich ein bisschen von dem erholen, was ich jeden Tag in den Hütten, Heimen und auf der Straße erlebe. Häufig fehlt mir der emotionale Abstand, den ich früher ohne eigene Kinder hatte.

Brennende Felder
Schwester Rosemarie hat mir in Cala versprochen, dass in Cwele drei hohe Palmen stehen und ich von dort das Meer sehen kann. Leider kommt der Wind aus dem Landesinneren und scheint die Rauchschwaden der abbrennenden Felder, über den ganzen Himmel zu verteilen. Die Menschen brennen riesige Flächen ab. Das nachwachsende Gras sei viel besser für die Tiere, sagen sie. Der Begriff „soil erosion“ und die damit verbundenen Probleme für die Umwelt und ihr eigenes Leben, haben die Menschen auch hier noch nicht erkannt.

Hintergründe des Streiks
Dafür ist es warm und riecht nach Indischem Ozean. Alles ist ein wenig klamm und die Gebäude zeigen die typischen Verfallserscheinungen, die in diesem Klima bereits nach einem Jahr auftreten.
Auf dem Gelände der Mission liegt auch die grosse Schule, die von rund 900 Kindern besucht wird. Das Konzept ist das gleiche wie in Libode. Allerdings haben sowohl Missionsstation als auch Schule schon bessere Tage gesehen. Selbst hier auf dem Land wird gestreikt. Ich treffe noch ein paar Kinder, die gerade von ihren Eltern abgeholt werden.
Offizieller wäre am 29. Juni Schulschluss. Aber nun harren die im Internat untergebrachten Kinder bereits seit drei Wochen ausgeharrt und es hat sich nichts getan. Die anfängliche Hoffnung auf eine schelle Einigung hat sich in Nichts aufgelöst. Inzwischen ist die Regierung der Forderung der Streikenden auf 8% entgegengekommen. Die beharren aber weiterhin auf 12,5 % mehr Lohn und würden höchstens bis 10% runtergehen. Auch die Androhung „no work , no pay“ hat hier bisher niemanden wirklich bewegt. Dahinter steckt aber wohl mehr als nur der Wunsch nach einer Gehaltserhöhung, die es allerdings in den letzten 12 Jahren auch nicht wirklich gegeben hat.

Zur Zeit wird um die Führung des ANC gestritten. Der ernsthafteste Rivale von Mbeki ist Zuma. Er ist Zulu und hat somit grosse Teile der Bevölkerung hinter sich. Sein gesamtes Bestreben geht dahin, die Regierung Mbeki moeglichst schlecht dastehen zu lassen. Warum Mbeki diesem Treiben allerdings – zumindest nach außen hin – so tatenlos zusieht, kann sich niemand erklären.
Zwar schickt er bewaffnete Soldaten in Uniform in die Krankenhäuser, aber nicht um die Streikenden zurück zur Arbeit zu bringen, sondern lediglich um größeren Ausschreitungen vorzubeugen.

Es sind wieder fünf Kinder gestorben. In Mt. Flechter hat man sich im Krankenhaus geweigert sie aufzunehmen. Die Grausamkeit dieses Streiks scheint keine Grenzen mehr zu kennen.

Zum ersten Mal friere ich abends nicht mehr.